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Michael Boyer und der Rattenfänger

Den „alten Mike“ gibt es schon lange nicht mehr

Hameln. Der Pfeifer dominiert sein Leben: „Er hat mich entführt wie einst die Kinder“, sagt Michael Boyer: „Der Mike von früher existiert nicht mehr.“ Seit Jahren plant der Rattenfänger-Darsteller sein Privatleben immer nur wenige Stunden im Voraus. Und selbst dann kann noch etwas dazwischenkommen – wie die überraschende Stadtführung, der gerade mal wieder ein Termin mit Freunden zum Opfer gefallen ist. Trotzdem liebt er die Sagenfigur, verspürt auch nach 16 Jahren noch ihren Zauber: „Er blitzt immer wieder auf.“

veröffentlicht am 03.07.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 23.10.2009 um 15:42 Uhr

Michael Boyer

Autor:

Karin Rohr

Licht und Schatten im Leben eines Mannes, der wie kaum ein anderer Hamelns Galionsfigur Gesicht gegeben hat: Michael Boyer – für viele ist er der Rattenfänger schlechthin. Ein Amerikaner, der sich dies früher nie hätte träumen lassen. „Aber alles lief darauf hinaus“, meint der 48-Jährige rückblickend. „Immer wenn ich dachte, ich breche aus meinem Leben aus, brachte mich die Entscheidung hierher.“ Zum Rattenfänger. Nach Hameln. Bestimmung? „Das Resultat sieht wie Bestimmung aus“, gibt Boyer zu: „Der Rattenfänger ist mein Schicksal.“

Manchmal klebt das Kostüm an ihm

Es scheint, als ob der Amerikaner mit der Figur so verwachsen ist, dass sich diese gar nicht mehr abschütteln lässt, er längst eins mit dem Rattenfänger ist. „Ich zieh’ ihn an mit dem Kostüm und leg’ ihn auch wieder ab mit dem Kostüm“, meint Boyer, räumt aber sofort ein: „Nein, manchmal klebt es auch an mir.“ Dann hat er das Gefühl, den Pfeifer einfach nicht loszuwerden. Und dann passiert es auch schon mal, dass er gedankenverloren jemandem in dem altmodischen Sprachstil und -duktus des Rattenfängers antwortet und der dann ganz konsterniert oder sogar beleidigt ist, weil er sich veralbert fühlt.

Aber es gibt auch die vielen schönen Seiten an dem Job: Die Begeisterung, mit der ihm Zuhörer auf dem Weg in Hamelns Vergangenheit folgen. Oder alte Freunde, die sich überraschend melden, weil sie sein Bild in der Zeitung oder im Fernsehen gesehen haben. Und ganz glücklich ist er darüber, dass seine Familie von Anfang an mitgezogen hat: „Sonst wäre das gar nicht gegangen“, sagt Boyer. Ehefrau Bärbel begleitet ihren Mann, wann immer es möglich ist. Und Sohn Brian, der im Jubiläumsjahr einen der beiden düsteren Rattenfänger verkörpert, wurde die Rolle des Vaters „schonend beigebracht“, erzählt Michael: „Und für ihn war das okay.“

Die Optik hat er dem Rattenfänger angepasst

Okay findet Boyer auch, dass er sein Äußeres der Optik des Rattenfängers angepasst hat. Die langen Haare, das Ziegenbärtchen – ohne seine Dauerrolle würde er wohl anders aussehen. Spontan greift Michael zu seinem Portemonnaie, fischt den Führerschein heraus, zeigt das Bild von damals. Man muss schon zweimal hinschauen, um ihn zu erkennen: kurze Haare, große Brille, Schnurrbart. Im Rattenfänger-Look sieht er eindeutig romantischer und jünger aus. Für die Optik hält er sich auch fit: „Der Rattenfänger muss schlank sein“, sagt er. Zwar ist Boyer das von Natur aus, aber im Winter achtet er schon auf seine Figur; denn: „Ich esse leidenschaftlich gern“, gesteht er. Früher habe er selbst gern gekocht: „Aber Bärbel ist eine fantastische Köchin und für mich ist es Luxus, so verwöhnt zu werden.“

Der „alte Mike“ hat nicht nur gern gekocht, sondern auch noch ein paar andere Dinge gern getan: Er hat Volleyball in der Bezirksliga gespielt, ist Rad gefahren, hat Lenkdrachen steigen lassen, fotografiert – und Musik gemacht: „Gesang und Gitarre.“ Die Gitarre hat er nicht mehr angefasst, seit er als Pfeifer flöten muss. Auch das ein Tribut an die Sagenfigur.

Vor 48 Jahren in Harrisburg im US-Staat Pennsylvania geboren, hat Michael Boyer schon früh sein Interesse an deutscher Geschichte und Kultur entdeckt. Als er sich mit 18 Jahren zum Militär meldete, wünschte er sich nach der Grundausbildung nur, nach Deutschland versetzt zu werden. Kein Problem: „Das wollte damals keiner“, meint Boyer rückblickend. Er landete in Süddeutschland, wo er später auch seine Bärbel kennenlernte. Zwischen beiden hat es schnell gefunkt. Liebe auf den ersten Blick? „Eher eine tiefe Seelenverwandtschaft, eine ganz große Nähe“, meint Michael. 1987 wurden die Boyers im Weserbergland heimisch. Und Bärbel folgte ihrem Mann auf dem Weg in die Tourismus-Branche: „Sie hat die Stadtführungsprüfung abgelegt, ist voll integriert.“

Das Leben des „alten Mike“ gibt es nicht mehr: „Wenn ich nicht der Rattenfänger bin, bin ich daheim“, sagt Boyer. Denn auch als Privatmann muss er über die Kreisgrenze flüchten, um unerkannt zu sein: „Sauna in Hameln-Pyrmont geht gar nicht“, meint Hamelns Dauerrattenfänger, der seinen Urlaub am liebsten im Schwarzwald verbringt.

Darf ein Pfeifer in Pension gehen?

Doch selbst in seiner karg bemessenen Freizeit bleibt der Pfeifer präsent. „Meine Hobbys haben mit ihm zu tun“, erklärt Boyer und listet den Volkshochschulkurs auf, den er über den Rattenfänger erarbeitet hat. Oder das Rattenfänger-Ballett zum Tag der Niedersachsen, bei dem er mitwirkte. Und die Vorbereitungen zum großen Kinderauszug, ein alter Traum von ihm, der mit der Hamelner Hilfsorganisation Interhelp als Partner endlich wahr wurde.

Im Jubiläumsjahr hat der umtriebige Pfeifer noch mehr zu tun als ohnehin schon. Auch wenn Boyer nicht das düstere Motto bedient: „Aber ich war Geburtshelfer für den mystischen Rattenfänger“, erzählt er. Er habe die Dramaturgin und Regisseurin Johanna Kunze, die dem dunklen Pfeifer sein Gesicht gab, mit allen Informationen zu der Sagenfigur versorgt. „Was dann herauskam war mir aber zu dunkel“, sagt Boyer und stellt fest: „Der bunte ist schon grausig genug.“ Warum? „Weil die Kinder ihn erst mal als eine Art Clown wahrnehmen und sich dann fürchterlich erschrecken, wenn ich ihnen erzähle, wie ich sie entführe“, meint Boyer und findet: „In dem bunten Rattenfänger steckt viel mehr Grauen.“

Gibt es eine Pensionsgrenze für ihn als Rattenfänger? „Wenn man als Darsteller nicht mehr ästhetisch ist, soll man aufhören“, meint Boyer nachdenklich. Der Pfeifer müsse als Verführer jung und schlank sein. Ein Glück für Hameln, dass der 48-Jährige locker für 15 Jahre jünger durchgeht. Allerdings: „In letzter Zeit werde ich von den Toruisten nicht mehr gefragt, ob ich noch Student bin“, meldet Michael lachend erste leise Zweifel an.



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