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Drei schöne Seiten Frankreich (3): Bretagne – wie könnte man sie nicht lieben?

Das Land am Meer des weißen Goldes

Ihre Bilder offenbaren die Seele der Bretagne: Annie Chauvelon malt Blumen und Schiffe, Himmel und Erde, Land und Meer. „Du liebst die Bretagne, das spüre ich“, sagt sie mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel aufkommen lässt. Wie könnte man die Bretagne auch nicht lieben? Dieses Land am Meer ist geheimnisvoll und windumtost. Die Wellen des Atlantiks beißen an den zerklüfteten Küsten auf Granit. Reisende tun es bei den Bretonen nicht, denn so rau Landschaft und Wetter hier sein können, so herzlich sind die Menschen.

veröffentlicht am 14.09.2012 um 10:34 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:13 Uhr

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Jens Meyer

Autor

Jens Meyer Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Menschen wie Annie, die Wert darauf legen, Bretonen und erst dann Franzosen zu sein. Mit ihrem Mann Philippe wohnt sie in Ploemeur unweit der Küste vor den Toren der Stadt Lorient und hat noch ein typisch bretonisches Steinhaus auf dem Land, ein kleines, niedliches. Pénéty heißt das Dörfchen. Eine Zufahrt ist schwer zu finden. Und wo moderne Navigationssysteme nicht hinführen, muss man wie früher den Atlas bemühen. Dass es so etwas noch gibt…

Das alte Pfarrhaus, das die beiden vor einigen Jahren gekauft hatten, steht neben der kleinen Dorfkirche. Spatzen haben ihre Nester in den Mauerfugen gebaut. Das Haus lächelt aus Fenstern mit mintgrünen Rahmen und hellblauen Läden. Himmelblau und violett leuchten die Hortensien aus dem Garten. „Es gibt keine Zufälle im Leben“, sagt Annie, gießt Schaumwein nach und bietet bretonische Butterkekse an. Wer möge dies besser beurteilen können als sie, die Bretonin mit den freundlichen Augen, deren Vater in der Resistance im Zweiten Weltkrieg gegen die deutschen Besatzungsmächte gekämpft hat. Dass sein Widerstand von hier aus, von Pénéty, geschah, wusste sie nicht. „Ich habe das erst erfahren, als wir unser Haus hier gekauft hatten. Das ist kein Zufall gewesen, das war Bestimmung“, sagt Annie.

Nicht, dass sie dabei nachdenklich wirken würde. Annie erzählt aus ihrem Leben ruhig, aber nicht melancholisch – noch dazu in nahezu perfektem Deutsch, denn sie war Deutschlehrerin an einer Schule in Lorient. Jetzt malt sie. Sie tut dies mit aller Bescheidenheit. „Eine Ausstellung, ja, na ja, mal sehen, vielleicht im nächsten Jahr.“ Es muss ja nicht gleich eine eigene sein. Rosane Gueganic zum Beispiel stellt ihre Werke auf dem „Marché de la Peinture“ an der Strandpromenade von Larmor-Plage aus, einem beliebten Badeort an der Bucht Lorients. Heute haben sie und die anderen Künstler – die meisten aus der Umgebung – Glück mit dem Wetter: Der Blick zur Insel Groix ist ungetrübt. „Ich mache Fotos von den Motiven und male dann zu Hause“, sagt Madame Gueganic. Dass diese Vorgehensweise der hohen Kultur möglicherweise als nicht angemessen erscheint, dürfte sie kaum stören. Mit feinem Strich und versiertem Farbspiel bannt die Malerin bretonische Ansichten in Öl auf Leinwand, die die allermeisten Urlauber nicht mit der besten Kamera einzufangen wüssten. 48 Euro für das Bild mit dem Salzbauern aus Guérande? Man ist fast beschämt, es zu diesem Preis kaufen zu dürfen. Und eben jenes Motiv lässt zwei bedeutende Komponenten dieses himmlischen Stückes Frankreich ineinanderfließen: die Kunst und das Salz, das Fleur de Sel, das auf den Feldern rund um die Stadt Guérande aus dem Atlantik in harter Arbeit gewonnen wird. Weißes Gold.

2 Bilder

Aber nicht alles, was glänzt, ist Gold und Salz. Auch das Motorrad von Jean-Marc Guillard tut es. Eine Harley-Davidson. Jean-Marc ist so etwas wie ein Easy Rider aus Larmor-Plage, einer der entspannten Sorte. Dieser immer gut gelaunte Harley-Fahrer freut sich über jeden Tag, an dem er seine Maschine ausfahren kann, am besten auf der Küstenstraße Richtung Guidel-Plage in der Nebensaison. Das tut er seit seinem 60. Geburtstag vor mehr als drei Jahren; die Familie hatte zusammengelegt und ihm seinen Traum erfüllt. Wenn er jetzt mit dem Gas spielt, vibriert die ganze Rue du Guezo. „Hört sich toll an, was? Mir gefällt das richtig gut.“ Sagt’s, lässt den Motor noch einmal brabbeln und setzt sich dann wieder an den Tisch, um mit Schwiegermutter Armande le Guennec ein Gläschen Rosé zu trinken. Über 80 Jahre ist sie alt, „mais très fort“, aber sehr stark, sagt Jean-Marc und klopft ihr ein paar Mal auf den Unterarm. Die beiden verstehen sich gut, das merkt man.

Und noch besser: Sie verstehen ihre Gäste. „Euer Französisch ist gut geworden, sehr gut sogar“, loben sie. Das ist ziemlich übertrieben, aber sehr freundlich.

Gwenn ha du. Weiß und schwarz. Das sind die Farben der bretonischen Flagge. Die keltischen Wurzeln machen den westlichsten Teil Frankreichs mit seinen Kalvarienbergen und rund 3000 Menhiren bei Carnac verführerisch geheimnisvoll. Es hält sich zudem seit Jahrhunderten die Legende von der Tafelrunde des Königs Artus, der mit 50 seiner besten Ritter aufgebrochen war, um im Wald von Brocéliande (Forét de Paimpont westlich von Rennes), dem Reich von Zauberer Merlin und Fee Morgane, den Heiligen Gral zu finden. Am allermeisten jedoch haben zwei Comic-Helden der Bretagne zu Ruhm verholfen: Asterix und Obelix. Das Dorf zu finden, das stets spielend gegen die Römer Widerstand leistet(e), ist aber ein Ding der Unmöglichkeit: reine Phantasie. Aber wie die Gallier, so wirken die Bretonen: Sie lassen sich ungern die (in diesem Falle selbstverständlich gesalzene) Butter vom Brot nehmen. „Der kleine König Sarkozy hat bei einem Besuch der Zitadelle von Port-Louis die ganze Bucht sperren lassen; da durfte kein einziges Segelboot fahren. Den hätten wir am liebsten zum Teufel gejagt“, sagt Annie. Das haben sie dann irgendwie ja auch getan.

Berauschend: Der Atlantik küsst die Bretagne (re.) jeden Tag. Bilder links: Annie Chauvelon malt, Jean-Marc Guillard fährt Harley-Davidson.

Fotos: ey



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