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Unterwegs mit den Schaumburger Kandidaten: Heiner Bartling (SPD) ist im Wahlkampf in seinem Element

Das Ziel: Nachfolger seines Nachfolgers werden

Die Lauenauer Genossen sind diszipliniert. Pünktlich um 8 Uhr bauen sie ihren Stand auf - hier beginnt eine Woche vor der Wahl die entscheidende Phase im Schaumburger Land. Eine Stunde später sind sie frustriert - und bauen wieder ab. Aus einem tiefhängendem grauen Himmel regnet es Bindfäden, die wenigen Menschen auf der Straße interessieren sich überhaupt nicht für Prospekte oder Politik-Gespräche.

veröffentlicht am 21.01.2008 um 00:00 Uhr

Nur die Ruhe: Gegen das schlechte Wetter kommt auch ein erfahren

Autor:

Frank Westermann

Das Wahlkampf-Team dachte, Petrus lachte: Gegen das Wetter kommt keiner an, Heiner Bartling gönnt sich daher eine Tasse Kaffee. Der gesamte Landkreis soll heute besucht werden, bis in den späten Abend hinein will er an jedem Stand 45 Minuten Rede und Antwort stehen. Hinter ihm liegt eine Woche, in der er am Montagmorgen das Haus verlassen und es Freitagnacht wieder betreten hat - nach 257 Kilometern Autobahn im dichten Regen, in Otterndorf hat er zuvor gesprochen. Bartling ist eines der SPD-Alphatiere, vom ehemaligen Innenminister wird auch die Unterstützung des jeweiligen Wahlkreis-Kandidaten erwartet - und Niedersachsen ist groß. Dazu kommen die eigenen Auftritte, Fernsehdiskussionen, Fachgespräche, Diskussionen zur Schulpolitik - zwar ist Bartling Fachmann für Inneres, Recht und Sport, aber: 600 Zuhörer - oder Plenarsitzungen: Bartling ist ein gefragter Mann. Warum, das ist beim Auftritt von Spitzenkandidat Wolfgang Jüttner in Stadthagen zu sehen. Unter den lauten Klängen einer Blechbläserkapelle ziehen beide ein, danach stimmt Bartling die Genossen auf Wahlkampf ein. Zwei, drei Sätze, und er hat den Saal im Griff. Die amtierende Regierung "schädigt", sie "versündigt" sich, sie sagt nicht die Wahrheit, sondern sie "lullt ein" - Bartling liebt starke Bilder, ein guter Redner war er zudem schon immer. Neben dem Wort ist der rechte Zeigefinger seine mächtigste Waffe: Schneidend wie ein Schwert fährt er immer wieder nieder. Keine Frage: Der Mann fühlt sich in seinem sechsten Landtags-Wahlkampf wohl wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser. Und er führt aus, wie die Partei bis zur Wahl mit politischen Angriffen umgehen will: Die SPD will selbst attackieren. Das ist keine ganz neue Strategie, hat sich aber oft bewährt: Nur keine Panik - und den eigenen Laden beruhigen. Natürlich tritt Bartling noch einmal an. Mit 61 Jahren, nach über zwei Jahrzehnten im niedersächsichen Landtag in Rente oder zurück in den Schaumburger Schuldienst zu gehen, das sind wahrlich keine Alternativen, die ihn reizen. Aus der letzten Wahl, die ihn um Haaresbreite aus dem Parlament gefegthätte, hat der Steinberger gelernt: Auf der Landesliste ist er abgesichert, er zieht in den neuen Landtag ein. Doch der Partei fehlt eine Wechselstimmung. Es fehlt ein Charismatiker an der Spitze, ein zweiter Schröder. Wolfgang Jüttner ist dies nicht, man sollte ihn im Wahlkampf gar nicht erst plakatieren, hatte das Meinungsinstitut Forsa vor Monaten über den Spitzenkandidaten geschrieben. Nachwuchs ist zudem weit und breit auf den Spitzenpositionen nicht in Sicht: Sigmar Gabriel ist vor zwei Jahren nachBerlin geflohen, Landesparteichef Garrelt Duin zog einen Sitz im Bundestag der mühseligen Rolle als Oppositionsführer vor. So fehlt der SPD ein "Kronprinz" (taz) für 2013. Tritt Bartling dann noch einmal an? "Nach derzeitigem Ermessen wohl nicht", meint er und nimmt einen Schluck Kaffee. Aber wenn die SPD in fünf Jahren gute Chancen hat, einen eigenen Ministerpräsidenten zu stellen und dieser Wert auf einen erfahrenen Innenpolitiker oder -minister legt - "Warum nicht?" Bartling teilt die These des fehlenden Kronprinzen nur zur Hälfte. Sicher, zurzeit sieht es nicht so aus, als wenn innerhalb der Fraktion ein neuer Spitzenkandidat aufgebaut werden kann, "aber wir haben jede Menge Leute in herausgehobenen kommunalpolitischen Spitzenämtern, die alle in Frage kommen". Stephan Weil nennt er, den Oberbürgermeister von Hannover, seinen Osnabrücker Kollegen Boris Pistorius, auch den ehemaligen SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, der aus Niedersachsen kommt. Bartling hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Wenn es am Sonntag nicht für die CDU/FDP-Koalition reicht, "müssen CDU und SPD verhandeln". Und CDU-Innenminister Uwe Schünemann sei nicht abgesichert: Wenn er seinen Wahlkreis verliert, dann werde ihn Ministerpräsident Wulff nicht ins Kabinett holen. Bartling könnte dann werden, was er schon seit fünf Jahren werden möchte: Nachfolger seines Nachfolgers.

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