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Für Neuntklässler fehlen in Naturwissenschaften landesweit Materialien / Beispiel Ratsgynasium

Chemie büffeln - ganz ohne Schulbücher

Stadthagen (han). Seit drei Jahren müssen die neunten Klassen landauf, landab an Gymnasien in Niedersachsen ohne naturwissenschaftliche Schulbücher auskommen. Den Grund hierfür sehen Lehrer und Eltern in den "überstürzten" Änderungen der Landesregierung am Schulgesetz. Wegen der Schulzeitverkürzung bis zum Abitur auf zwölf Jahre und neuen Lernzielvorgaben seien die Schulbuchverlage nicht in der Lage gewesen, zeitig aktuelle Schulbücher auf den Markt zu bringen, heißt es. Als Beispiel für die Schilderung des Problems dient hier das Stadthäger Ratsgymnasium (RGS).

veröffentlicht am 18.01.2008 um 00:00 Uhr

Die neunten Klassen des Ratsgymnasiums müssen vorerst ohne natur

Die Neuntklässler haben sich inzwischen daran gewöhnt: Wenn sich der Unterricht um Magnetismus, Zellteilung und Atommodelle dreht, müssen sie den Stoff möglichst gründlich und lückenlos protokollieren. Wegen fehlender Physik-, Biologie- und Chemiebücher sind sie beim häuslichen Lernen auf ihre eigenenNotizen und auf Arbeitsblätter angewiesen. "Bei der Vorbereitung auf Klassenarbeiten sind fehlende Bücher ein echter Nachteil", beschreibt ein Schüler die Situation. Auch die Zensuren würden ein bisschen leiden, zumal die Lehrer nicht milder benoteten, so der Gymnasiast. Der 14-Jährige weiß sich zu helfen: Zu Hause lernt er aus den alten Schulbüchern seiner Eltern. Auch das Internet sei eine Hilfe. Im Physikunterricht werde seitens der Lehrer auf eine "sehr gut gemachte" Internetseite der Universität München hingewiesen. Dass zwei Schüler aus seiner Klasse keinen eigenen Internet anschluss haben, betrachtet der Jugendliche nicht als Problem: "In unserer Schulbibliothek gibt es Internetcomputer." Die Mutter sieht das Land in der Verantwortung, deren Schulstrukturreformübereilt gekommen sei. "Ich bin vom RGS sehr angetan, die Lehrer geben ihr Bestes, um mit der Situation klar zukommen." "Basis des Unterrichts ist die von den Schülern geführte Mappe", sagt Angelika Hasemann, stellvertretende RGS-Leiterin, "die Unterrichtsprotokolle der Schüler müssen vollständig sein." Hasemann ist ebenfalls der Ansicht, dass die "übereilte" Reform des Kultusministeriums "nicht genügend durchdacht" gewesen sei. Trotz alledem stehe ein Fundus älterer Schulbücher zur Verfügung, der im Keller des RGS aufbewahrt werde, um ihn bei Bedarf an Schüler auszuleihen. "Es ist den Lehrern überlassen, ob sie auf die Bücher zurückgreifen." Andreas Kramer, Fachbereichleiter Chemie, gibt eine andere Auskunft: "Wir haben die alten Bücher für einen Anerkennungsobolus an Schüler verkauft. Die wenigen noch vorhandenen Bücher waren sowieso nicht ausreichend, um komplette Jahrgänge damit zu versorgen." Peter Schrul, Fachobmann für Biologie, weist darauf hin, dass zumindest während der Unterrichtszeit Bücher zur Verfügung stehen. "Wir haben die Klassensätze vor dem Altpapier gerettet." Zudem schreiben die Lehrer Arbeitsblätter, die sie an Schüler verteilen. "Unterrichtsnotizen und Arbeitsblätter müssen ausreichen", so Schrul, "Bücher sind allerdings hilfreich, wenn Schüler wegen Krankheit Unterricht versäumen." Für Physiklehrer Wilhelm Homeier ist die Angelegenheit "ein Problem der Bücherschreiber, die nicht so schnell reagiert haben, wie es die Schulbehörde gerne hätte". Heinz-Dieter Amberger, "Marketingleiter Nord" beim "Cornelsen-Verlag" in Hannover sieht das anders. Für den Schulbuchmangel hat der Verlagsmitarbeiter kein Verständnis. "Im Fach Chemie werden an Gymnasien häufig Gesamtbände benutzt, die den gesamten Stoff der Sekundarstufe 1 enthalten." Dass Schulen kein Geld für veraltete Bücher ausgeben dürfen, sieht Amberger ein. Dennoch: "Vor drei Jahren hätte man ohne weiteres geeignete Bücher anschaffen können."

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