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Warum ist es eigentlich so attraktiv, eine Konzession zu bekommen? / e.on und Stadtwerke kämpfen

Das große Tauziehen um die Stromnetze

Hameln-Pyrmont. Beim Tauziehen um die Stromnetze im Landkreis Hameln-Pyrmont wollen die „Stadtwerke Weserbergland“ jetzt Boden gewinnen: In wenigen Tagen startet die neue Gesellschaft im Raum Coppenbrügge eine Offensive, um vor allem vom Konkurrenten e.on Westfalen Weser Kunden abzuwerben. Die Aktion wird in den Räumen der Sparkasse Weserbergland und der „Volksbank am Ith“ laufen. Die Einbindung der Sparkasse könnte Bewegung in die Diskussion bringen, ob künftig die Stadtwerke oder weiterhin die e.on Westfalen Weser AG das Leitungsnetz in den meisten der hiesigen Gemeinden betreiben sollen. Gewährsträger der Sparkasse ist der Landkreis Hameln-Pyrmont; er hat zugleich Anteile an e.on Westfalen Weser.

veröffentlicht am 10.06.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

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Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Hameln-Pyrmont. Beim Tauziehen um die Stromnetze im Landkreis Hameln-Pyrmont wollen die „Stadtwerke Weserbergland“ jetzt Boden gewinnen: In wenigen Tagen startet die neue Gesellschaft im Raum Coppenbrügge eine Offensive, um vor allem vom Konkurrenten e.on Westfalen Weser Kunden abzuwerben. Die Aktion wird in den Räumen der Sparkasse Weserbergland und der „Volksbank am Ith“ laufen. Die Einbindung der Sparkasse könnte Bewegung in die Diskussion bringen, ob künftig die Stadtwerke oder weiterhin die e.on Westfalen Weser AG das Leitungsnetz in den meisten der hiesigen Gemeinden betreiben sollen. Gewährsträger der Sparkasse ist der Landkreis Hameln-Pyrmont; er hat zugleich Anteile an e.on Westfalen Weser. Dieses Unternehmen tritt als schärfster Wettbewerber der Stadtwerke Hameln (GWS) und Rinteln auf, den Hauptgesellschaftern der Stadtwerke Weserbergland. GWS-Geschäftsführerin Susanne Treptow macht aus ihrer Strategie kein Geheimnis: „Wenn wir im e.on-Gebiet mit der Kundenwerbung Erfolg haben, wäre das für die Gemeinden in zwei Jahren ein guter Grund, uns auch die Konzessionen für das Betreiben der örtlichen Stromnetze zu geben.“ Landrat Rüdiger Butte erfuhr gestern durch die Dewezet von der Kooperation von Sparkasse und Stadtwerken. „Das ist eine rein operative Maßnahme der Sparkasse“, beeilte er sich zu versichern, „das hat keine politische Dimension.“ Er selbst werde aber letztlich die Lösung unterstützen, die für den Landkreis am besten ist.

e.on Westfalen Weser AG reiner Netzbetreiber

Es erscheint so einfach: Der Strom kommt aus der Steckdose – und für die Lieferung erhält der Versorger vom Kunden je nach Verbrauch das Geld. Um diese Kunden gibt es inzwischen einen bundesweiten Wettbewerb (siehe auch Bericht unten). Daneben duellieren sich die Versorgungsunternehmen aber auf einem zweiten Feld: Sie buhlen auf Gemeindeebene um das Recht, dort die Stromnetze zu betreiben. Innerhalb der Hamelner Kernstadt sowie in Bad Pyrmont sind diese Leitungen derzeit im Besitz der dortigen Stadtwerke, im übrigen Kreisgebiet sind e.on Westfalen Weser und in Bad Münder e.on Avacon die Betreiber. Die Konzessionen, die jeweils für 20 Jahre durch die Gemeinderäte vergeben werden, laufen für e.on 2011 aus und werden nun neu ausgeschrieben. Michael Wippermann, Sprecher der e.on Westfalen Weser AG, betont: „Wir wollen unsere Netze sichern. Schließlich sind wir ein reiner Infrastrukturdienstleister.“ Hatte das 1912 gegründete Unternehmen „Wesertal“ – lange Zeit zweitgrößter Arbeitgeber Hamelns und inzwischen in e.on aufgegangen und abgezogen – noch selbst Elektrizität erzeugt, die Netze betrieben und den Strom verkauft, so ist der e.on Westfalen Weser AG nur das Netz geblieben. Der Stromverkauf wurde pflichtgemäß ausgegliedert; die Kunden werden teils von München aus betreut. Die e.on Westfalen Weser AG erwirtschaftet mit den Netzentgelten, die sie von den Stromhändlern kassiert, pro Jahr 600 Millionen Euro Umsatz. Die Rendite gibt Wippermann mit drei bis vier Prozent an – das sei eine für 20 Jahre verlässliche Einnahmequelle.

Das Netzentgelt macht knapp ein Drittel des Strompreises aus, den der Kunde bezahlt. Wegen dieser Erlöse lohnt es sich nach Worten von Treptow, dass die Stadtwerke Weserbergland die Konkurrenz auszustechen versuchen. Der Kauf der Stromverteilnetze rund um Hameln sei problemlos über Kredite zu finanzieren.

Eine Möglichkeit, das Geld vor Ort zu lassen?

Und so könnte sich der Kreis zur Sparkasse Weserbergland schließen, die offenbar um ein gutes Verhältnis zu den Stadtwerken Weserbergland bemüht ist – möglicherweise als Ausgleich zu Geschäften, die mit dem e.on-Abzug aus Hameln verloren gegangen sind. Würde die Sparkasse die Stadtwerke finanzieren, bliebe das Geld vor Ort. Die „regionale Wertschöpfung“ ist das zentrale Argument in der Debatte um die Stadtwerke Weserbergland und die von e.on vorgeschlagene Bildung einer Energieagentur Weserbergland.

Über den Kaufpreis des e.on-Verteilnetzes würde es wahrscheinlich Streit geben. Die Verständigung zwischen altem und neuem Konzessionsnehmer sei bundesweit ein Problem und beschäftige viele Gerichte, weiß Treptow. Bei e.on sei es aber üblich, kurz vor einem Urteil einem Vergleich zuzustimmen. In Springe, wo die GWS neuerdings aktiv sind, sei das Netz zwar Anfang 2009 in den Besitz der dortigen Stadtwerke gegangen, Eigentümer sei aber noch immer e.on. Der Konzern verlange 17 Millionen Euro, die Stadtwerke wollen 8 Millionen geben. „Eine gesetzliche Regelung für solche Fälle wäre sinnvoll“, sagt Treptow, „aber die Lobby der Großen verhindert das.“

Treptow betont, dass das Netz-Engagement der Stadtwerke dazu beitragen könnte, die Strompreise preiswert zu halten. Je größer das Versorgungsgebiet sei, desto kostengünstiger könne gearbeitet werden. Laut einer Studie zu den Netzentgelten haben seit Jahresbeginn fast alle Betreiber in Deutschland die Gebühr um durchschnittlich 7,8 Prozent erhöht. Der Ökoenergieversorger „Lichtblick“ fordert ein unabhängiges Netz. „Wir haben immer noch vier große Regelzonen und über 800 lokale Netzbetreiber. Das ist eine teure und unnötige Kleinstaaterei auf Kosten der Verbraucher“, meint Gero Lücking von der Lichtblick-Geschäftsführung. Die Strukturen im Strommarkt seien unzeitgemäß.



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