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Schauspielerin in der Kulturmühle

Christiane Hess entführt ins Reich der Mythen

Buchhagen. Maske, Feder, Tagebuch, Spazierstock – das ist alles, was Christiane Hess auf die Bühne mitbringt. Der spartanische Requisitenfundus setzt Akzente ohne abzulenken. Er ermöglicht dem Publikum vielmehr das konzentrierte Erleben einer starken Akteurin, die Körpersprache, Gestik und Mimik pointiert einsetzt, deren Erzähltalent und mitunter wagemutige Fantasie in Staunen versetzt.

veröffentlicht am 06.04.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 13:41 Uhr

Hess als schrullige Hexe.

Autor:

Sabine Weiße
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Die charismatische Solokünstlerin versteht es binnen weniger Augenblicke, das in der Buchhäger Kulturmühle versammelte Publikum ins Reich der Sagen und Mythen zu entführen. Ehe man es sich versieht, übernehmen Teufel und Hexen, germanische Gottheiten, schadenfrohe Raben und eine listignaseweise Ratte die Regie in dieser sternenklaren Nacht. „Hexen, Heiden, Heilige“ nennt die studierte Schauspielerin ihr Solo-Erzähltheater. Als gebückte, schrullige Alte betritt sie den einstigen Steinschleifersaal im Lennetal – und lässt erst einmal die Stille wirken. „Heutzutage sind wir von Reizen überflutet. Diesem Umstand setze ich bewusst das Element der Stille entgegen“, so Christiane Hess.

Ausflug in die Welt geheimer Mächte

Sagen und Legenden jenseits des Leinetals prägen ihr Programm. Eventuell klingt das nach angestaubtem Geschichtsunterricht, es entpuppt sich aber rasch als dramatischer, temporeicher Ausflug in einer Welt geheimnisvoller Mächte, mitunter rauer Sitten und übernatürlicher Kräfte.

Da wird der Spazierstock zur tückischen Fußangel, zum Zauberstab, zur knorrigen Hexeneiche, zum Schlachtmesser und zum mahnenden Fingerzeig. Da schlüpft die Schauspielerin scheinbar mühelos mit rhetorischer Präzision und pantomimischer Brillanz in die unterschiedlichsten Rollen. Ob „Ricklinger Teufelskuhle“ oder „Die Alte Taufe“: Christiane Hess erweckt überlieferte Geschehnisse, die sich zu Zeiten der Christianisierung rund um den Deister zugetragen haben sollen, zu neuem, dramatischem Leben.

Großartig: Der Wortwechsel der germanischen Gottheiten Odin, Loki, Freya und Thor, die hoch oben am Äxterstein im Calenberger Land bluttriefende Gemetzel zwischen Christen und Heiden kommentieren. Und Zeugen werden, wie der sich verbissen gegen die Christianisierung wehrende Edelmann Lutter („der mit Doppel-T, der mit th kam später“) tragischerweise sein eigen Fleisch und Blut köpft.

Die Paraderolle der Christiane Hess ist an diesem Abend die listigschadenfrohe, Tagebuch führende Ratte, die den Kampf mit dem Ungeziefer in ihrem Fell ebenso amüsant inszeniert wie ihre Chronisten-Tätigkeit des Jahres 1283.

In ihrem von Nagerzähnen durchlöcherten Buch blätternd, liefert die Rättin hieb- und stichfeste Beweise dafür, dass eben doch alles anders war als seit Jahrhunderten erzählt.

Angeführt von einem „erbärmlich schlechten Spiel-mann in lächerlich bunter Kleidung und mit silbernen Pfeifchen“, seien ihre Artgenossen nämlich entgegen der landläufigen Meinung nicht in der Weser ersoffen, sondern stromaufwärts geschwommen. In Siebenbürgen habe man einen „hervorragenden Lebensraum angetroffen und sich dort erfolgreich vermehrt“. Nun werde auch dort das Leben ungemütlich.

Die in Hameln heutzutage angebotenen Nagetiere aus Brotteig und Zuckerwerk und das auf der Hochzeitshausterrasse „bemerkenswert gut aufspielende Duplikat des erbärmlichen Spielmanns“ werte man in Rattenkreisen als „verschlüsseltes Friedensangebot“. Fazit: „Wir Ratten vergeben – und kehren zurück!“ Im Jahr des Rattenfänger-Jubiläums eine besonders nette Idee …

Listig und schadenfroh: Als Tagebuch schreibende Rättin rekonstruiert Christiane Hess sehr detailliert die Geschehnisse des Jahres 1283 – und räumt auf mit einigen Missverständnissen. Fotos: saw



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