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Frage bereits im 17. Jahrhundert an Rintelns Universität Thema - und wieder aktuell bei der Sommeruni

Darf man foltern, um ein Geständnis zu hören?

Rinteln (cok). Darf man, wenn gar nichts mehr geht, die Folter einsetzen, um Angeklagte zu einem Geständnis zu bringen? Auch wenn diese Frage im modernen "Kampf gegen das Böse" wieder an Aktualität gewonnen hat - ausdiskutiert wurde sie bereits im 17. Jahrhundert in zwei berühmten Schriften, die beide in der ehemaligen Universitätsstadt Rinteln gedruckt wurden.

veröffentlicht am 04.04.2007 um 00:00 Uhr

Friedrich von Spee verfasste die erste deutschlandweit wirksame

Die Rintelner Universität musste 1810 ihre Tore schließen. Dafür gibt es seit drei Jahren die "Sommeruniversität", an der angehende Studenten eine Woche lang zur Probe studieren können. Vom 21. bis zum 27. Juli 2007 werden dort alle gängigen Fachrichtungen in über 60 Lehrveranstaltungen angeboten, darunter auch Seminare rund um juristische Problemstellungen. Auch das Thema Folter wird unter anderem thematisiert und diskutiert. Plätze für die Sommeruniversität sind noch frei, weitere Informationen gibt es unter www.sommeruni-rinteln.de oder unter (05751) 89020. Zwei Männer standen für zwei extreme Positionen: Der junge ostwestfälische Professor Hermann Goehausen, ein konvertierter Katholik und Star an der 1621 gegründeten Rintelner "Ernestina", dessen Buch "Juristisches Vorgehen gegen Hexen und Zauberer" (1630) eine Art Bestseller für Hexenprozess-Hardliner wurde. Und Friedrich von Spee, der kluge und empfindsame Jesuitenpater aus Paderborn, der sich oft genug selbst an solchen Prozessen beteiligen musste und die erste deutschlandweit wirksame Schrift gegen den Einsatz der Folter verfasste: "Cautio criminalis" (1631), (übersetzt: "Rechtliches Bedenken gegen die Hexenprozesse"). Während Hermann Goehausen sein Buch unter vollem Namen und in seiner Funktion als Professor der Juristerei veröffentlichen konnte, wagte Friedrich von Spee die Veröffentlichung zunächst nur als "Anonymus" - aus Furcht, dass schon der Ausdruck "Bedenken" im Zusammenhang mit Hexenprozessen gefährliche Konsequenzen für ihn haben könnte. Beide Bücher wurden bei demselben Rintelner Drucker aufgelegt, bei Peter Lucius, der im Nachhinein den Ruhm gewann, eine der bedeutendsten Aufklärungsschriften gegen den Hexenwahn auf den Weg geholfen zu haben. Der argumentative Ausgangspunkt von Goehausen und Spee war, so erstaunlich das im ersten Moment klingen mag, praktisch identisch. Das gemeinsame Problem: Die Prozesse gegen Hexen und Zauberer litten auch nach damaligem Rechtsverständnis darunter, dass die Angeklagten nur in den seltensten Fällen bereit waren, ein Geständnis abzulegen - und ohne Geständnis keine Verurteilung! Reine Indizienprozesse konnten keine Alternative sein: Wie auch sollte man mit Sicherheit beweisen können, ob etwa eine Kuh nur deshalb erkrankt war, weil man sie verzaubert hatte, ob eine Liebe tatsächlich aus Verzauberungsgründen nicht erwidert wurde, oder ob jemand an einem geheimen Hexensabbat teilgenommen hatte. Sowohl Goehausen als auch Spee kamen zu dem Schluss, dass ohne eine "Strenge Befragung", also ohne den Einsatz der Folter, kein Geständnis zu erreichen sei. Die Konsequenzen, die sie daraus zogen, konnten allerdings gegensätzlicher nicht sein. Goehausen entwarf ein System der "Befragung", das dem Gericht ermöglichen sollte, die der Hexerei Verdächtigten schrittweise zum Geständnis zu führen: Zunächst durch die Konfrontation mit Zeugenaussagen und dann, nach reiflicher Überlegung, mit dem besten "Mittel der Wahrheitsfindung" - dem Einsatz von Folterinstrumenten. Spee dagegen entwickelte in einer furiosen und heute noch gültigen Argumentation, dass es bei der Wahrheitssuche kein ungeeigneteres Instrument als die Folter geben könne: Jeder Mensch, er selbst und sogar der König eingeschlossen, würden unter der Folter alles gestehen, was man fordere, ob es nun die Hexerei oder irgendein beliebig erfundenes Verbrechen sei. Wahrheit sei auf diese Weise nicht zu erreichen. Spee fand durchaus Zustimmung unter den weltlichen und kirchlichen Amtsinhabern. Als sein Buch ein Jahr später unter seinem richtigen Namen neu aufgelegt wurde, nahmen ihn mächtige Gönner in Schutz. Auswirkungen hatte sein Plädoyer zunächst allerdings kaum. Anders Goehausens Buch. Sein "Processus juridicus" war jahrzehntelang das wichtigste Lehrbuch für Juristen, natürlich speziell an der juristischen Fakultät in Rinteln, deren Mitglieder darüber entschieden, ob eine verdächtige Person auch tatsächlich angeklagt und "streng" befragt werden durfte. Sie entschieden fast immer gegen die Verdächtigen, die "Ernestina" galt in ihrem Einzugsgebiet, dass bis hin nach Minden, Lemgo, Loccum, jaBremen reichte, als Hardlinerin in Sachen Hexenprozesse. Während aber in Friedrich von Spee heute noch der schließlich doch bahnbrechende Aufklärer bewundert wird, erlitt Hermann Goehausens Familie am eigenen Leib das Schicksal, dass der Professor bei so vielen Unschuldigen mit zu verantworten hatte: Im Jahr 1657 wurde seine Schwester Katharina in Lemgo als Hexe zum Tode verurteilt, wenig später gerieten auch sein Bruder und sein Schwager in den Verdacht der Hexerei.

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