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Damit Aggressionen zu Schweiß zerfließen

Ein typischer Nachmittag in der Sportabteilung der Justizvollzugsanstalt: Rund ein Dutzend junger Männer spielen in der Sporthalle Fußball. Rote Köpfe, verschwitzte T-Shirts und hin und wieder die typischen Kommandos: „Los, jetzt steil“, „Oh Mann, ey, gib doch ab, Alter.“ Am Spielfeldrand beobachtet der diplomierte Sportlehrer Peter Koptula, Leiter der Sportabteilung der Jugendanstalt, das Spiel der Männer.

veröffentlicht am 11.05.2011 um 10:51 Uhr

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Ein typischer Nachmittag in der Sportabteilung der Justizvollzugsanstalt: Rund ein Dutzend junger Männer spielen in der Sporthalle Fußball. Rote Köpfe, verschwitzte T-Shirts und hin und wieder die typischen Kommandos: „Los, jetzt steil“, „Oh Mann, ey, gib doch ab, Alter.“ Am Spielfeldrand beobachtet der diplomierte Sportlehrer Peter Koptula, Leiter der Sportabteilung der Jugendanstalt, das Spiel der Männer. Wie wichtig den Gefangenen der Sport ist, zeigt sich, als Koptula das Spiel unterbricht, um den vereinbarten Fototermin anzukündigen. Sie würden gerne zunächst ihre Sportstunde zu Ende genießen und dann die Fotos machen, bekunden sie. Schließlich einigt man sich auf einen Kompromiss: Die Sportstunde wird nicht unterbrochen, dafür um fünf Minuten gekürzt.

Lars Börgelt (Name von der Redaktion geändert) nimmt den Ball aus Koptulas Händen und drischt ihn mit seinem Fuß in Richtung gegnerisches Tor. Während das Fußballspiel weitergeht, gibt der Sportlehrer einen Überblick über die Sportabteilung: „Herzstück unserer Abteilung ist natürlich die Sporthalle, die ähnlich wie die Sporthalle einer Schule ausgestattet ist.“ Aber auch eine ganze Reihe von Außenanlagen gehören dazu wie das Fußballfeld, der „heilige Rasen“, wie Koptula scherzend meint; ein Beachvolleyballplatz, auf dem auch Fußballtennis und anderer Sport betrieben werden, so- wie ein Freiluftbasketballfeld. „Hier wird ‚Streetball‘ gespielt,“ betont Koptula.

Um den „heiligen Rasen“ windet sich die Tartanbahn, auf der die Gefangenen je nach individuellem Leistungsvermögen ihre Runden drehen. Aber auch außerhalb der Sportabteilung gebe es einige Sportstätten, wie zum Beispiel den Bolzplatz im Innenhof oder das Tartan-Kleinspielfeld, das sich ebenfalls im Innenbereich der Haftanstalt befindet.

Grundsätzlich, so Koptula, läge dem Sport in der Jugendanstalt ein umfangreiches Konzept zugrunde. „Wir haben zum Beispiel zu berücksichtigen, dass viele Inhaftierte noch im schulpflichtigen Alter sind und für die deswegen eben auch Sport auf dem Stundenplan steht.“ Aber neben Schul- und Betriebssport sorgen Koptula und seine drei Sportübungsleiter dafür, dass es eine ganze Palette an Freizeitsportmöglichkeiten gibt. „Außerdem hat jede Abteilung der Anstalt einmal pro Woche die Möglichkeit, die Sportanlagen zu nutzen, und zu guter Letzt gibt es noch den Neigungssport.“ Das seien Gruppen von Gefangenen, die sich freiwillig für ein bestimmtes Angebot melden, entweder, weil sie besonders gut in einer Sportart sind oder weil sie Interesse an einer bestimmten Sportart haben.

Welche Rolle der Sport innerhalb des Jugendstrafvollzugs spielt, erklärt die Leiterin der Jugendanstalt, Christiane Jesse: „Sport ist schon allein aufgrund des jungen Alters der Inhaftierten zur Vermeidung von gesundheitlichen Beeinträchtigungen unverzichtbarer Bestandteil des Jugendvollzuges. Im Schul- und Betriebssport erfolgt der körperliche Ausgleich zur schulischen und beruflichen Ausbildung. Im Sport geht es insgesamt zum einen um die Verbesserung der körperlichen Verfassung, zum anderen um Abbau von Spannungen und Aggressionen. Inhaftierte, die tagsüber nicht beschäftigt und körperlich nicht ausgelastet sind, entwickeln häufiger Aggressionen gegenüber Personen und dem Inventar. Im Freizeit- und Neigungssport schließlich können sich die jungen Gefangenen verausgaben und Freude haben. Positive Erfahrungen erhöhen erfahrungsgemäß die Bereitschaft zur eigenen Veränderung.“ Zudem komme dem Sport laut niedersächsischem Justizvollzugsgesetz im Jugendstrafvollzug eine besondere Bedeutung zu, so Jesse weiter.

Koptula hat in seiner langjährigen Erfahrung als Sportlehrer innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern immer wieder die Erfahrung gemacht, wie wichtig der Sport für die persönliche Entwicklung junger Menschen sein kann. „Es ist natürlich etwas ganz anderes, eine Fußballmannschaft der dritten deutschen Liga zu trainieren oder jugendliche Straftäter mit höchst unterschiedlicher Motivation.“ Dennoch: Kraft für die nicht immer ganz leichte Aufgabe, die Gefangenen sportlich zu betreuen, schöpft Koptula aus den persönlichen Erfolgen der Gefangenen.

Als Börgelt vor rund 18 Monaten in die Jugendanstalt kam, wog er rund 150 Kilogramm. „Ich hatte große Probleme mit Alkohol und Drogen und war insgesamt in einer schlechten Lebensphase“, erzählt der heute 21-jährige. Es habe nur eine kurze Zeit gedauert, bis er den Sport innerhalb der Gefängnismauern als Chance für sich persönlich erkannt habe, erklärt er. Heute wiegt er 85 Kilogramm und fühlt sich sichtlich wohl. „Wollen Sie mal sehen, wie ich vorher ausgesehen habe?“, fragt er grinsend und zückt aus seiner Sporttasche den roten Anstaltsausweis. Darin befindet sich zwar nur ein Passfoto, das aber schon auf den ersten Blick erkennen lässt, welche Ausmaße Börgelts Körper vor eineinhalb Jahren gehabt haben muss.

An fünf Tagen in der Woche treibt Börgelt Sport, er läuft viel, macht Spinning, spielt Tischtennis und Fußball. An einem Tag in der Woche sind es sogar drei Stunden Sport, die der Inhaftierte treibt. Koptula: „Natürlich sind nur wenige Gefangenen so eifrig in Sachen Sport, und es gibt auch Straftäter, die sind nur äußerst schwer zu sportlichen Aktivitäten zu motivieren.“

Jesse: „Aus Gründen der Gesundheitsförderung legen wir den Schwerpunkt auf den Breiten- und nicht auf den Leistungssport. Aktuell gelingt es uns, fast jeden Inhaftierten mindestens einmal pro Woche zusätzlich zu der regulären Freistunde eine Stunde lang in der Woche zu bewegen. Unser mittelfristiges Ziel ist, jeden Inhaftierten mindestens zwei Stunden in der Woche zu bewegen. Gleichwohl nehmen rund ein Drittel der Inhaftierten mehr als zweimal in der Woche an Sportangeboten teil. So werden auch sehr gute sportliche Leistungen erzielt.“

Bei aller Vielfalt des Angebotes sucht man in der Sportabteilung eines vergebens: Den in Spielfilmen über Gefängnisse beinahe obligatorischen Kraftraum – zum Leidwesen einiger Inhaftierter, die sich genau diese Art der sportlichen Betätigung wünschen. „Wichtig ist ein breites Sportangebot. Fußball ist in der Beliebtheitsskala die unumstrittene Nummer eins. Aber auf Initiative der Insassenvertretung wurde neben den Fußballturnieren auch ein Basketballturnier eingerichtet. Teamsport und Ausdauersport sind von großer Bedeutung im Jugendstrafvollzug. Unsere Aufgabe ist es, auch bisher sportuninteressierte junge Gefangene an den Sport heranzuführen. Dazu bedarf es niedrigschwelliger Angebote, wie zum Beispiel Boule, leichtem Fitness- oder Lauftraining. Einseitiges Krafttraining wird nicht gefördert und für nicht sinnvoll gehalten“, erklärt die Anstaltsleiterin. Koptula ergänzt, dass man sich auch vom klassischen Turnsport, beispielsweise im Rahmen des Schulsports, verabschiedet habe: „Die Inhaftierten befinden sich trotz gleichen Alters in unterschiedlichen Entwicklungsstufen, und das eben nicht nur kognitiv, sondern auch körperlich.“ Gerade deswegen vermitteln Koptula und sein Team den Gefangenen auch Hintergrundwissen zum Sport in Form von Unterrichtsstunden über Blutdruck, Ernährung und der Frage, wie sich Sport auf den menschlichen Organismus auswirkt.

In der Jugendanstalt gibt es sowohl im Fußball als auch im Basketball einen häuserbezogenen Spielbetrieb. Aber auch Kontakte zu Sportlern außerhalb der Jugendanstalt werden gepflegt, wie Jesse betont: „Zwar haben wir aktuell keine festen Partnerschaften mit Vereinen der Region, aber es finden Freundschaftsspiele in verschiedenen Sportarten statt, vor allem im Fußball. Gemeinsame Trainings mit externen Sportlern gibt es im Bereich Handball (HSG Hessisch-Oldendorf/Fuhlen,) und Volleyball. Im letzten Jahr haben wir uns im Beachvolleyball über ein gemeinsames Training mit Blau-Weiß Salzhemmendorf gefreut. Kontakt haben wir aufgenommen zu den Rollstuhlsportlern in Bad Münder. Im Projekt ‚100% Werder-Partner des Bundesligavereins‘ sind wir einer der Projektpartner. Werder unterstützt Maßnahmen in der Jugendanstalt mit Besuchen und Sachspenden. Projektpartner sind wir ab diesem Jahr auch im Integrations- und Fußballprojekt ‚Anstoß in ein neues Leben‘ der Sepp-Herberger-Stiftung beim DFB. Wir starten auch wieder im Laufprojekt von Dieter Baumann ‚Jugend bewegt sich über Grenzen‘.“ Natürlich wünsche man sich mehr Kontakt und gemeinsame Aktivitäten mit Vereinen in der Region und über Anfragen würde man sich freuen, so Jesse.

Sport – das ist für die einen notwendiger Ausgleich zum Berufsalltag, für andere ein Baustein der persönlichen Gesundheit, und wieder andere suchen im Sport ihre physischen und psychischen Grenzen. In der Hamelner Jugendanstalt Tündern werden mit dem Sport aber noch weitere Ziele verfolgt, wie ein Rundgang durch die Sportabteilung zeigt.



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