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Dampflok „Else“ fröstelt sich durch den Harz

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Dieser Spruch ist bei vielen der knapp 300 Passagiere gefallen, die sich auf das Abenteuer eingelassen hatten, mit der Dampflok 52 8038 bis nach Quedlinburg zum Weihnachtsmarkt zu reisen. Bei klirrender Kälte und Minustemperaturen im zweistelligen Bereich hatte das Team der Dampfeisenbahn Weserbergland (DEW) alle Hände voll zu tun, um „Else“ – so heißt die Lok der Baureihe „52 Reko“ aus dem Jahr 1943 – fahrbereit zu machen.

veröffentlicht am 21.12.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:16 Uhr

Dampflok „Else“ in verschneiter Harz-Landschaft: Eig
Kerstin Lange

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Kerstin Lange Redakteurin zur Autorenseite

Bereits zwei Tage vor Abfahrt wurde der Kessel der Lok angeheizt. „Das machen wir sonst einen Tag vorher, aber bei der Kälte reicht das nicht aus“, erklärt Hartmut Reichelt vom DEW-Team. Der Kessel müsse langsam angeheizt werden, damit es bei den durch die Wärme verursachten Ausdehnungen nicht zu Beschädigungen komme. In der Nacht von Samstag auf Sonntag waren die Eisenbahnfreunde rund um die Uhr damit beschäftigt, „Else“ auf die große Tour vorzubereiten. Die Heizer Carsten Michels und Christian Kaufelt schaufelten Kohlen und machten damit „Else“ Dampf, Chefmechaniker Jörg Kluge ölte und schmierte die Lager, und die Lokführer Hans-Jürgen Sachtler und Lothar Plath halfen, wo auch immer sie gebraucht wurden. Zugführer Wolfgang Zempel koordinierte die Vorbereitungen; und am frühen Sonntagmorgen wurden acht Waggons an die Lok gehängt.

So stand einer fröhlichen Harztour eigentlich nichts mehr im Wege. Eigentlich. Denn schon vor der Einfahrt in den Rintelner Bahnhof gab es das erste Problem. „Der Fahrdienstleiter, der für uns die Schranke schließen muss, war nicht wie vereinbart vor Ort, sondern musste erst telefonisch angefordert werden“, erzählt Hans-Jürgen Wolff von der DEW. Dann war auch noch die Weiche eingefroren und musste erst mithilfe einer Lötlampe aufgetaut und funktionsfähig gemacht werden. Mit fast 45 Minuten Verspätung rollte „Else“ dann endlich in den Bahnhof ein – und mit lautem Tuten ging die Fahrt los.

Der Blick in die Winterlandschaft blieb den Fahrgästen aber zunächst verwehrt: Die Scheiben waren von innen vereist und die Heizung funktionierte noch nicht in allen Wagen. So blieben die Passagiere zunächst in ihren dicken Jacken auf ihren Plätzen sitzen und ließen sich vom Küchenteam mit heißem Kaffee oder Tee versorgen. Die Kinder des DEW-Teams servierten Getränke, Brötchen und heiße Bockwurst auch an den Platz. „Das macht mir Spaß. Ich fahre immer mit, wenn ich kann, und bediene die Fahrgäste. Oft gibt es ja auch Trinkgeld“, erzählt Tim, der sich extra für die Fahrt in ein Jackett geschmissen hatte. Einige der Hobbyeisenbahner hatten alte Uniformen an, die sie voller Stolz trugen. So auch Schaffner Carsten Reinhard, der gemeinsam mit „Nachwuchs-Schaffner“ Björn Lindemeier die Fahrkarten kontrollierte.

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Die Fahrgäste ließen sich ihre gute Laune nicht von den Temperaturen vermiesen und den Blick auf die Winterlandschaft, durch die „Else“ rollte, verschafften sie sich durch Eiskratzen mit Bierdeckeln, Scheckkarten und anderen Hilfsmitteln. Den Fahrplan konnten die Eisenbahner allerdings nicht mehr einhalten. Die Verspätung am Start hatte dafür gesorgt, dass die historische Dampflok bei der Deutschen Bahn aus dem Fahrplan gefallen war und so musste „Else“ an beinahe jedem Bahnhof lange auf eine Lücke auf der Strecke warten. „Die Deutsche Bahn gibt natürlich erst für ihre Züge grünes Licht – und auch die haben bei der Kälte reichlich Verspätung. Wir sind immer die Letzten, die dazwischengeschoben werden“, so Wolff.

Mit zweistündiger Verspätung kam „Else“ schließlich in Groß Düngen an, wo die Feuerwehrleute der Ortswehr bereits warteten, um die Lok mit zehn Kubikmetern Wasser zu betanken. Auch das war nicht einfach, weil der Löschbrunnen, aus dem das Wasser genommen werden sollte, gefroren war. Nach einer Stunde war der Tank gefüllt, das Stangenlager nachgeölt und „Else“ rumpelte tutend weiter. Danach wurde es gemütlicher in den Waggons, die Heizung lief fast überall auf Hochtouren. Auch die Scheiben tauten langsam ab. Beim Blick aus den Fenstern gab es die verschneite Harzlandschaft mit Rehen zu bestaunen.

Gegen 13 Uhr – geplant war 10.44 Uhr – hielt die Dampflok in Goslar, wo ein Teil der Passagiere ausstieg, um dort über den Weihnachtsmarkt und durch die Stadt zu bummeln. Der Großteil der Fahrgäste reiste aber weiter. Einen unplanmäßigen Halt gab es noch in Halberstadt, wo die Dampflok lange auf die Freigabe der Strecke warten musste, und in Vienenburg wurde noch einmal Wasser getankt. Dann endlich traf „Else“ am Zielort Quedlinburg ein. Die Rückfahrt wurde um gut eine Stunde nach hinten verlegt, schließlich gab es für die Eisenbahner noch eine Menge zu tun.

Während die Fahrgäste über den Weihnachtsmarkt in Quedlinburg bummelten, stand für das DEW-Team harte Arbeit an. Bereits vor zwei Wochen hatten Vereinsmitglieder acht Tonnen Kohle mit einem Lastwagen nach Aschersleben gebracht und bei einem befreundeten Eisenbahnverein gelagert. Dorthin fuhr die Dampflok, um für die Rückfahrt fit gemacht zu werden. Im Zug kam das Reinigungsteam zum Einsatz, die Techniker ölten und schmierten die Lager und die Kohle sollte auf den Tender verladen werden. Doch dann der nächste Schock für die Eisenbahner: Der bestellte Bagger war nicht da. Am Sonntagabend war in Aschersleben natürlich auch keiner aufzutreiben und so mussten die Heizer, Techniker und Lokführer gemeinsam ran und die acht Tonnen Kohle per Hand verladen. „Wir haben jedes Stück Kohle dreimal in der Hand gehabt“, erzählte Heizer Carsten Michels. Zunächst wurde die Kohle in Behälter geschaufelt, dann per Flaschenzug auf den Tender transportiert und dann wieder per Hand in den Lagerbehälter geschaufelt. Nachdem die Eisenbahner schon die Nacht zuvor mit den Vorbereitungen für die Winterfahrt verbracht hatten, waren sie nach dieser körperlichen Anstrengung nicht nur von der schwarzen Kohle gezeichnet.

Und natürlich brachte dieses Malheur erneut den Fahrplan durcheinander. Per Handy wurden die Reisenden, denen es auf dem Weihnachtsmarkt langsam zu kalt wurde und die sich schon in Cafés und Restaurants aufgewärmt hatten, über die weitere Verspätung informiert. Irgendwann trafen sie nach und nach in Bahnhofsnähe ein und fanden „Unterschlupf“ in einem Hotelrestaurant und einer Spielhalle. Vor allem für die Familien mit kleinen Kindern wurde die lange Wartezeit aber mehr und mehr zu einem Problem. Einige Fahrgäste hatten schließlich das Warten satt, lösten Gruppentickets und fuhren mit Zügen der Deutschen Bahn über Hildesheim bis Bückeburg und ließen sich dort von Freunden oder Verwandten abholen. „Wir halten durch. Schließlich wollten wir doch mit der Dampflok fahren. Es macht doch eine Menge Spaß und ist lustig“, sagte hingegen Matthias Thoms – und bekam Zuspruch von zahlreichen anderen Fahrgästen. „Die von der Dampfeisenbahn können doch nichts dafür, die bemühen sich wirklich toll“, war immer wieder zu hören.

Mit über drei Stunden Verspätung begann schließlich die Rückfahrt. Diesmal in kuschelig-warmen Abteilen und im Salonwagen wurden sogar Kerzen aufgestellt und Weihnachtslieder gesungen. „Es ist doch der 4. Advent, und den machen wir uns schön“, sagte Kerstin Kurth, und die DEW spendierte heiße Getränke für alle. Längst war klar, dass man am Sonntag nicht mehr zurück sein würde. Katharina Wöhl, die mit ihren Eltern Sylvia und Axel und ihrem Bruder Michael den Küchen- und Thekendienst im Restaurantwagen versah, hatte sich damit abgefunden, dass sie in der Dampflok in ihren 16. Geburtstag feiern würde: Pünktlich um Mitternacht bekam sie von den Vereinskameraden und einigen Passagieren ein Ständchen, und bei einem Glas Sekt wurde angestoßen.

„Else“ rollte derweil ohne Probleme über die Schienen und machte eine Stunde Zeit gut. Um zwei Uhr schließlich rollte sie in Rinteln ein. Übermüdete, aber fröhliche Passagiere bedankten sich bei dem Bahnpersonal, klopften den verschwitzten Heizern, den Lokführern und allen Helfern auf die Schultern und sagten: „Es war trotzdem klasse. Ein echtes Erlebnis, und ihr könnt doch nichts für die Verspätung.“

Die Hobbyeisenbahner hatten wirklich alles gegeben. „Trotzdem werden wir wohl im nächsten Jahr nicht wieder so eine lange Winterfahrt anbieten. Das gibt dann nur Ärger“, sagte Wolff. Schließlich sei so eine Fahrt ein teures Spektakel: Knapp 20 Tonnen Kohle wurden verbraucht. „Eine Tonne kostet 230 Euro plus Mehrwertsteuer“, hatte Wolff zuvor verraten. Außerdem muss der Verein pro gefahrenem Schienenkilometer 2,80 Euro Gebühr an die Deutsche Bahn zahlen, und jeder Stopp in einem Bahnhof kostet 100 Euro. Fahren dürfen die Lok natürlich nur ausgebildete Lokführer. Die benötigen aber für die historische Dampflok eine Zusatzlizenz, die aus eigener Tasche gezahlt werden muss. „Die dreimonatige Fortbildung kostet etwa 12 000 Euro. Da ist es natürlich schwer, Nachwuchs zu bekommen“, erläuterte Wolff.

Vom Lokführer über die Heizer bis zum Servicepersonal arbeiten alle DEW-Mitglieder ehrenamtlich. „Die alte Technik ist unsere Motivation. Die möchten wir anderen vermitteln und erhalten“, erklärten Hartmut Reichelt und Carsten Michels. Und: „Man muss schon völlig eisenbahnverrückt sein…“

Die Fahrt nach Quedlinburg war die letzte in diesem Jahr. Gestern wurde „Else“ in ihr Winterquartier nach Stadthagen gebracht. Bis Mai dauern die Wartungsarbeiten, und dann wird „Else“ wieder jeden ersten Sonntag im Monat tutend durch das Weserbergland schnaufen. Ganz ohne Kälteprobleme.

Das ehrenamtliche DEW-Team mit „Nachwuchs-Schaffner“ Björn Lindemeier (3. v. re.) – und dem Geburtstagskind Katharina Wöhl (2. v. li.).

Angesichts der klirrenden Kälte wohl der tollste Job des Tages: DEW-Heizer Carsten Michels sorgt dafür, dass „Else“ Feuer unterm Hintern hat.



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