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Interview mit dem AdU-Vorsitzenden Ulrich Meyer zur Finanzkrise und den Kräften des Marktes

„Das kann in einer politischen Krise enden“

Hameln. Die Wirtschafts- und Finanzkrise beherrscht seit Monaten die Schlagzeilen. Milliardenschwere Staatsprogramme werden aufgelegt, die Verstaatlichung von Betrieben hat begonnen. Karl Marx lässt grüßen. Dazu haben wir den Vorsitzenden des Arbeitgeberverbandes der Unternehmen im mittleren Wesergebiet (AdU) interviewt. Ulrich Meyer ist ein bekennender Anhänger des freien Marktes. Mit ihm sprach Thomas Thimm.

veröffentlicht am 08.04.2009 um 18:15 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Ulrich Meyer

Herr Meyer, die Finanzkrise beutelt bundesweit den Arbeitsmarkt – das Weserbergland läuft gegen den Trend etwas robuster. Woran liegt das?

Ich glaube, wir sind im Weserbergland verhältnismäßig wenig von der Automobilindustrie betroffen. Das wirkt sich derzeit am Arbeitsmarkt eher positiv aus. Und branchenübergreifend sind viele Arbeitnehmer derzeit in Kurzarbeit – aber noch nicht gekündigt.

Wie groß ist denn Ihr Pessimismus?

Wir sind in der Region nicht so sehr an die Schlüsselindustrien gebunden. Das hatte in den letzten Jahren die negative Auswirkung, dass das Weserbergland beim globalen Wachstum nicht Schritt halten konnte. Nun aber fallen wir dafür auch nicht so tief. Ein Beispiel: Der Maschinenbau beklagt ein Auftragsminus von 40 Prozent; das ist bei uns wohl noch nicht so sehr spürbar.

Sind im Weserbergland bereits Signale für einen solchen spürbaren Einbruch erkennbar?

Die angekündigten Entlassungen bei Lenze sind bereits ein solches Signal gewesen. Es ist hier bei uns das erste Unternehmen dieser Branche, das nicht mehr auf das Prinzip Hoffnung setzt und nun krisenbedingt Arbeitsplätze abbaut. Welchen Anlass gibt es derzeit, daran zu glauben, dass die Krise in einem halben Jahr vorüber sein könnte?

Manche Medien trommeln, den Deutschen ginge es so schlecht wie noch nie. Schütteln Sie da nicht den Kopf?

Die Bewertung einer Stimmungslage bezieht sich immer auf die Perspektive des Betrachters. Klar ist: Die deutsche Wirtschaft hat deutliche Auftragsrückgänge. Die Folge sind mit Gewissheit wegbrechende Arbeitsplätze. Und darunter wird der Konsum leiden. Dinge wie die Abwrackprämie sind eine rein wahltaktische Maßnahme für die Bundestagswahl im Herbst. Nur: Die Autoindustrie wird durch das künstliche Vorziehen der Nachfrage nach neuen Autos im Jahr 2010 in ein noch tieferes Loch fallen. Politisch wird die Rechnung dafür die nächste Regierung übernehmen müssen. Doch dann schiebt es wieder einer auf den anderen.

Wie spürbar ist die Krise für die Menschen?

Ein harter Faktor ist neben der Zahl der Arbeitslosen auch die Zahl derer, die in Kurzarbeit geschickt werden. Das Problem für uns ist nur, dass die Arbeitsagentur in Nürnberg diese Zahlen erst mit einem großen Zeitverzug meldet, so dass wir die wahre Tragweite der Kurzarbeit nicht aktuell einschätzen können. Arbeitslose und Kurzarbeiter konsumieren weniger – der Einzelhandel hat jetzt aktuell als erste Auswirkung mit einem Minus zu kämpfen.

Welche Branchen sind im Weserbergland am deutlichsten von der Krise betroffen?

Das sind in erster Linie alle exportabhängigen Branchen wie der Maschinenbau, Chemie und Autozulieferer. Die regional tätigen Unternehmen verharren auf relativ niedrigem Niveau. Sie haben den Aufschwung nicht mitnehmen können. Sie haben sich auf einem niedrigen Niveau durchgekämpft und fallen jetzt auch nicht in ein tiefes Loch. Es wird spannend sein, zu beobachten, wie sich das Konjunkturpaket II auf das hiesige Handwerk auswirkt – zum Beispiel, ob sich das am Ende auf die Preise auswirken wird. Denn eines dürfte klar sein: Angebotspreise werden steigen, weil einige Betriebe punktuell bereits ausgelastet sind und nun die zusätzliche Nachfrage aus dem Konjunkturpaket noch hinzukommt.

Muss die Krise in dem einen oder anderen Fall vielleicht auch dafür herhalten, dass ein Unternehmen notwendige Umstrukturierungen verpasst hat und die nun schnell nachholt?

Ich halte den Gedanken für abwegig, dass die Krise für Strukturbereinigungen genutzt wird. Es ist nicht billiger, in Krisenzeiten Arbeitsplätze abzubauen. Grundsätzlich ist aber ein Unternehmen dafür da, Gewinne zu erwirtschaften. Dann zahlt es selbst und seine Eigentümer Steuern, von denen der Staat seine Sozialleistungen erbringt. Und deshalb müssen Unternehmen immer schnell und flexibel auf die Bedingungen des Marktes und eben auch einer Krise reagieren. Übrigens auch im Sinne derjenigen, die dort beschäftigt bleiben. Kein Unternehmer entlässt gerne Mitarbeiter. Wenn die Kündigung von 10 Mitarbeitern den Arbeitsplatz von 50 anderen sichert, ist die Entscheidung wohl klar.

Erklären Sie das mal den von Kündigung bedrohten Mitarbeitern von Lenze …

Natürlich stecken da persönliche Schicksale dahinter, aber es gibt in der Wirtschaft keine Arbeitsplatzgarantie für immer. Lenze hat über Jahre aufgrund erfolgreicher Firmenpolitik auch viele Arbeitsplätze geschaffen. Meines Wissens haben die Mitarbeiter auch vom Unternehmenserfolg profitiert. Unternehmen wie Lenze haben sich eine gute Position am Markt erarbeitet und solide gewirtschaftet. Eben deshalb ist ja bislang auch kein ausländischer Investor gekommen, hat das Unternehmen gekauft und die Produktion ins Ausland verlagert. Das wäre wohl die schlechteste Lösung für die Mitarbeiter.

Und der Arbeitsplatzabbau bei Ardagh Glas in Bad Münder?

Ich bin Vorsitzender eines regionalen Arbeitgeberverbandes und bin dafür da, für die Region zu kämpfen. Ich bin aber auch Verfechter des freien Marktes. Und in einem freien Markt entwickeln sich Unternehmen, bauen neue Standorte auf und schließen alte. Positiv sind natürlich jene Firmen, die unserer Region treu bleiben. Wie zum Beispiel auch die Aerzener Maschinenfabrik und andere, die alle miteinander die Arbeitsmoral und die Präzision ihrer Mitarbeiter hier im Weserbergland schätzen und nicht woanders hingehen.

Schauen wir in eine ganz andere Branche: Inwieweit besteht die Gefahr, dass mit dem BHW Hamelns größter Arbeitgeber zum Spielball der Finanz-Mächtigen wird?

Ich bin in dieser Frage nicht fachkundig. Das BHW hat aber meiner Einschätzung nach die große Chance in der Spezialisierung, Geschäftsprozesse professionell abzuwickeln. Das ist – glaube ich – eine Stärke des BHW, und wenn das Unternehmen weiter daran arbeitet, liegen hier mehr Chancen als Risiken. Im Übrigen wird sich die Finanzbranche insgesamt stabilisieren.

Politik, Wirtschaft, Verbände und Steuerzahler schreien nach klaren Regeln und klarer Ordnung im Finanzsektor. Dennoch werben einige Banken schon wieder mit hochspekulativen Anlagen wie Hebelanlagen. Haben die nichts gelernt?

Die Berichterstattung aufgrund der Finanzkrise hat zu einer sehr breiten Aufklärung aller Bevölkerungsschichten geführt. Ich habe überhaupt kein Problem damit, wenn Privatpersonen mit diesem heutigen Kenntnisstand zum Beispiel mit Hebelanlagen ihr Geld vernichten. Jeder Mensch sollte das weiterhin frei entscheiden können. Es werden ja auch keine Kasinos verboten. Eine ganz andere Frage ist aber, ob Banken diese hochspekulativen Geschäfte mit dem Geld ihrer Anleger machen dürfen. Das gehört verboten, um in eine solche Situation wie heute nie wieder hinein zu geraten.

Über Hebelanlagen und ähnlich windige Geschäfte können neue Kreditblasen entstehen. Ist das vertrauensbildend?

Nein, sicherlich nicht.

Aber warum wird denn dann der Steuerzahler dazu gezwungen, die Verluste von Banken zu übernehmen und das Bankensystem zu finanzieren?

Dieser Weg ist ja völlig falsch. Die Rettung von Banken und anderen Unternehmen kann keine Staatsaufgabe sein. Das allerhöchste der Gefühle wäre gewesen, wenn eine der Staatsbanken für die Kreditrisiken der anderen notleidenden Banken eingetreten wäre. So wie es jetzt gelaufen ist, trägt der Staat auch die Fortführungkosten und -risiken ganzer Institute. Wenn so eine Bank kein Erfolg versprechendes Zukunftskonzept hat, dann muss sie abgewickelt und geschlossen werden. Es ist nicht die Aufgabe des Staates, Banken zu retten, sondern den Finanzmarkt. Das Unwort ist hierbei Systemrelevanz. Aber derzeit ist eben alles auf die Bundestagswahl im September ausgerichtet. Das ist Politik. Aber es ist außerhalb jeder volkswirtschaftlichen Logik.

Hat also unser Wirtschaftssystem einen Fehler, sind wir nicht markt-radikal genug?

Was derzeit in Deutschland passiert, darf man ja kaum zu Ende denken. Geld in Nischen zu pumpen, ist schadhaft. Transferleistungen haben immer geschadet, im Übrigen auch die für Unternehmen. Sie nützen kurzzeitig und schaden langfristig. Sie sind oft durch Mitnahmeeffekte begleitet. Wir müssen volkswirtschaftliche Regeln beachten und die freie soziale Marktwirtschaft leben, aber nicht ausschließlich parteipolitisch mit Blick auf die nächste Wahl. Die Salamitaktik zum Befrieden einzelner Krisenherde und das Missachten des Leistungsprinzips kann zum Implodieren des gesamten Systems führen. Letztlich kann das auch in einer politischen Krise enden, wenn sich nicht nur die Bedürftigen, sondern auch die in Deutschland traditionell leistungsstarke Mittelschicht vom Staat im Stich gelassen fühlt.



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