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„Kugelwechsel auf 15 Sprungschritt“: Adolf von Bennigsen wird am 16. Januar 1902 tödlich verletzt

Das Duell des Landrats im Saupark

Es sei höchste Zeit, das „Duellunwesen“ abzuschaffen, waren sich in der Reichstagssitzung am 8. Februar 1902 die Abgeordneten Adolf Gröber (Zentrum) und Dr. Arthur Esche (Nationalliberale) einig. Auslöser der von den beiden Juristen vorgetragenen Initiative war ein Ereignis, das sich kurz zuvor in der Weserberglandregion zugetragen hatte. Am 16. Januar 1902 war bei einem Pistolen-Duell Adolf von Bennigsen, Landrat des Nachbarkreises Springe, tödlich verletzt zu Boden gestreckt worden. Der Vorgang auf einer Lichtung des Saupark-Geheges sorgte für lang anhaltenden Wirbel. Über Monate hinweg zerrten die Zeitungen Einzelheiten zu Hergang und Hintergründen des Geschehens ans Licht. Besonders dicke Schlagzeilen gab es bei der anschließenden Schwurgerichtsverhandlung.

veröffentlicht am 12.05.2012 um 00:00 Uhr

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Angefangen hatte alles mit einer aus heutiger Sicht alltäglichen Privatangelegenheit. Die Frau des Landrats, Elisabeth von Bennigsen, geb. von Schnehen, war fremd gegangen. Das Paar war seit zwölf Jahren verheiratet. Die mittlerweile 31-jährige Gattin war elf Jahre jünger als ihr Mann. Aus der Ehe waren fünf Kinder hervorgegangen. Familienwohnsitz war das am Rand des Deisters gelegene Rittergut derer von Bennigsen. Das stattliche Anwesen war der Dynastie im 14. Jahrhundert von den Schaumburger Grafen als Lehen übereignet und zum Namensgeber der rund um den herrschaftlichen Besitz entstandenen, heute zu Springe gehörenden Dorfsiedlung Bennigsen geworden.

Der Alltag in dem fernab von städtischer Unterhaltung und Kultur gelegenen Gemäuer war nicht gerade aufregend und abwechslungsreich. Die Kontakte der Hausherrin waren auf die Begegnungen mit den Dienstboten und dem Kindermädchen begrenzt. Der Gemahl war viel unterwegs. Mehr noch als der Landratsjob hielt ihn die Pflege seiner umfangreichen verwandtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen in Atem. Adolf von Bennigsen entstammte einer hoch angesehenen Aristokratenfamilie. Sein Vater Rudolf war – als langjähriger Vorsitzender des preußischen Abgeordnetenhauses und späterer Oberpräsident von Hannover – einer der einflussreichsten deutschen Politiker der Bismarck-Ära. Andere Ahnen hatten sich als österreichische Premierminister und/oder als Generäle im Dienste russischer Zaren hervorgetan. Im Jahre 1900 zog ein neuer landwirtschaftlicher Verwalter namens Oswald Falkenhagen auf dem Gutsareal ein. Das Domizil des 28-Jährigen lag nur einen Steinwurf vom herrschaftlichen Wohnquartier der von Bennigsens entfernt. Man begann, freundschaftliche Kontakte zu pflegen. Eines Tages machte das Gerücht die Runde, der ledige junge Nachbar kehre vorzugsweise bei Abwesenheit des Hausherrn und nicht nur zu einem Plauderstündchen bei dessen Gemahlin ein.

Der wütende Ehemann forderte zum Duell. „Kugelwechsel auf 15 Sprungschritt; Distanz ohne Avancieren bis zur Kampfunfähigkeit eines der Kämpfenden“, so die unerbittliche Vorgabe an den Liebhaber. Versöhnungs- und Beschwichtigungsversuche blieben erfolglos. Nach Aussage der Sekundanten gab es drei Schusswechsel. Zweimal zielten beide Kontrahenten daneben. Beim dritten Mal wurde der Herausforderer in den Unterleib getroffen. Einiges am Verhalten von Bennigsens habe darauf hingedeutet, dass er auf einen „Ehrenselbstmord“ ausgewesen sei, war später zu hören. Der Schwerverletzte wurde mit dem Zug nach Hannover ins Henriettenstift gebracht. Einen Tag später war er tot. Der Blutverlust war zu groß gewesen. Von Bennigsen hatte die Stunden des Sterbens bei vollem Bewusstsein erlebt. Er wurde auf dem Familienfriedhof im Park des Rittergutes beigesetzt. Neben zahlreicher anderer Prominenz war die komplette Reichsregierung mit dem damaligen Kanzler von Bülow angereist.

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„Zutritt nicht erwünscht!“ – Das Rittergut Bennigsen wirkt abweisend und unzugänglich. Der heutige Hausherr, Roderic von Bennigsen, Urenkel des vor 110 Jahren tödlich verwundeten Besitzers, wird in seiner Umgebung als „schwieriger Nachbar“ beschrieben.

Über die letzten Gedanken, Gefühle und mögliche Selbstzweifel Adolf von Bennigsens wurde nichts bekannt. Klar war jedoch: Er hatte gar keine andere Möglichkeit gehabt. Die Schmach als gehörnter Adliger oder Offizier ließ sich nach damaligem Ehrverständnis nur durch kompromissloses und todesverachtendes Revanche-Handeln gemildert werden.

Zunächst nahmen die Zeitungsberichterstatter erkennbar genüsslich den Ehebruch ins Visier. Vor allem die Berliner Boulevardblätter regten die Phantasie der Leser mit schlüpfrigen Andeutungen über das zügellose Treiben in den Bennigser Gutsgemächern an. Die Frau des Hauses wurde als verführerisch-üppiger Vamp dargestellt. „Die größte Schuld trägt wieder einmal die Frau“, meinte die Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung. Dem konservativen Blatt schauderte bei dem Gedanken, dass eine so verruchte Weibsperson ungeschoren davonkommen könne und sich möglicherweise sogar weiterhin um die Erziehung der Kinder kümmern dürfe. Vorm Schwurgericht Hannover hatte sich am 17. Februar nur der Liebhaber zu verantworten. Die Verhandlung ging – sehr zum Leidwesen der auf den überfüllten Zuschauerrängen begierig lauschenden Zuhörer – innerhalb eines Tages über die Bühne. Der Angeklagte und die als Zeugin geladene Witwe seines Opfers waren um ein schnelles Ende der öffentlichen Vorführung bemüht. Sie stimmten der Darstellung des Staatsanwalts kommentarlos und durch Kopfnicken zu. Pikante Details kamen nicht zur Sprache. Bei Fragen zu Einzelheiten der Liebesaffäre mussten die Leute den Sitzungssaal verlassen.

Zur Enttäuschung der in großer Zahl angereisten Reporter trug auch und vor allem das unspektakuläre Erscheinungsbild des ehebrecherischen Paares bei. Der als „frivoler Beleidiger“ angekündigte Falkenhagen entpuppte sich als ernster und aufgrund seiner Stirnglatze nicht gerade wie ein Don Juan wirkender Zeitgenosse. Auch die „ruchlose“ Geliebte entsprach nicht den sensationslüsternen Vorankündigungen. Ihr Gesicht sei zwar interessant, „sieht aber keinesfalls mehr jung aus und verrät auch keinerlei Üppigkeit“, war tags darauf zu lesen. Das Urteil lautete auf fünf Jahre Festungshaft - eine damals vorzugsweise gegen „siegreiche“ Duellanten verhängte „Ehrenstrafe“.

Schon vor Prozessbeginn hatte der Fall für heftigen politischen Zündstoff gesorgt. Bei der erwähnten Reichstagsdebatte im Februar 1902 sprachen sich die liberalen Parteien für eine sofortige Aufhebung der durch das augenblickliche Strafgesetzbuch gedeckten „Sonderbehandlung“ von Ehrenzweikämpfen aus. Um „diesem Unfug“ ein Ende zu setzen, müsse bereits „die Herausforderung zum Duell, die Annahme einer solchen Herausforderung und auch die Bezeigung von Verachtung wegen unterlassener oder nicht angenommener Herausforderung“ unter Strafe gestellt werden. Parallel dazu kam eine Diskussion über die Rolle der Frau im kaiserlichen Deutschland in Gang. „Jetzt, und das ist das Beschämendste, sind unsere Frauen den Schuljungen gleichgestellt, oder auch solchen Leuten, die die Ehrenrechte verloren haben“, empörte sich der ansonsten eher konservative Abgeordnete Gustav Roesicke im preußischen Landtag.

Für Adolf von Bennigsen und die anderen Betroffenen kamen solche Forderungen zu spät. Der junge Falkenhagen verbrachte trotz mehrmaliger Gnadengesuche die folgenden sechs Jahre seines Lebens hinter Gittern. Elisabeth von Bennigsen wurde nicht nur von der Familie ihres Mannes, sondern auch von den eigenen Angehörigen verstoßen. Sie verdingte sich als Pflegerin in einem Tbc-Sanatorium und verdiente ihren Alterslebensunterhalt als Klavierlehrerin.

Der Kontakt zu den fünf Kindern war ihr untersagt. Erst als die Töchter volljährig geworden waren, durften sie die Mutter wiedersehen.

So wie auf dieser Zeichnung aus den 1880er Jahren dürfte es auch im Springer Saupark zugegangen sein.

Hier soll der tödliche Schusswechsel über die Bühne gegangen sein: Ein Schild weist interessierte Besucher des Sauparks auf den „Duellplatz“ hin.



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