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Das Wunder in Trümmern

Stunde null in Hameln: Die Industrie steht aus Trümmern wieder auf. Mit dem, was die mageren Jahre an wirtschaftlichem Potenzial hinterlassen haben, wagen Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg einen Neuanfang.

veröffentlicht am 16.03.2018 um 15:50 Uhr

Thomas Thimm

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Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
Die Republik beginnt mit dem, womit das Reich endet – Aluminium. Warum, liegt auf der Hand: Die Kriegswirtschaft hat zur Schwemme von Leichtmetall, insbesondere im Flugzeugbau, geführt. Die Hamelner „Domag“ produziert Fahrwerke für Messerschmidt-Jäger und Junkers-Sturzkampfbomber, Geschosshülsen und Granatwerfermunition; auch die Teppichfabrik „Bessert, Nettelbeck & Mertens“ stellt auf Flugzeugteile um. „Franz Kaminski“ überholt Flugzeug- und U-Boot-Motoren, die „Vereinigten Wollwarenfabriken“ produzieren Flugzeug-Spezialmuttern, „Hans Preiß“ Geschoßmäntel.

Als die Wehrmachts-Depots nach der Kapitulation geplündert werden, geben sie neben Haufen von Lazarettwäsche Berge von Ausrüstungsgegenständen preis: Rohstoffe und Ressourcen, die von Betrieben und Bürgern alsbald eingestampft und umgeschmiedet werden. Überbleibsel jener mageren Jahre, da es nichts gab außer Relikten der Kriegsmaschinerie und Aluminium allgegenwärtig war, lagern noch heute in Kellern und Lauben, auf Speichern und im Sperrmüll: Bestecke, Bratpfannen und Butterbrot-Dosen aus Flugzeugaluminium, Stahlhelme, zu Kochtöpfen mutiert, Schrankscharniere, Blenden und Applikationen aus Rümpfen und Rotoren von Fliegern, die nie aufgestiegen sind. Die Wracks gesprengter Panzer und Lastwagen, die noch Mitte Juli 1945 die Gassen säumen, sind willkommene Rohstoffquelle. Einer der ersten, die aus dem Desaster Kapital schlagen, ist die Maschinenfabrik „Lindemann & Schnitzler“: Sie bietet den Stadtvätern „fahrbare Schrottpakettierpressen“ an, mit denen der Eisenschrott entfernt und „recycelt“ werden soll. Tatsächlich gelingt es der Hamelner Industrie sehr schnell, ihre Fabrikation auf Friedensbedarf umzustellen... Die „Domag“ fertigt ab Juni 1945 Bettgestelle und Haushaltswaren aus Blech und Aluminium. „Kaminski“ repariert Kessel. Im April 1946 verlegt die Firma „Otto Golze & Söhne“ – früher „Ostdeutsche Kokosweberei W. Golze“ – ihren Firmensitz von Landsberg an der Warthe an die Weser. Ihr folgt im Mai 1946 die AEG, sie siedelt auf das Areal der demontierten „Domag“ über. Die Anlaufschwierigkeiten scheinen dennoch schier unüberwindbar. Es fehlt an Arbeitern, Kohle und Eisen, nicht nur für die Belegschaften: Anfang Juli 1946 malochen etwa 1600 Hamelner für die Briten, ganze Kolonnen stehen vor den Meldestellen in Bochum als „Bergmanns-Aspiranten“ an. Als Mitte Dezember 1946 eine Kältewelle die Rattenfängerstadt überzieht, geht den Firmen das „schwarze Gold“ aus. Die Maschinen stehen bis in die ersten Märztage 1947 still.

Obwohl das BHW, bis Kriegsende in Berlin, im September 1947 in Hameln heimisch wird und im Oktober die Firma Stahlkontor die Fertigung aufnimmt, bringt erst die Währungsreform am 20. Juni 1948 – wenn auch nach einem Hungerstreik von 10 000 Hamelnern und einer unvorstellbaren Inflation begleitet – die wirtschaftliche Wende. „Wie im Märchen aus 1001 Nacht waren die Läden umgewandelt. Es gab alles zu kaufen, was vorher vom Kunden verzweifelt gesucht wurde“, berichtet der Chronist, der es selbst kaum fassen kann. Fast alles, müsste es lauten. Ende November 1948 bedauert die Firma „Knemeyer“ in einer Anzeige: „Viele Weihnachtswünsche können leider auch dieses Mal noch nicht erfüllt werden…“ Als sich nur ein Jahr später, am 21. Oktober 1949 die Dewezet mit ihrer ersten Probenummer zurückmeldet, bringt sie auf zwölf Seiten die Annoncen heimischer Firmen. Hinweise, wie in dem Jahr zuvor, finden sich nicht mehr.



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