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Luise Kinseher in der "Kulisse"

Das ur-bayerische Weibsbild mit den zwölf Seelen

Rinteln. Klar ist Luise Kinseher eine "multiple Persönlichkeit". Als die bayerische Kabarettistin mit dem unglaublich rollenden "Rrrr" am Mittwoch in der "Kulisse" auftrat, waren es zunächst nur drei Weiber, die sie gleichzeitig verkörperte. Insgesamt aber haben mindestens zwölf Seelen in ihrem angenehm rundlichen Körper Platz.

veröffentlicht am 07.12.2007 um 00:00 Uhr

Vom Publikum gefeiert: Luise Kinseher in der Kulisse. Foto: cok

Autor:

Cornelia Kurth

Die drei nun, denen das begeisterte Publikum in Rinteln anlässlich des neuen Kinseher-Programms "Hotel Freiheit" begegnete, sie reichten vollkommen aus, um einem das Gefühl eines kompletten Theaterabends zu geben. "Da herrroben" im Berghotel "Freiheit", wo die Touristen nicht nur mit "Kräutersegeln" und "Wanderschminken", sondern auch mit einer "Sprungschanze für Lebensmüde" umsorgt werden, dort herrschen die zwei resoluten Damen Frau Lachner und Frau Rösch, die es der geladenen Kabarettistin Kinseher ziemlich schwer machten, einen geordneten Auftritt abzuliefern. Sie suchten das Publikum nach terrorverdächtigen Taliban ab, legten sich urbayerisch dreist mit zwei Lehrerinnen unter den Gästen an, flirteten altjüngferlich zickig mit allerlei Männern und fürchteten nichts mehr als neureiche russische Hotelgäste, die anscheinend dazu neigen, ein zu kaltes Frühstücks-Rührei ungeniert über denganzen Tisch herauszuspucken. Die eine mit, die andere ohne Brille, die eine mit misanthropisch herabgezogenen Mundwinkeln, die andere um ständiges Hyperlächeln bemüht, waren sie ein perfektes Zwillingspaar, in dem man, bei aller drastischen Komik, unschwer realeVorbilder erkennen konnte. Luise Kinseher, die Dritte im Bunde, sie erwies sich als eine zugleich selbstbewusst charmante und von einem argen nicht-beachtet-sein-Komplex geplagte Enddreißigerin, die ihre Liebhaber nicht mehr so schnell wechselt wie früher ("Wenn sich einer erstmal an die Orangenhaut gewöhnt hat..."), die die "Katastrophen ihrer Generation" (Tschernobyl, Aids und die Wiedervereinigung) lässig in eine Reihe stellte und außerdem den beiden anderen Damen reichlich Konkurrenz machte beim Flirt mit dem männlichen Publikum, speziell mit einem älteren weißhaarigen Herrn, der es gelassen hinnahm, schmeichlerisch erst als Weißbüscheläffchen und dann als Abruzzengamsbock tituliert zu werden. Die schönsten Lachanfälle aber konnte man bekommen, als die wendige Kabarettistin sich in eine atemberaubend besoffene, dabei bis zur Besessenheit heißhungrige Madame verwandelte - rein äußerlich tat sie nichts weiter, als ihr Jackettjäckchen auszuziehen und in einem busenknappen Blümchentopp herumzutorkeln. Unglaublich, wie sehr sich der bayerische Dialekt dazu eignet, alkoholseelig vernuschelt zu werden, wie komisch es sein kann, wenn jemand sich darüber beklagt, dass gebratene Wachteln zu klein seien, um sie überhaupt zu sehen, wie ein "Grillhendl, geteilt durch 38". Eine alte Schreckschraube tauchte ebenfalls noch auf, ihren uralten Mann, der "wie Fischmehl" an ihr klebt, beim nächtlichen Nacktjoggen antreibend. Und die coole "Olga", Repräsentantin des neuen Russlands und eiskalt lächelnd bereit, die "feindliche Übernahme" des Hotels Freiheit in Angriff zu nehmen. Auf ihrer Webseite stellt Luise Kinseher ihren Ein-Frauen-Betrieb als Firma vor, deren zahlreiche "Mitarbeiterinnen" der Chefin im Laufe der Jahre immerähnlicher geworden seien. In Wirklichkeit decken sie alle in grandioser Weise die Vielseitigkeit eines bayerischen Weibsbildes ab.



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