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Bombenfund von Potsdam

Das «Restrisiko» - Kunden und Zusteller verunsichert

Bonn/Potsdam (dpa) - Es geht um eine riesige Menge von Paketen. Etwa sieben Millionen von ihnen werden im Weihnachtsgeschäft Tag für Tag durch Boten der Posttochter DHL zugestellt.

veröffentlicht am 04.12.2017 um 17:12 Uhr
aktualisiert am 07.12.2017 um 13:50 Uhr

Die DHL-Paketstation in Potsdam, in der die Paketbombe aufgegeben wurde. Foto: Maurizio Gambarini

Autor:

Uta Knapp und Rochus Görgen, dpa

«Es ist nahezu unmöglich, alle Pakete zu kontrollieren», stellt DHL-Sprecher Dirk Klasen in Bonn klar. Für die rund 60.000 Paketzusteller sei die Erpressung, über die ganz Deutschland spricht, ständig im Hinterkopf.

Zuletzt war bekanntgeworden, dass keine Terroristen, sondern Verbrecher, die Geld wollen, hinter dem Bombenfund von Potsdam stecken. Konkrete Hinweise auf weitere Paketbomben gebe es derzeit aber nicht. «Das Geschäft läuft völlig normal», sagt der Sprecher.

Allerdings führte die Warnung der Potsdamer Polizei vor weiteren Bombenpaketen auch zu Fehlalarmen. In der Bußgeldstelle der Polizei in Gransee bei Berlin sollte wegen eines verdächtigen Pakets das Gebäude geräumt werden - dann stellte sich heraus, dass es nur ein Christstollen war. Auch in Thüringens Staatskanzlei wurde Bombenalarm ausgelöst. Doch statt einer zunächst vermuteten Wurfgranate enthielt das Paket ohne Absender nur Kataloge. Und in Pritzwalk im Nordwesten Brandenburgs rückte die Polizei für ein Paket aus, in dem sich nur eine vom Ehemann bestellte Tube mit Gel befand.

Die Beschäftigten von Paketdienstleistern müssen immer damit rechnen, dass mit einer Sendung etwas nicht stimmt. «Das Restrisiko bleibt. Das ist etwas, was jeder weiß», sagt Klasen. In der aktuellen Situation würden «viele Gespräche» geführt. Zu Überreaktionen sei es bislang aber weder bei Beschäftigten noch bei Kunden gekommen.

Vorsorglich wurden die DHL-Mitarbeiter vom Unternehmen um besondere Achtsamkeit gebeten. Auch das Personal in den Filialen sei gewarnt worden, wie man mit der Situation umgehen müsse. In den Packstationen des Unternehmens könne aber weiter jedermann Pakete ungeprüft aufgeben. Eine technische Möglichkeit zur Überwachung gebe es nicht.

In dem ohnehin schon stressigen Weihnachtsgeschäft steht das große Finale für die DHL-Paketboten noch bevor. Dann wird noch mehr verschickt. Bis zu 8,5 Millionen Pakete müssen kurz vor dem Fest täglich zugestellt werden. «Alle sind sensibilisiert», beschreibt Verdi-Sprecher Günter Isemeyer die Situation. Die Gewerkschaft vertraut in der aktuellen Situation jedoch auf den Arbeitgeber. «Wir sind sicher, dass die Deutsche Post alles unternehmen wird, um die Beschäftigten zu schützen», sagt Isemeyer.

Zur Sicherheit der Bürger und Zusteller will auch die Polizei beitragen. Eine Potsdamer Soko, zunächst wegen einer möglichen Terrorlage nach der Auslieferung einer Paketbombe in einer Apotheke am Weihnachtsmarkt gegründet, wurde massiv aufgestockt. Mehr als 50 Mitarbeiter wollen die Erpressung so schnell wie möglich aufklären.

Viel wird jetzt über den oder die Täter spekuliert. Die Polizei geht davon aus, dass der Täter aus dem Raum Berlin und Brandenburg stammt. Denn beide bisherigen Paketbomben wurden in dieser Region aufgegeben. Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) fühlte sich gleich an den Kaufhaus-Erpresser «Dagobert» erinnert. Zumindest die Art, wie der Erpresserbrief geschrieben wurde, erinnert an einen Technik-Fan: Per QR-Code - das ist ein zweidimensionaler Barcode, mit dem Informationen versendet werden können - wurde der Text verschlüsselt. Das sollte offensichtlich die Identifizierung des Autors erschweren.

Allerdings: Hätte der Täter nicht damit rechnen müssen, dass sein Brief bei der Explosion der Bombe, wie bereits in Frankfurt (Oder), auch in Potsdam wieder verbrennt? Und dann lässt auch noch eine Beschreibung der Polizei aufhorchen, mit der verdächtige Pakete erkannt werden könnten - darunter «auffällige Rechtschreibfehler». Hat der Erpresser eine Rechtschreibschwäche?

Es geht nicht nur, wie vom Landesinnenminister betont, um massive Gefahren für Gesundheit und Leben. Es geht auch um das Risiko immenser wirtschaftliche Schäden für den Onlinehandel. Immerhin: «Wenn man es schafft, schnell eine Lösung zu finden, wird es keine Beeinträchtigungen geben», sagt Oliver Prothmann, Präsident des Bundesverbands Onlinehandel.

Sollte es aber etwa nach weiteren Anschlägen zu einer allgemeinen Verunsicherung kommen, sei dies schlecht für die ganze Branche. Bisher allerdings - nach einem guten Start in das Weihnachtsgeschäft - steuere der Onlinehandel auf eine neue Rekordmarke zu.

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