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Was ein Soldat seiner Mutter schreibt

„Das Grauen versenkt“

Für Soldaten waren Feldpostbriefe oft die einzige Chance, Kontakt zu ihren Familien zu halten. Von der Brutalität des Krieges erzählen die Briefe aber meist nur zwischen den Zeilen.

Von Frank Werner

veröffentlicht am 25.07.2014 um 12:31 Uhr

Ohne Feldpost ging im Ersten Weltkrieg gar nichts. Etwa 28,7 Milliarden Briefe und Postkarten wurden zwischen Front und Heimat verschickt. Beschränkten sich Karten oft auf die Funktion eines Lebenszeichens, schilderten die Soldaten in Briefen ausführlicher, was sie im Krieg erlebten. Feldpostbriefe handeln häufig von privaten und alltäglichen Dingen, aber sie bezeugen auch, welche Deutungen die Soldaten für den Krieg und ihre Rolle ihn ihm parat hatten. Zensurbestimmungen hinderten sie kaum am Schreiben. Eher beeinflusste sie die Selbstzensur, die Frage, welche Erlebnisse dem Empfänger zuzumuten waren und welche nicht.
Die hier zitierten Briefe stammen aus der Feder von Kurt Ballerstedt, der 1914 und 1939 von Hameln aus in den Krieg zog. Geboren 1894, wuchs Ballerstedt auf dem Rittergut Ütz bei Burg auf, besuchte Gymnasium und Gewerbeakademie, bevor er 1914 als Kriegsfreiwilliger in das Infanterie-Regiment 164 in Hameln eintrat. Anfang September 1914 ist Ballerstedt zunächst enttäuscht, nicht sofort an die Front zu kommen. Wenig später kommt er im Westen zum Einsatz, und nach militärischen Maßstäben bewährt er sich glänzend: Im November 1915 wird er zum Leutnant befördert, im April 1916 mit 22 Jahren zum Kompanieführer. Auch Orden lassen nicht lange auf sich warten: Dem Eisernen Kreuz II. Klasse folgt im Oktober 1916 das Eiserne Kreuz I. Klasse.
In Frankreich nimmt er an den Schlachten von Verdun und an der Aisne teil. Dreimal wird er verwundet. Man kann sagen, Ballerstedt hat die Brutalität des Krieges am eigenen Leib zu spüren bekommen. Und doch – oder gerade deswegen – spart er die Gewalt als Erzählthema fast gänzlich aus. Nur andeutungsweise kommt sie zur Sprache, etwa wenn die Rede davon ist, dass „Betrieb“ in der Gegend war, ein französischer Graben „in die Luft gesprengt“ wurde oder der Satz fällt: „Man hört keinen Kanonendonner mehr, was man beinahe entbehrt.“ Erahnen lässt sich der Furor der Materialschlacht, wenn Ballerstedt im September 1917 rückblickend schreibt: „Vor einem Jahr lagen wir [...] vor Verdun. Da wollte man am liebsten in ein Mauseloch verschwinden.“ Trotzdem, und das ist das Bemerkenswerte nicht nur in seinen Briefen, erlischt das Streben nach Bewährung nicht. Auch nach Verdun drängt Ballerstedt darauf, aus der Etappe wieder an die Front zu kommen.
Beschwiegen werden die Schrecken des Krieges zum einen aus Rücksicht. Ballerstedt schreibt an seine Mutter Toni in Eschershausen, der er keine unnötigen Sorgen bereiten möchte. Zum anderen ist es purer Selbstschutz. Mit Todesangst lässt sich nur leben, wenn sie verdrängt wird. Auch über den Krieg hinaus dauert das Schweigen an. Ballerstedts Sohn berichtet, sein Vater habe so gut wie nie vom Krieg erzählt. „Das erlebte Grauen hatte er wohl in sein Inneres versenkt.“

5 Bilder
Hameln, 2. 9. 1914: „Alle schönen Hoffnungen, daß wir nun bald mit in’s Feld kommen, sind nun wieder hin. Der Kriegszug ist aufgelöst u. wir sind in’s Rekrutendepot zurückgekommen. Wir sind darüber alle sehr wütend und möchten am liebsten kündigen.“ Das Foto zeigt Kurt Ballerstedt 1914 als Kriegsfreiwilliger beim 164er Regiment in Hameln. Foto: pr


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