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Wie 24 Rintelner Gymnasiasten den Schulalltag in China erlebt haben

Chinesische Schüler haben keine Zeit zum Flirten mit der Freundin

Rinteln (cok). Wie sehr Amerika präsent ist im heutigen China, das war es, was die chinareisenden Oberstufenschüler des Ernestinums wohl am meisten erstaunte, als sie im November für drei Wochen in der weltgrößten Stadt Chonqieng zu Besuch waren: McDonalds, Starbuck, Warenhäuser mit westlichem Angebot, Leuchtreklamen, alles wohlbekannt. Chinesen saßen in weitläufigen Internetcafes an ihren Laptops und natürlich spielte überall die international einheitliche Popmusik. "Es war so wahnsinnig laut, Tag und Nacht, ohne Wochenende, ohne Pause", sagt Steffen Rörtgen. Und wenn man ihm und seinem Mitschüler Niklas Benito glauben darf: Es war einfach großartig.

veröffentlicht am 28.12.2007 um 00:00 Uhr

Chinesische Schüler bereiteten den Rintelnern schon am Flughafen

Dass insgesamt 24 Ernestinumschüler überhaupt die Gelegenheit zu dieser außergewöhnlichen Reise bekamen, hatten sie dem Lehrer Ralf Kirstan zu verdanken, beziehungsweise dessen aus Chonqieng stammender, chinesischer Frau, die Kontakt knüpfte zu ihrem ehemaligen College und dafür sorgte, dass dort Gastfamilien gefunden wurden. "Insgesamt liegt der Austausch mit dem modernen China durchaus im Trend", meint Schulleiter Reinhold Lüthen, der seine Schüler begleitet hatte. "Auch die Chinesen sind sehr daran interessiert." So war die Verständigung zwischen den deutschen und den chinesischen Schülern auch kaum ein Problem, denn neben dem Englisch, auf das beide Seiten jederzeit zurückgreifen konnten, sprachen die Chinesen, von denen viele das Fach Germanistik am Translater-College studierten, auch nach erst einem Studienjahr recht gut deutsch. Überhaupt stellten sich die jungen Chinesen als wahre Arbeitswunder heraus, die den ganzen Tag Unterricht hatten, noch bis in den späten Abend auf ihren Studierstuben über den Büchern saßen und außerdem begeistert Sport treiben, nicht anders als es amerikanische Studenten an ihren Colleges tun. In den Schulen hängen Tafeln mit einer Rangliste der Schüler aus. Der Leistungsdruck ist wahnsinnig hoch. Der Unterricht selbst, an dem die Rintelner einmal teilnehmen durften, ist allerdings ganz und gar frontal ausgerichtet. Der Lehrer fragt, die Schüler antworten im Sprechchor, und wenn es heißt: "Habt ihr verstanden", antworten alle gleichzeitig: "Ja!" Selbständige Fragen aus der Schülergruppe kommen niemals. "Kreatives Querdenken entsteht auf diese Weise wohl kaum", meint Steffen Rörtgen. "Das sind alles Gedächtniskünstler!" Kein Wunder, lernen doch bereits Grundschüler mindestens 4000 chinesische Schriftzeichen auswendig. Einen festen Freund oder eine Freundin hatte kaum einer der Studenten, für die Liebe bleibt in ihrem Alltag einfach kein Platz. Jungs, die flirten, sind bei den Mädchen nicht sonderlich beliebt, denn wer flirtet, wird wohl nicht genug lernen, um es später zum so sehr erstrebten Wohlstand zu bringen. Als Gegengewicht zur Strenge des Unterrichts stand allerdings die ausgesprochen kommunikative und oft durchaus auch chaotische Mentalität der Chinesen. "Manchmal fühlten wir uns wie in einem südeuropäischen Land", sagt Niklas Benito. Das lag nicht nur am Verkehrsdurcheinander, in dem es verrückt gewesen wäre, sich auf das Grün einer Fußgängerampel zu verlassen, oder an der Art, wie ständig etwas schief ging an Bahnhof oder Flughafen, Probleme, die mit charmanter Leichtigkeit unkonventionell geregelt wurden. Vor allem das menschliche Miteinander erinnerte die Rintelner Schüler an Länder wie Frankreich oder Spanien. Wenn sie in den chinesischen Familien zum Essen eingeladen waren, dann saßen alle am runden Tisch, in der Mitte eine Drehscheibe mit 100 Köstlichkeiten, aus denen sich jeder seine Mahlzeit zusammenstellt, wobei man sich gegenseitig besonders leckerere Dinge empfiehlt. So eine Essenrunde zieht sich über Stunden hin und niemals darf ein höflicher Gast seinen Teller sauber leer essen, das wäre eine Beleidigung der Gastgeber, die annehmen müssten, man sei vielleicht nicht richtig satt geworden. In Conqieng entsteht etwas, dass man eine "Schulstadt" nennen könnte, ein riesiges Gelände mit Hunderten von Gebäuden, in denen insgesamt 100 000 Schüler und Studenten aus dem großflächigen Einzugsgebiet der Stadt leben, lernen, einkaufen, ihre Freizeit verbringen werden. Wenn alles so läuft wie geplant, kommen bereits im nächsten Jahr chinesische Schüler nach Rinteln, wo sie staunen werden über diese stille, kleine Stadt. Und eines ist sicher: Niklas Benito und Steffen Rörtgen wollen alles dransetzen, um so bald wie möglich wieder ins Reich der Mitte zu fahren. "Wir wären gern noch viel länger geblieben!". Das sagen sie beide.

Leuchtreklame, Hochhäuser - eine fast westliche Atmosphäre herrs
  • Leuchtreklame, Hochhäuser - eine fast westliche Atmosphäre herrscht in chinesischen Großstädten, entdeckten die Ernestinum-Schüler.


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