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Jeanette Ramakuela aus dem Kirchenkreis Devhula-Lebowaüber die tödliche Krankheit

" Den Kampf gegen Aids gewinnt niemand allein"

Obernkirchen. Mit ihren 53 Lebensjahren hat sie die durchschnittliche Lebenserwartung eines Südafrikaners um genau zehn Jahre überboten. Denn etwa fünf Millionen Menschen - rund 20 Prozent der Bevölkerung Südafrikas - sind mit dem HI-Virus infiziert. Täglich sterben 600 Menschen an den Folgen von Aids. Dass es nicht mehr werden, dass die Lebenserwartung, die von knapp 65 Jahren 1990 um 15 Jahre sank, nicht noch weiter sinkt, dafür kämpft Jeanette Nditsheni Ramakuela aus Venda, einem Ort im Kirchenpartnerkreis Devhula-Lebowa.

veröffentlicht am 03.06.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Frank Westermann

Jeanette Nditsheni Ramakuela arbeitet ehrenamtlich auf Kirchenkreisebene, organisiert Workshops für Gemeindeglieder, hilft, wenn Not am Mann ist, stellt neue Entwicklungen vor - sie geht zu Menschen, die nicht darüber sprechen möchten, dass es Aids gibt. Was vor gut zehn Jahren noch ein Nicht-Thema war,über das nicht gesprochen wurde, weil es dann nicht existierte, ist heute nicht mehr zu übersehen: Aids reißt riesige Wunden in die Bevölkerung und stellt den natürlichen Lauf der Welt auf den Kopf: Großeltern, die sich um ihre Enkel kümmern, weil ihre Kinder vor ihnen gestorben sind. Denn betroffen von Aids ist vor allem die erwerbsfähige Generation, die für den Unterhalt der Familie sorgen muss. Wenn die Eltern sterben, übernehmen meist Großeltern, Verwandte oder Nachbarn die Verantwortung für die Kinder. Doch sie sinddamit oftüberfordert. So zerstören die Krankheit und der Tod der Eltern auch die Lebensperspektive der Kinder. Jeanette Nditsheni Ramakuela vermittelt zwischen der Kirchenkreisebene und den Untergemeinden. Denn nicht alle Gemeinden sind organisiert, sie fährt dann dort hin, um zu überzeugen, dass man sich organisieren muss: "Denn allein gewinnt den Kampf gegen Aids niemand", erklärt sie im Pressegespräch: "Als Einzelner erreicht man gar nichts." Und so sitzt sie an der Schnittstelle der Kirche, um sich mit Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen auszutauschen, "damit jeder auf dem gleichenLevel ist", damit keine unnötige Arbeit entsteht, keine Energie verschwendet wird. Sie ist Netzwerkerin, erklärt sie. Und sie ist keine Theoretikerin, sondern steht ihren Mann im alltäglichen Arbeitsleben dort, wo die Folgen von Aids drastisch zu beobachten sind: Im Krankenhaus, wo den Opfern oft nur noch ein möglichst menschenwürdiger Tod bleibt. Aber die Dinge haben sich verändert, sagt die vierfache Mutter, früher wussten die meisten Menschen in ihrer Heimat gar nicht, dass man sich testen lassen kann, oder sie hatten Angst vor einem positiven Ergebnis, eine Behandlung gab es nicht, Kondome waren nicht üblich: "Das Thema wurde buchstäblich totgeschwiegen. Heute gibt es Aufklärung rund um die Uhr." Vieles hat sich geändert, auch, weil es Fragen aufwirft, wenn der Nachbar oder der Sohn, die Arbeitskollegin oder die Tochter an Aids sterben: "Dann fallen die letzten Scheuklappen", sagt Jeanette Nditsheni Ramakuela, und nach einem kurzen Moment: "Meistens. Denn es gibt Menschen, die hören und sehen können, und es gibt Menschen, die wollen keine Augen und Ohren haben." Menschen, sagt sie mit ihrer großen Lebenserfahrung, Menschen sind eben Menschen. Aber es gibt Hoffnung, es sind Fortschritte zu verzeichnen: "Heute ist jeder informiert, es gibt kostenlose Behandlungen, die Mehrheit lässt sich testen, selbst der Test von beiden Partnern vor einer Hochzeit ist nicht mehr ungewöhnlich." Besonders hoch ist die Infektionsgefahr bei Frauen. Sie sind fast doppelt so stark betroffen wie Männer. Ein Drittel aller Schwangeren ist infiziert. Wegen der schlechten medizinischen Versorgung überträgt jede dritte HIV-infizierte Schwangere die tödliche Immunschwächekrankheit auf ihr Kind. Doch der Tod, der große Gleichmacher, unterscheidet wenig zwischen reich und arm, erzählt Jeanette Nditsheni Ramakuela: "Es sterben auch die mit dem Geld. Sie gehen oft viel zu spät in ihre Privatklinik. Sie sind zu stolz, um zu einem Arzt zu gehen, sie wollen dabei auch nicht gesehen werden. Und wenn sie es dann tun, ist es zu spät für sie. Dann hilft auch kein Geld mehr." Was kann ein südafrikanischer Besucher im Kirchenkreis Schaumburg mitnehmen? Sehr viel, sagt Jeanette Ramakuela. So war sie beeindruckt von der Arbeit der Lazaruslegion in Hannover, die sich um Aidskranke kümmert, man will in Kontakt bleiben und Informationen austauschen, erklärt die Networkerin. Besucht hat sie auch die Gomel-Kinder, die zurzeit in der Bergstadt sind. Dabei sind ihr erstaunliche Parallelen zwischen ihren südafrikanischen und den weißrussischen Kindern aufgefallen: Auch sie wachsen überwiegend ohne Eltern auf. Und so ein Urlaub, sei er noch so kurz, der würde ihren Aidswaisen auch gut tun, dann könnten sich die Großeltern und die Kinder einmal erholen. Und dann erzählt Jeanette Nditsheni Ramakuela von dem Stress und der großen Traurigkeit in ihren Selbsthilfegruppen, von Aidswaisen, für die niemand etwas tut, denen niemand eine helfende Hand reicht. Bereits jetzt gibt es Hunderttausende an Waisenkindern, deren Eltern an Aids gestorben sind. Denn die Natur, sie steht Kopf in Südafrika.



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