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Dem Atomtransport auf der Spur

Das Wetter, verhindertes Strahlenschutzpersonal, ein Brückeneinsturz, eine Revision, unfertige Ware, Sicherheitsbedenken – diese und weitere Ursachen werden derzeit in der Atomkraftgegner-Szene als mögliche Gründe für die Verzögerung bei dem in Grohnde erwarteten Mox-Transport gehandelt. Dessen ungeachtet versuchen die Atomkraftgegner herauszubekommen, wann und über welche Route die brisante Fracht auf das Gelände des Grohnder Atomkraftwerkes gebracht wird.

veröffentlicht am 10.03.2010 um 09:33 Uhr
aktualisiert am 10.03.2010 um 10:19 Uhr

Mit Internettechnik beobachten Atomkraftgegner das Transportschi

Autor:

Matthias Rohde

Das Wetter, verhindertes Strahlenschutzpersonal, ein Brückeneinsturz, eine Revision, unfertige Ware, Sicherheitsbedenken – diese und weitere Ursachen werden derzeit in der Atomkraftgegner-Szene als mögliche Gründe für die Verzögerung bei dem in Grohnde erwarteten Mox-Transport gehandelt. Dessen ungeachtet versuchen die Atomkraftgegner herauszubekommen, wann und über welche Route die brisante Fracht auf das Gelände des Grohnder Atomkraftwerkes gebracht wird. Dabei bedienen sie sich vor allem der neuen Medien. Speziell das Internet ist dabei eine wichtige Säule ihrer Forschungen, wie Bernd Schlinkmann vom Anti-Atom-Plenum Weserbergland erklärt: „Zunächst einmal müssen die Mox-Elemente aus dem britischen Sellafield per Schiff in einen deutschen Hafen gebracht werden.“ Schlinkmann und die heimischen Atomkraftgegner gehen davon aus, dass für diesen Seetransport nur ein Schiff infrage kommt: Die „Atlantic Osprey“. „Derzeit liegt das Schiff vor der britischen Küste“, weiß auch Thomas Jürgens (Grüne), Mitglied im Emmerthaler Gemeinderat, denn: „Es gibt verschiedene Schiffsortungssysteme, die die aktuelle Position eines Schiffes exakt bestimmen können.“

Im Internet werden die Schiffsdaten dann über eine Software in die unterschiedlichen virtuellen Landkartendarstellungen eingefügt und mit Basisinformationen, wie zum Beispiel Fahrtgeschwindigkeit, Bestimmungshafen, Fracht und dergleichen mehr hinterlegt. Aktuell werde das Schiff von den Ortungssystemen vor der Küste Britanniens ausgemacht. „Ich weiß nicht, ob es möglich ist, dass sich Schiffe vor den Ortungssystemen verstecken können, aber wir gehen derzeit davon aus, dass die ‚Atlantic Osprey‘ noch in der Irischen See ankert“, sagt Schlinkmann. Um Informationen aus erster Hand zu erhalten, wird derzeit der Kontakt zu englischen Atomkraftgegnern aufgebaut. „Wir haben erste Kontakte zu der Anti-Atomkraftszene in England hergestellt und erwarten von dort in den nächsten Tagen weitere Details.“

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie (BSH), das in Deutschland für Navigations- und Funkausrüstungen zuständig ist, kennt die Diskussion über die Möglichkeit, Schiffe zu „verstecken“ – vor allem aus den Piraterievorfällen vor der afrikanischen Küste in den letzten Jahren. Eines der von Piraten gekaperten Schiffe soll angeblich über einen gewissen Zeitraum in der Ostsee versteckt worden sein. BSH-Pressesprecherin Gudrun Wiebe: „Zwar wurde in unserem Haus auch über die Möglichkeit diskutiert, Ortungssysteme so zu manipulieren, dass Schiffe nicht aufzufinden sind. Aber für diesen sicherheitsrelevanten Bereich sind wir nicht zuständig.“ Es sind vor allem die Daten des AIS (Universal Shipborne Automatic Identification System), auf das sich die Atomkraftgegner bei ihren Recherchen stützen. Diese Geräte werden vom BSH geprüft und zugelassen. Julie Heinl, die Pressesprecherin des Bundesverkehrsministeriums, sagt: „Das Abschalten des AIS ist nur in Ausnahmefällen, unter Einhaltung internationaler Rechtsvorschriften erlaubt und auch nur dann, wenn eine unmittelbare Gefahr für das Schiff besteht und der Kapitän den Vorfall im Schiffstagebuch dokumentiert.“

Transport eines leeren Castor-Atommüllbehälters am vergangenen F
  • Transport eines leeren Castor-Atommüllbehälters am vergangenen Freitag nach Grohnde – unbemerkt von möglichen Demonstranten. Foto: pr

Die heimischen Atomkraftgegner sind mit Bürgerinitiativen und Anti-Atomkraftgruppen in ganz Norddeutschland vernetzt. Über diese internen Netzwerke fließen regelmäßig Informationen in nur wenigen Sekunden von einem Ort zum anderen. „Der Probelauf in Cuxhaven im letzten Jahr wurde von aufmerksamen Bürgern entdeckt und diese Information dann von den örtlichen Atomkraftgegnern in Windeseile weiterverbreitet“, sagt Jürgens, der seit der „Schlacht von Grohnde“ 1977 bekennender Atomkraftgegner ist und seit 1992 vis-à-vis zum Grohnder Atomkraftwerk in Börry lebt. Er erinnert sich: „Natürlich war das früher alles ein bisschen anders, vieles lief übers Telefon, und an Informationen heranzukommen, war sehr schwer.“ Heute stelle die Informationsbeschaffung kein großes Problem mehr dar. „Termin und Route der Atomtransporte werden aus Sicherheitsgründen zwar geheim gehalten, aber so ein Transport ist ja nicht unsichtbar“, meint Schlinkmann.

Im Moment verfolgen die Atomkraftgegner zwar aufmerksam via Internet die Schiffsbewegungen vor der britischen Küste, richten ihren Blick aber auch nach Deutschland, denn: „Wenn der Transport einen deutschen Hafen erreicht hat, dann wird er entweder über Straßen oder Schienen nach Grohnde gebracht“, sagt Schlinkmann. Für die Mox-Elemente werden Spezialfahrzeuge eingesetzt, so dass vieles auf einen Transport über Straßen hindeutet, vermuten die Atomkraftgegner. Andererseits seien in Grohnde bisher vor allem Schienentransporte beobachtet worden. Jürgens erinnert sich: „Als vor Jahren ein Transport in Grohnde erwartet wurde und die Betreiber einen solchen Transport dementierten, haben Atomkraftgegner die Gegend um das Kernkraftwerk aufmerksam beobachtet.“ Wenig später seien die Hecken rechts und links der Gleise soweit zurückgeschnitten worden, dass eine Person bequem neben einem Schienenfahrzeug herlaufen könne, berichtet Jürgens und erklärt, dass dies ein eindeutiges Indiz für einen anstehenden Transport gewesen sei, der kurze Zeit später auch erfolgte.

Während heute vor allem die modernen Kommunikationsmittel den Atomkraftgegnern in die Hände spielen, waren es früher meistens die Beobachtungen von in der Antiatombewegung engagierten Bürgern. Dabei tarnten sich die Aktivisten zum Beispiel als Ornithologen, allerdings mit mäßigem Erfolg, wie Jürgens erzählt: „Wir hatten uns einmal in der Nähe des Grohnder Atomkraftwerks postiert, um zu schauen, ob es Hinweise für einen anstehenden Transport auf dem Gelände gibt. Als uns das Wachpersonal entdeckte und fragte, was wir denn dort zu suchen hätten, antwortete eine Atomkraftgegnerin: ‚Wir beobachten Vögel.‘“ Das Wachpersonal habe den angeblichen Vogelkundlern unverzüglich einen Platzverweis ausgesprochen.

Auch heute ist die Beobachtung der in Frage kommenden Wegstrecken durch Menschen vor Ort immer noch ein wichtiger Faktor für die Atomkraftgegner. Selbstverständlich werden auch die Behörden zu Rate gezogen, sagt Schlinkmann und dennoch setzen die Atomkraftgegner vor allem auf das Engagement der Bürger, denn das Umweltbewusstsein in der Bevölkerung sei gestiegen, so Schlinkmann. Und die Gefahren, die von der Atomkraft ausgingen, würden intensiver wahrgenommen.

Der Bildschirm zeigt einen Teil der Irischen See. Ein Schiff ist zu erkennen, es liegt im Hafen von Workington. Der Atomkraftgegner, der die Karte täglich kontrolliert, glaubt: „Wenn sich dieses Schiff in Bewegung setzt, dann bringt es Mox-Brennelemente nach Grohnde.“ Mit moderner Technik will die Anti- Atom-Bewegung frühzeitig Hinweise auf den Transport bekommen – um den Protest mobilisieren zu können.

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