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Das Handwerk und der silberne Boden

Im Ausstellungsraum über der Werkstatt riecht es nach Holz. Von unten dröhnt dumpf eine Maschine, und hin und wieder hört man Arbeitsgeräusche. Überall im Raum stehen Möbelstücke aus Holz: Ein Schaukelstuhl, eine Einbauküche, Betten, Tische, Regale, ein futuristisch anmutender Stuhl aus edlem Holz und vieles mehr. An den Wänden hängen Fensterrahmen anstatt Bilder. Und ja, nahezu alles, was man an Einrichtungsgegenständen zum Leben braucht, findet sich hier.

veröffentlicht am 04.03.2010 um 10:08 Uhr
aktualisiert am 04.03.2010 um 11:06 Uhr

Handgefertige Möbelstücke: Für den Tischler Bernd Albrecht gibt

Autor:

Matthias Rohde

Im Ausstellungsraum über der Werkstatt riecht es nach Holz. Von unten dröhnt dumpf eine Maschine, und hin und wieder hört man Arbeitsgeräusche. Überall im Raum stehen Möbelstücke aus Holz: Ein Schaukelstuhl, eine Einbauküche, Betten, Tische, Regale, ein futuristisch anmutender Stuhl aus edlem Holz und vieles mehr. An den Wänden hängen Fensterrahmen anstatt Bilder. Und ja, nahezu alles, was man an Einrichtungsgegenständen zum Leben braucht, findet sich hier. Tischlermeister Bernd Albrecht ist sein 1994 selbstständig, hat sich anfänglich vornehmlich als Bautischler engagiert, aber das habe ich geändert, sagt er: „Heute sind es vor allem Möbel, die wir herstellen und verkaufen.“

Der Markt habe sich gewandelt, sagt der 41-Jährige und spricht zögerlich über den teilweise mit harten Bandagen ausgefochtenen Preiskampf in der Branche. „Das sieht in anderen Gewerken aber auch nicht anders aus“, betont er. Fenster zum Beispiel gehörten für ihn aufgrund des enormen Angebots nicht mehr zu den lukrativsten Aufträgen, sagt Albrecht. Billiganbieter aus dem Ausland und der Trend von Hausbesitzern, möglichst viel selber zu machen – beides mache ihm das Leben schwerer. Dennoch: „Gerade das Handwerk hat in der heutigen Zeit eine wichtige Funktion“, meint der Tischlermeister und erklärt: „Wenn es darum geht, qualitativ hochwertige Arbeit abzuliefern, dann ist der Handwerker vor Ort immer die erste Wahl.“ Denn eines schätzten die Kunden ganz besonders: Das umfassende Beratungsangebot des heimischen Handwerks. Doch nicht jeder verhält sich dabei fair, wie Albrecht feststellt: „Es ist mittlerweile Usus geworden, sich vor Ort beraten zu lassen und dann im Internet oder im Ausland zu kaufen.“ Der Obermeister der Schaumburger Metallinnung, Klaus Reckling, stimmt seinem Hamelner Kollegen zu: „Es gibt Kunden, die lassen sich von mir eine Zeichnung anfertigen und genießen das Beratungsangebot in vollen Zügen und gehen dann mit den Informationen und den Skizzen zum Mitbewerber.“

Ohnehin entwickle sich das Handwerk in zwei Richtungen, meint Albrecht. Während auf der einen Seite die Spezialisten für ein bestimmtes Produkt aufgrund der hohen Stückzahlen den Markt beherrschen, könnten die „Generalisten“, wie er sie nennt, auf der anderen Seite durch eine große Vielfalt individuelle Kundenwünsche befriedigen. „Deswegen ist die Ausbildung im Handwerk auch so wichtig“, sagt Albrecht, der als Lehrlingswart der Tischlerinnung Hameln-Pyrmont genau spürt, wie der goldene Boden des Handwerks löchriger wird. Zwar gebe es immer noch mehr Bewerber als verfügbare Ausbildungsplätze, aber: „Für viele junge Menschen ist das Handwerk erst die zweite Wahl.“ Seiner Einschätzung nach strebten die jungen Erwachsenen einen „modernen“ Beruf an: „In der IT-Branche wittern viele junge Menschen leicht zu verdienendes Einkommen.“ Dabei sorge das Handwerk mit seinen vielen unterschiedlichen Gewerken auch dafür, dass eine ganze Reihe traditioneller Fertigungstechniken erhalten bleibe. „In unserem Betrieb lernen die Auszubildenden zum Beispiel noch das Schmieden“, sagt Reckling, der vor allem in der zunehmenden Verschlechterung der schulischen Vorbildung der Auszubildenden eine Gefahr für das Handwerk sieht. Fassungslos betrachte er manchmal die Zeugnisse der Bewerber und stellt fest: „Heute wird in den Schulen sehr viel Wert auf pädagogische Aspekte gelegt, aber das hat auch seine Nachteile.“

Eine klare Werbebotschaft: Das Handwerk strotzt vor Selbstbewuss
  • Eine klare Werbebotschaft: Das Handwerk strotzt vor Selbstbewusstsein. Foto: Wal

Zwar gebe es sie immer noch, die schulisch gut vorbereiteten Ausbildungsplatzbewerber, aber das sei nur eine ganz kleine Zahl, sagen die beiden Handwerksmeister. Und für Reckling steht fest: „Durch die geburtenschwachen Jahrgänge wird die Lage noch dramatischer.“

Dessen ungeachtet fühlen sich Albrecht und Reckling in ihrer Rolle als „generalistische“ Handwerker sehr wohl. Reckling verkauft in seinem kleinen Laden neben eigenen Konstruktionen auch Produkte anderer Hersteller und Albrecht findet, er habe einen abwechslungsreichen Job, kümmere sich mit der typischen Verlässlichkeit, die dem deutschen Handwerk nachgesagt wird, um seinen kleinen Kundenkreis und sei auch für neue Geschäftsfelder empfänglich. So vermarktet Albrecht ein Bettensystem eines österreichischen Herstellers in seinem Betrieb. Bis auf die Leisten des Tragegestells ist zwar kein Holz für die Herstellung dieses Systems nötig, aber Albrecht kennt sich trotzdem bestens aus. Mit einer eher handwerksuntypischen Eloquenz gibt der bei Seminaren und Fortbildungen geschulten Tischlermeistern Ratschläge hinsichtlich Gesundheit und Wohlbefinden. Und für Albrecht ist ein kundenfreundliches Auftreten das A und O im Handwerk und von daher überhaupt nicht untypisch. „Hohe Qualität beim Produkt ist das eine, Kundennähe das andere“, sagt der Tischlermeister. Immerhin würden er und seine Angestellten beim Einbau eines Möbelstücks in den Räumen des Kunden in dessen Privatsphäre eindringen und an dieser Stelle gelte es, besonders respektvoll und nach allen Regeln der Benimmkunst vorzugehen.

Nein, eine goldene Nase verdiene man sich im Handwerk nicht, sagt Reckling. Und: „Der Boden für das Handwerk ist da, aber er ist definitiv nicht mehr aus Gold, vielleicht Silber, vielleicht.“ Aber so manch ein Kunde scheint diesem Gerücht auf den Leim gegangen zu sein, wie Albrecht bemerkt. „Im Rahmen einer Veranstaltung habe ich unlängst gehört: Zu den Grundbedürfnissen des Menschen gehört essen, schlafen, sich fortpflanzen und feilschen“, sagt er lächelnd und fügt an: „Sicher gibt es immer eine Verhandlungsbasis, aber manchmal gehen die Vorstellungen der Kunden weit über das Mögliche hinaus. Reckling: „Zwei, drei oder auch fünf Prozent sind immer drin.“ Manch ein Kunde aber scheint davon auszugehen, dass der vom Handwerker geforderte Preis eine bodenlose Unverschämtheit sei, denn sowohl Reckling als auch Albrecht werden nicht selten mit Rabattforderungen im hohen zweistelligen Prozentbereich konfrontiert. „Bei uns kostet eine handgefertigte schmiedeeiserne Lampe rund 200 Euro. Im Baumarkt gibt es die für 40 Euro“, stellt Reckling fest. Der Schaumburger Handwerksmeister kann weder mit den Niedriglöhnen in Höhe von zum Teil nur wenigen Cent in den exportierenden Staaten mithalten noch ist er gewillt, bei der Qualität des Materials Abstriche zu machen. Und Tischlermeister Albrecht meint: „Wenn ich ein Möbelstück für 1200 Euro anbiete, der Kunde aber nur 800 Euro zahlen möchte, dann geht er entweder davon aus, dass ich ihn um 400 Euro übervorteilen wollte oder er nimmt in Kauf, mich um 400 Euro zu übervorteilen. Das ist in jedem Sinne unfair.“

Es gab Zeiten, in denen die Handwerker zu den angesehensten Personen einer Stadt gehörten, in denen Handwerker nicht nur Fachleute, sondern auch gesellschaftlich hochgestellte Persönlichkeiten waren. Diese Zeiten seien aber vorbei, betonen Albrecht und Reckling. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks indes versucht, das Image des Handwerks wieder aufzupolieren und hat deswegen eine Werbekampagne gestartet. Allerdings hat der Verband wegen des Erdbebens in Haiti den Werbespot aus dem Fernsehen und den Kinos zurückgezogen. Anzusehen ist er aber über die Internetseite www.handwerk.de des Verbandes. Und auf der gestern in München eröffneten Internationalen Handwerksmesse wollen die Handwerker ganz praktisch zeigen, was in ihnen steckt.

„Steinreich wird man als Handwerker nicht“, sagt Bernd Albrecht. Der Boden, das Fundament des Handwerks in Deutschland, sei zwar solide, aber: „Im Boden gibt es auch Löcher“, sagt der Tischlermeister aus Hameln. Allenfalls noch silber sei der ehemals goldene Boden des Handwerks, meint auch der Obermeister der Schaumburger Metallinnung, Klaus Reckling. Handwerker sortieren sich in der globalisierten Gesellschaft neu ein.

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