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Warum die News und der alte Cregg niemals aus der Mode kommen werden

Das Herz des Rock’n’Roll schlägt bei Huey Lewis harmonikalisch

Gewiss, in den neunziger Jahren ist Huey Lewis nicht viel eingefallen, und auch seit der Jahrtausendwende waren es nur zwei Studioalben, die der gebürtige New Yorker mit seiner Band, den News, veröffentlicht hat. Eines davon, die neueste Scheibe „Soulsville“, widmet sich alten Soulklassikern des STAX-Labels, nicht mal mehr dem bluesigen Rock’n’Roll. Erfolgreiches eigenes Songwriting hört sich ohne Frage anders an. Dafür klingt „Sports“ bis heute nach. Meisterstück eines Meisters, der 1983 Millionen von Menschen glücklich machte. Nur wenige sehen in Lewis den größten Irrtum im Rock’n’Roll. Die, die es tun, Herrgott, die Armen waren eben nie auf einem News-Konzert.

veröffentlicht am 07.05.2011 um 04:45 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

Jens Meyer

Autor

Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Allein der Kracher „I want a new drug“ hatte mehr Pfeffer, mehr Ausdruckskraft im rockenden Gebälk, als die Rolling Stones während jenes ganzen Jahrzehnts versprühten, weshalb Mickyboy Jagger denn ja auch kurzerhand mal zwei Soloscheiben ohne Keith und Co. gebar. Lewis hingegen war mit seinen News so eng verbunden wie ’ne Briefmarke auf der Postkarte. Schöne Grüße vom Mainstream-Rock in einer Zeit, in der sich Trends entwickelten, die populäre Musik nicht nur in der Neuen Deutschen Welle, sondern weltweit mal eben ohne E-Klampfe und richtigem Schlagzeug neu zu erfinden. Hölzerne Songgerüste waren die Missgeburten jener Tage. Vieles, was die achtziger Jahre hervorbrachten, klang so fehlerfrei produziert wie langweilig, wenn man nicht gar das Wort seelenlos bemühen wollte.

Huey, der Mundharmonika-Spieler mit dem verschmitzten Gesichtsausdruck, bestand die Feuertaufe bravourös. Als zum Beispiel ein Robert Plant erfolglos versuchte, dem modernen Kram hinterherzueiern, kreierten Lewis’ News eine eigene Marke: sich selbst. Bass, Gitarren, Drums harmonisch in Melodien verpackt, dazu ein Quartett der Tower-Of-Power-Horns und Lewis‘ Haussaxophonist Johnny Colla, Weggefährte schon in den siebziger Jahren und wahrscheinlich wichtigster Bestandteil der Band. Wenn schon, denn schon. Wer’s nicht wollte, musste es ja nicht hören.

Aber es wollten viele. Das Album „Sports“, drittes Ding von Huey, the Cregg, verkaufte sich schließlich allein sieben Millionen Mal in den USA. Der Nachfolger „Fore“, zwei Jahre später, wusste gleich mit sechs Single-Auskopplungen die ganze, nun gut, jedenfalls mindestens die gefühlte halbe Welt zu begeistern, was zu einem Gutteil am Kinofilm „Zurück in die Zukunft“ gelegen hatte. Dafür lieferten die News mit „The Power of Love“ den Soundtrack der Zukunft nach ganz klassischem Songwriting. Welch ein Parforceritt. Kein Tag, an dem dieses Lied nicht heute noch über den Äther eines Rundfunksenders geschickt wird. Bei „Hip to be square“ aus dem 1985er Album „Fore“ wackelten die Wände. Das war Rock’n’Roll und ist es bis heute geblieben, egal, was Kritiker des Huey-Mainstreams dagegen zu sagen haben und hatten. Der Erfolg gab dem gebürtigen New Yorker ja Recht. Er verkaufte millionenfach Platten, Tourneen waren ausverkauft.

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Wichtig(st)er Teil der News: Saxophonist Johnny Colla

Rückblende: Als Led Zeppelin und die Stones Richtung USA schielen, um nichts weniger als die ganze Welt im Sturm zu erobern, kauft sich der junge Hugh Anthony Cregg III, in New York geboren und im San Francisco Bay Area groß geworden, ein Flugticket und fliegt dorthin, wo Led Zep und Konsorten herkommen. Europa ist Lewis‘ Ziel; dort will er als Musiker den Erfolg suchen, und vielleicht sind es die irischen (Vater) und polnischen (Mutter) Wurzeln, die ihn magisch über den großen Teich ziehen. Von Erfolgen wie „Sports“ und „Fore“ kann er nur träumen. Der junge Hugh muss vorerst mit der Rolle des Straßenmusikanten Vorlieb nehmen. „I don’t need no money, ’cos I’ve got attitude“, heißt es in einem seiner späteren Songs. Brauche kein Geld, habe meine Einstellung. Rückblickend hat diese Textzeile autobiografische Züge.

Aber es ist okay. Lewis hat eine schwierige, dennoch gute Zeit, weil er Erfahrungen sammelt und Mundharmonika spielt, bis ihm die Lippen blau werden. Bis heute bleibt ihm die Blues Harp treu, das einzige Instrument, das er zu spielen imstande ist. Der Rest ist Gesang. Kehliger, grollender Gesang. Von ganz unten kommend. Ein großartiger Resonanzkörper. Säuferstimme. Für den Rock’n’Roll eine Offenbarung. „Daraus muss doch etwas zu machen sein?“ denkt sich seinerzeit auch Robert John „Mutt“ Lange. Das ist jener Typ, der später eines der erfolgreichsten Rockalben aller Zeiten, „Highway To Hell“ von AC/DC, produzieren wird.

Nach Lewis‘ Rückkehr in die Staaten entsteht die Band Clover. Zwei Alben bringt sie unter Lange heraus. „Chicken Funk“ wird 1976 kein Hit, immerhin aber findet die Single schon mal erste Beachtung. Huey Lewis ist „drin“ im Business. Clover hält nicht lange. Aber Lewis hat schon was anderes in Aussicht: Er geht als Mundharmonikaspieler mit Thin Lizzy auf „Live and Dangerous“-Tour. Die „Boys are back in town“ mit Huey Harp, so nennt er sich damals, Ende der siebziger Jahre.

Dann kommt es zu einem dieser Gigs in Uncle Charlie’s, einem Club in Corte Madera (Kalifornien). Lewis schnappt sich wieder mal seine Harmonika und spielt mit ein paar Kollegen. Sie nennen sich Huey Lewis and the American Express. Daraus werden dann die News, die 1980 unter ihrem Bandnamen das erste Album veröffentlichen, das es bereits unter die Top 40 der Billboard Hot 100 schafft. „Picture This“ zwei Jahre später ist noch erfolgreicher. Und 1983 dann: „Sports“!

Und die News legen nach. „Fore“ wird 1985 veröffentlicht. Neben „Stuck with you“, „Hip to be square“ und „Doin‘ it all for my baby“ enthält das Album auch das von Bruce Hornsby geschriebene „Jacob’s Ladder“. Der Jazzrock-Pianist steuert auch für das 1988er Album „Small World“ einen Song bei. Lewis selbst singt auf Hornsbys erstem Erfolgsalbum „The Way It Is“ den Song „Down the road tonight“. Die Kollaboration geht auf eine Tournee zurück, in der Hornsby und seine Range im Vorprogramm von Lewis und dessen News einheizen.

Das waren sie, die erfolgreichsten Jahre von Huey Lewis and the News. Nach dem 1991er Album „Hard at Play“ (Single „It hit me like a hammer“) verliert die Gruppe an Schwung. Alte Rock’n’Roll-Titel auf „Four Chords And Several Years Ago“, durchaus originell produziert, lassen sich nicht erfolgreich verkaufen. Das rettende Ufer ist der Film „Traumpaare“. Lewis spielt nicht nur selber mit, sondern steuert auch einen Teil des Soundtracks bei und singt mit Gwyneth Paltrow die Ballade „Cruisin‘“. Ein Lebenszeichen.

Und noch eines, ganz in der Nähe – Expo 2000 in Hannover. Nach dem EM-Aus der deutschen Fußballnationalmannschaft haben Kickerherzen Rhythmusstörungen, doch The Heart Of Rock’n’Rock schlägt wie Londons Big Ben zur Mitternachtsstunde. Huey Lewis, gerade noch soeben 49 Jahre alt, hat News in der BeatBox in Halle 11 für rund 3000 Fans. Die feiern ihn. Die Karriere steht ihm ins Gesicht geschrieben, tiefe Furchen auf der Stirn, aber immer noch dieses spitzbübische Lächeln und die großartige Stimme. Colla, Gibson, Hopper, alle News an Bord. Sie rocken Hits und „Plan B“, das nächste Album. Huey in Bestform und völlig entspannt. Naturcool, der Typ. Seitdem hat er sich allerdings nicht mehr blicken lassen in Deutschland. Ein Anfall von europäischem Familienfieber wäre nicht schlecht. Die großen Erfolge sind vorbei, aber ein paar Tausend Fans würden die News sicher gerne empfangen, so wie sie es in den USA noch immer tun. We want a new drug, Huey!

Huey und die News im Anzug! Tourbook der Small-World-Tour 1988/89.

They say the heart of rock’n’roll is still beating

and from what I’ve seen

I believe’em.

Now the old boy

may be barely breathing.

But the heart of rock’n’roll the heart of rock’n’roll

is still beating!

Tiefe Furchen im Gesicht, aber ’ne Stimme wie geölt: Huey Lewis (Jahrgang 1950) ist in Amerika immer noch ein gefeierter Rock’n‘Roller, der mit „Soulsville“ Ende vergangenen Jahres ein neues Album veröffentlicht hat. Fotos: ey



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