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„Albtraum“-Regisseur Rushdie Al-Fatlawi im SZ/LZ-Interview

„Das Stück bleibt ein Geschenk“

Rinteln. Nach der erfolgreichen Premiere des Theaterstücks „Albtraum“ in der Prince Rupert School wird die Inszenierung der Laiengruppe aus der Notunterkunft jetzt auch öffentlich aufgeführt: am kommenden Donnerstag, 21. Januar, um 19.30 Uhr im Brückentorsaal, Eintritt 5 Euro. Unsere Zeitung hat mit dem aus dem Irak geflohenen Regisseur Rushdie Al-Fatlawi gesprochen.

veröffentlicht am 16.01.2016 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 20.01.2016 um 13:22 Uhr

Herr Fatlawi, mit Ihrem Stück wollen Sie den Deutschen etwas zurückgeben, ihnen ein Geschenk machen und dafür danken, hier aufgenommen und willkommen geheißen zu werden, wie es bei der Premiere hieß. Spätestens seit den Übergriffen in Köln ist die Stimmung in der Bevölkerung gekippt. Was bekommen Sie davon mit?

Zunächst ja, das Stück ist und bleibt ein Geschenk. Von den Übergriffen in Köln haben wir auch mitbekommen. Es ist schlimm, was da passiert ist. Die Täter sollten hart bestraft werden. Aber es sind nicht alle Flüchtlinge so. Ich würde sagen, das ist eher die Ausnahme. Die meisten sind gebildet und haben Respekt vor anderen und vor der Art und Weise des Zusammenlebens in Deutschland.

Wie informieren Sie sich?

Eine Szene aus dem Stück „Albtraum“, das in der Prince Rupert School entstand und dort im Dezember seine Premiere hatte. Archiv: tol

Über Facebook und andere soziale Medien, über arabische Nachrichten und über Bekannte, die etwa in Köln wohnen. Die arabischen Medien berichten auch über die Demonstrationen der Rechten.

Was haben Sie bislang für Reaktionen auf das Stück bekommen?

Wir haben viele positive Rückmeldungen bekommen. Viele der Flüchtlinge hier sagten, dass sie sich durch das Stück moralisch unterstützt gefühlt haben. Die Möglichkeit, das Stück jetzt auch öffentlich aufführen zu dürfen, bestätigt mich in meinem Eindruck, dass das Stück tatsächlich nicht so schlecht geworden ist.

Wie oft haben Sie das Stück „Albtraum“ inzwischen aufgeführt?

Zweimal. Beide Male hier in der Notunterkunft. Zurzeit proben wir drei Stunden täglich, um uns auf die Aufführung im Brückentorsaal vorzubereiten.

Haben Sie an dem Stück seit der Premiere noch etwas verändert?

Ja, es ist noch eine Szene dazugekommen. Sie handelt von den Machtkämpfen in unseren Heimatländern, die die Menschen dazu treibt, ihre Heimat zu verlassen. Aufgrund dieser Szene ist auch noch ein weiterer Darsteller dazugekommen.

Was bedeutet das Stück den Mitgliedern der Theatergruppe?

Es bedeutet ihnen viel. Am Anfang waren die Darsteller reine Amateure. Aber inzwischen haben sie eine richtige Leidenschaft für das Theater entwickelt. Sie wollen weitermachen, sich weiterentwickeln und vielleicht sogar Schauspiel oder Kunst studieren.

Was hat Sie bei der Arbeit an dem Stück am meisten beeindruckt?

Was jeder einzelne erlebt hat: die Kriegserlebnisse und die Flucht nach Deutschland. Sie zeigen anderen, die diese Erfahrungen nicht gemacht haben, was sie erlebt haben. Wie sie das auf das Theater übertragen haben, das finde ich stark. Es ist auch schön zu sehen, wie sich die jungen Schauspieler entwickelt haben. Am Anfang waren sie noch sehr schüchtern, nicht nur in der Theatergruppe, sondern auch in der Notunterkunft. Inzwischen sind sie viel offener geworden. Was mich auch bewegt hat, ist, wie groß die Resonanz auf das Stück ausfiel. Und dass sich die Deutschen so sehr für Kultur interessieren und dann auch noch für ein Laienschauspiel aus einer Notunterkunft, hat mich ebenfalls beeindruckt.

Gab es ein Ereignis bei der Entwicklung des Stücks, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Klar, vor allem die lustigen Sachen, die Pannen bei den Proben. Wir hatten immer viel Spaß, so sehr, dass wir manchmal sogar die Zeit vergaßen. Die Stimmung innerhalb der Gruppe ist toll, alle kommen gut miteinander aus. Wir sind Freunde geworden.

Was bedeutet Ihnen persönlich das Stück?

Es ist eine sehr interessante Erfahrung. Im Irak und in anderen arabischen Ländern habe ich schon oft Stücke aufgeführt. Aber das hier war neu für mich. Ich würde mich freuen, in Zukunft mit deutschen Theatern in Kontakt treten zu können, um auf künstlerischer Ebene den kulturellen Austausch weiter voranzutreiben.

Was erwartet die Zuschauer am Donnerstag im Brückentorsaal?

Es ist ein Theaterstück, das seine Wurzeln in einer anderen Kultur hat als der der Deutschen. Das äußert sich auch in der Körperhaltung und -sprache der orientalischen Schauspieler. Thematisch handelt es von den Widrigkeiten, die die Flüchtlinge in ihrer Heimat und auf der Flucht erlebt haben.

Das Stück ist ja sehr abstrakt. Was können Sie den Zuschauern zum Verständnis mit auf den Weg geben?

Ich habe gemeinsam mit Johann Hubrich vom Deutschen Roten Kreuz einen Flyer gestaltet, in dem wir den Aufbau des Stücks und den Inhalt der einzelnen Akte kurz erläutern. Dieser Leitfaden wird im Brückentorsaal ausliegen. Aber die meisten werden das Stück auch so verstehen können.

Arbeiten Sie bereits an etwas Neuem?

Nein. Denn wir wissen ja nicht, wann und wohin wir alle verteilt werden. Deshalb arbeiten wir erst mal nur an „Albtraum“.

Interview: Philipp Killmann Übersetzung: Wissem Ben Larbi



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