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Zwar mehr Arten und weniger Salz - aber immer noch 1,6 Millionen Tonnen Chlorid im Fluss

Das Leid in der Weser: Lauge zerfrisst Fische

Weserbergland. Fische leiden stumm. Sie können nicht schreien und auch nicht weinen. Vielleicht haben sie deshalb keine große Lobby. In der Oberweser sind 12,3 Prozent der Barben und Plötzen krank. Das hat eine Elektrobefischung des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelüberwachung (LAVES) ergeben. Die Wissenschaftler Ulrich Matthes und Reinald Werner kommen zu dem Schluss: "Obwohl die Chlorid-Belastung 2006 sich gegenüber den Vorjahren wenig änderte, war die Erkrankungsrate mit rund 13 Prozent auf erhöhtem Niveau."

veröffentlicht am 20.02.2009 um 15:36 Uhr

Laborleiter Andreas Fischer entnimmt Weserwasserproben bei Hamel

Autor:

Ulrich Behmann

Häufigste Krankheitsmerkmale waren Flossenschädigungen, gefolgt von nekrotischen Veränderungen. Nach Angaben des Fischerei-Biologen Ulrich Matthes wies etwa ein Drittel aller kranken Fische abgestorbenes Gewebe auf. Bei einigen Tieren hatten sich im Körper tiefe Löcher gebildet. Matthes vermutet, dass Kali-Abwässer schuld sind an dem Leid dieser Fische. Denn Kalium, das gemeinsam mit Chlorid in die Werra und damit auch in die Weser eingeleitet wird, gilt als Zellgift. "Kalium zerstört Zellen", sagt der Fischereioberrat. Seit dem Jahr 2000 gelingt es dem Unternehmen Kali + Salz eigenen Angaben zufolge, den Grenzwert von 2500 Milligramm Chlorid pro Liter in der Werra einzuhalten. Auf den ersten Blick ein Erfolg, denn: Zu DDR-Zeiten wurden am Werra-Pegel Gerstungen bis zu 40 000 Milligramm Chlorid pro Liter gemessen. Nach Angaben von Ulrich Göbel, Sprecher der K + S-Gruppe, leitet das Unternehmen pro Jahr zwischen 7 und 7,5 Millionen Kubikmeter Salzlauge in die Werra ein. Allerdings führe der Fluss auch eine Milliarde Kubikmeter Wasser pro Jahr. Sieben Millionen Kubikmeter Chlorid pro Jahr (ein Kubikmeter sind 1000 Liter) - diese Menge (1,6 Millionen Tonnen Trockensalz, das sind 80 000 große Lastzug-Ladungen) belstet die Weser und deren Fische. Mit dem Bau der geplanten Pipeline sollen bis zu zehn Prozent (500 000 bis 700 000 Kubikmeter) mehr Chlorid pro Jahr verklappt werden. Kali + Salz sieht keine Probleme für die Umwelt. Pro 100 Liter Flusswasser leite das Werk Werra schon heute eine nahezu gesättigte Salzwassermenge von 0,7 Liter ein. Die geplante zusätzliche Einleitungsmenge betrage lediglich 0,04 Liter. Einfach ausgedrückt bedeutet das: Zu DDR-Zeiten war die Salzfracht katastrophal hoch. Seit der Wende hat sie stark abgenommen. Das heißt aber auch: Die Salzfracht von Werra und Weser ist mit 7 Millionen Kubikmetern pro Jahr immer noch relativ hoch. Und sie wirkt sich auf das Ökosystem aus. Eine Elektrobefischung aus 2005 zeigt: In der stark salzbelasteten Werra wies die Plötze - wie in der Oberweser - die höchste Erkrankungsrate auf. In der Werra zeigten 53,9 Prozent dieser Fischart äußerlich erkennbare Krankheitsmerkmale. Auch Döbel (43 Prozent) und Barbe (36,4 Prozent) kommen mit der Salzfracht offenbar nicht zurecht. Die Gesamtstatistik lässt bei oberflächlicher Betrachtung den Schluss zu, dass in der Werra (fast) alles in Ordnung ist. Die Gesamterkrankungsrate wird nämlich mit nur 5,5 Prozent angegeben. Grund ist allerdings die explosionsartige Vermehrung einer Fischart, die sich in dem salzigen Wasser offenbar wohl fühlt. Nur2,2 Prozent der gefangenen Gründlinge waren krank. Kali + Salz betont, dass mit einer zusätzlichen Chlorid-Einleitung der Grenzwert von 2500 Milligramm/pro Liter auch in Zukunft nicht überschritten wird. Die Salzschwankungen in der Werra würden sogar weiter verringert, "was zu einer Vermeidung zusätzlicher Stressfaktoren für Pflanzen und Kleinlebewesen führt". Gut möglich, sagen Experten. Aber auch das Gegenteil könne "bei einer stärkeren Vergleichmäßigung" eintreten. Angenommen, die Fischbrut würde sich in Zeiten niedriger Salzkonzentrationen gut entwickeln, was würde wohl passieren, wenn die Chlorid- und Kaliumkonzentration stets gleichbleibend hoch wäre? Fest steht indes: Seit Einführung der an die Wasserführung angepassten gesteuerten Einleitung im Jahr 1999 konnten Wissenschaftler des Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelüberwachung eine Erhöhung der Artendichte in Werra (19 in 2006) und Weser (26 in 2006) registrieren. Das lässt den Rückschluss zu: Noch mehr Salz in Werra und Weser könnte das offenbar empfindliche Öko-System stören.

Das ist keine Bissverletzung: Das Gewebe dieser von Biologen in
  • Das ist keine Bissverletzung: Das Gewebe dieser von Biologen in der Oberweser gefangenen Plötze ist abgestorben und fortgespült worden. Kaum zu glauben: Der Fisch lebte noch. Foto: Matthes
Die Kurven zeigen die Salzmengen, die mit der Werra in die Weser
  • Die Kurven zeigen die Salzmengen, die mit der Werra in die Weser fließen. Zum Vergleich: Der maximale Chloridwert für Trinkwasser liegt bei 250 mg/l. Quelle: Nds. Landesbetrieb für Wasserwirtschaft


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