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Kooperationen von Krankenkassen mit Versandhäusern werfen auch in Rinteln ernsthafte Fragen auf

Datenschutz von Patienten wirklich gesichert?

Rinteln (ur). Strafanzeige wegen Datenmissbrauchs will der Rintelner Jörg Balsmeyer stellen, nachdem seine betagten Eltern ohne vorherige Ankündigung in der bekannten Manier von Callcentern per Telefon mit Offerten zu medizinischen Hilfsmitteln regelrecht überrumpelt wurden.

veröffentlicht am 03.09.2008 um 00:00 Uhr

Strafanzeige wegen Datenmissbrauchs will der Rintelner Jörg Bals

Für das Unternehmen "Medi-Markt" aus Mannheim erklärten die redegewandten Mitarbeiterinnen, im Auftrag der AOK zu handeln und künftig die Lieferscheine für anatomische Vorlagen, Elastikhosen und andere Hilfsmittel direkt aufzunehmen und notierten gleich mehrere Bestellungen von Verbrauchsmaterialien. "Meine Mutter wurde dafür aus dem Schlaf gerissen und wusste auf Anhieb gar nicht, was man da von ihr wollte", kritisiert Balsmeyer das Verfahren und sieht die Gefahr des weiteren Missbrauchs für gegeben: "Mit dem Türöffner AOK können die doch noch ganz andere Dinge an die Leute bringen." Denn schließlich erhieltendie Firmen ja durch die Krankenkassendaten über Hilfsmittel jede Menge Informationen zur gesundheitlichen Situation, an die sie im Verkaufsgespräch anknüpfen können. Im Rintelner Sanitätshaus Ordelheide weiß man inzwischen durch besorgte Kundennachfragen, dass auch andere Kassen offenbar Anschriften, Rufnummern und medizinische Bedarfsdaten an auswärtige Firmen weitergegeben haben: "Ich frage mich da schon, wie auf diese Weise vernünftige Einweisung und Beratung für die Patienten gewährleistet werden kann", meint dazu Mitarbeiterin Cornelia Wahls. Bei der AOK in Rinteln bestätigt man die Zusammenarbeit mit dem Mannheimer Versandunternehmen, verweist aber für weitere Auskünfte an die AOK-Pressestelle in Hannover. Pressesprecher Altmann dazu: "Wir sind allerdings inzwischen vom Gesetzgeber verpflichtet, solche Leistungen zur Kostendämpfung ausschreiben zu lassen und für die Region Weserbergland hat dabei das Unternehmen Medi-Markt den Zuschlag bekommen." Immerhin ginge es in diesem Bereich um ein Volumen von über 2500 Menschen, die in Heimen oder Privathaushalten regelmäßig mit Hilfsmitteln aus diesem Bereich versorgt werden müssten. Auch andere Kassen wie etwa die Barmer hätten im Übrigen bereits entsprechende Verträge abgeschlossen. Preiswürdigkeit sei dabei nicht das einzige Kriterium, sondern auch das Vorhandensein geeigneter Räumlichkeiten, Zuverlässigkeit und fachlich qualifizierte Mitarbeiter. Daher sei auch die Beratung kein Problem: "Unsere Vertragspartner haben dafür geeignetes Personal in der Region, das auf Anfrage tätig wird." Zum Risiko, dass diese Unternehmen im Callcenter-Stil den Versicherten auch noch andere Angebote wie etwa Einstiegshilfen für die Badewanne, Krankenmobile oder dergleichen mehr machen, meint Altmann: "Vielleicht haben einige der Unternehmen so etwas auch in ihrer Produktpalette, aber sie dürfen das natürlich nicht mit der Bestellungsaufnahme verbinden - es sei denn, der Patient fragt gezielt nach solchen Artikeln. Sollte es dabei irgendwie zu Unregelmäßigkeiten oder unerwünschten Offerten kommen, werden wir das als Vertragspartner unserer Versicherten in jedem Fall unterbinden, wenn diese sich mit Beschwerden an uns wenden." Ob der persönliche Beratungsservice dabei unter Regie aus dem fernen Mannheim funktioniert, werden die Betroffenen sorgsam beobachten müssen - und hoffentlich rechtzeitig bei ihrer Kasse Alarm schlagen. Hilfreich wäre dabei sicherlich, wenn auch die Verwandten auf die konkrete Umsetzung dieser Vorstellungen mal ein Auge haben - wenn denn dieses Verfahren überhaupt datenschutzrechtlicher Überprüfung standhält.

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