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Linkshänderumschulung führt zu Gehirnschäden / Psychologin schult Berater

"Das schaffen wir doch mit links"

Bad Nenndorf (tes). Johanna Barbara Sattler, approbierte Psychotherapeutin und Psychologin, bekannt durch zahlreiche Buch- und Fachveröffentlichungen, hat im Landgrafenhaus mit 20 Ergo- und Mototherapeuten, Pädagogen und Erziehern eine Zusatzausbildung zum Linkshänder-Berater durchgeführt. Unterstützung statt Umschulung heißt deren Devise. Die Analyse der Händigkeit müsse früh beginnen, betont die Expertin. "Spätestens zu Schulbeginn muss die Schreibhand festgelegt sein."

veröffentlicht am 27.11.2008 um 00:00 Uhr

Mit der von Expertin Johanna Barbara Sattler entwickelten Schrei

Was haben Albert Einstein und Florian Wick gemeinsam? Beide sind Linkshänder. Ein Garant für besondere Intelligenz ist dies nicht, aber ein Beweis für die Dominanz der rechten Gehirnhälfte. Schätzungen zufolge sind 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung Linkshänder, darunter Prominente wie Angelina Jolie und Bill Gates. Die Dunkelziffer ist hoch, viele wurden auf den Gebrauch der rechten Hand umgeschult. "Um genaue Zahlen zu ermitteln, müsste mehr getestet werden", sagt Sattler, selbst umgeschulte Linkshänderin, die seit 30 Jahren in diesem Bereich arbeitet. Typisch für linkshändige Kinder sei die Spiegelschrift, das Verdrehen einzelner Buchstaben oder ganzer Wörter. Der berühmteste Linkshänder, der all seine wissenschaftlichen, technischen und anatomischen Studien in Spiegelschrift geschrieben hat, ist der Künstler Leonardo da Vinci. Ergotherapeut Wick lässt sich in Bad Nenndorf von Sattler an sechs Wochenenden zum Linkshänder-Berater weiterbilden. Der Bayreuther kennt die Probleme aus eigener Erfahrung. Zwar durfte er in der Schule mit links schreiben. Hilfestellung gab es aber nicht. Wie viele Linkshänder habe er beim Schreiben die Tinte verschmiert und litt durch die "Hakenhaltung" der Hand unter Verspannungen. "Vom Handarbeitsunterricht wurde ich befreit", berichtet Wick von ratlosen Lehrern und Eltern. Dabei könnte alles so einfach sein: Heutzutage gibt es alle Gebrauchsartikel auch für Linkshänder - vom Kartoffelschäler bis zu Füller und Schere. Eine Umschulung ist somit völlig überflüssig. Diese habe viel zu lange zu Schäden geführt, betont Sattler. Deren Unterricht für angehende Berater war zugleich ein Plädoyer gegen das Umschulen auf das vermeintlich "schöne" rechte Händchen. Jahrelang wurden Linkshänder durch sanfte oder massive Maßnahmen, von Überreden bis zum Festbinden der linken Hand, "umgepolt". Heute ist man in den Schulen davon abgekommen. Dennoch komme es bei aufgeweckten Kindern durch Nachahmung oft zur eigenmächtigen Umorientierung. Mit schlimmen Folgen: Der bevorzugte Gebrauch der nicht dominanten Hand bewirke im Gehirn schwerste Störungen, die sich in Konzentrationsschwierigkeiten sowie Gedächtnis- und Sprachproblemen äußern können, erklärt die Psychologin. "Weil die natürliche Intelligenz erhalten bleibt, führt das zu psychischen Irritationen des Kindes, es zieht sich immer mehr zurück, fühlt sich minderwertig." Um diese Probleme zu vermeiden oder zumindest im Nachhinein zu behandeln, bildet Sattler Linkshänder-Berater aus. Diese können nicht nur anhand aufwendiger Tests die Händigkeit von Kindern feststellen, sondern bieten auch Schreibvorbereitungskurse im Vorschulalter an. Wie wichtig frühzeitige Beratung ist, bestätigt Teilnehmerin Eva Hartmann: "Als Gymnasiallehrerin sehe ich nur noch die grässlichen Folgen der Umschulung." Manche leiden lebenslang unter den Folgen. Ob eine Rückschulung, die nicht nur zeit-, sondern auch geldaufwendig ist, Sinn macht, hänge von den individuellen Lebensumständen ab, erklärt Sattler. Die Münchener Psychotherapeutin fordert, dass Linkshändigkeit in alle Bildungs- und Erziehungspläne aufgenommen wird, damit Erzieher sich rechtzeitig mit den Problemen befassen. Die Händigkeit sei angeboren, jedoch keinesfalls eine Behinderung - wenn Linkshänder rechtzeitig erkannt und unterstütztwerden. "Wir müssen im Kindergarten anfangen. Dann schaffen wir das mit links", sagt Ergotherapeutin Almuth Vasterling aus Celle und hofft, dass die Linkshändigkeit bald als normal gilt und mit zunehmender Toleranz mehr Linkshänder "sichtbar" werden.



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