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Interview mit Niedersachsens Agrar- und Verbraucherminister Hans-Heinrich Ehlen

"Chancen für Landwirte nie so gut wie jetzt"

Landkreis. Preiserhöhungen bei Milch, immer wieder Probleme mit Gammelfleisch und der Trend zu nachwachsenden Rohstoffen - jede Menge die Landwirtschaft betreffende Themen spiegeln sich derzeit in den Medien wider. Am Rande eines Besuchs in Lindhorst hat sich der niedersächsische Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen (58, CDU) zu diesen Stichworten geäußert. Befragt wurde er von Stefan Rothe.

veröffentlicht am 15.10.2007 um 00:00 Uhr

Hans-Heinrich Ehlen. Foto: ssr

In Schaumburg geben jährlich rund drei Prozent der Höfe auf. Was sagen Sie dem möglichen Erben eines gut durchschnittlichen Hofes so um die hundert Hektar, warum er den Betrieb übernehmen soll? Die Chancen waren für den Landwirt noch nie so gut wie jetzt. Die Erdbevölkerung wächst, der Energiebedarf steigt enorm. Ich würde dem sagen: Mach das! Wir brauchen eigentlich jeden. In Schaumburg gibt es einen starken Trend zu Biogas-Anlagen. Sehen Sie da allgemein bald eine Bedarfsgrenze erreicht? Nein, eine solche Grenze sehe ich nicht. Solange wir noch Energie einführen, müssen wir versuchen gegenzuhalten mit eigener Energie. Wir wollen den Anteil regenerativer Energien an der Primärenergie von jetzt sieben auf zwanzig Prozent im Jahr 2020 steigern. Ob das dann immer Mais sein muss, oder ob das auch Sonnenblumen, Futterroggen, Zuckerhirse oder Pflanzen sein können, die wir heute noch gar nicht kennen, das wird sich zeigen. Eine Gefahr, dass Bio-Rohstoffe auf unserenÄckern die Lebensmittelproduktion zu sehr verdrängen, sehen Sie nicht? Das hat der Landwirt letzten Endes nicht zu entscheiden. Das muss man sich am Markt ausleben lassen. Derzeit steigen die Preise für beide Anbauarten. Es wird sich zeigen, wer am Ende die besten Konditionen hat. Ich füge hinzu: Was auf Dauer nicht geht, ist, dass wir Teile der Produktion subventionieren und andere Teile frei dem Markt überlassen. Mit dem "Erneuerbare Energien"-Gesetz wollten wir die Bio-Energie ja nur anschieben, und deren Marktfähigkeit entwickelt sich auf gutem Wege. Wie beurteilen Sie die jüngsten Preissteigerungen bei Milch und Butter? In der Vergangenheit hat die Bevölkerung das Vermögen der Bauern im wahrsten Sinne des Wortes aufgezehrt. Bauern sind laufend ärmer geworden, weil die Preise zu niedrig waren. Sie lebten von der Substanz, und das hält man nur eine Weile durch. Es war also allerhöchste Zeit für einen Wandel der Preisstruktur. Wir brauchen diese Phase auch noch für längere Zeit. Da sehe ich sogar noch Spielraum nach oben. Auch bei Fleisch wird der Preis nach oben korrigiert werden. Die Höfe müssen sich konsolidieren, um künftig den Herausforderungen eines globalisierten Agrarmarktes standhalten zu können. Mit der alten Einkommensstruktur wären wir da rausgekegelt worden. Könnten zu hohe Nahrungsmittelpreise irgendwann den sozialen Frieden gefährden? Es gibt Bevölkerungsgruppen, die müssen bis zu 30 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Lebensmittel ausgeben. Da müssen wir tatsächlich aufpassen, das die ein normales Leben führen können. Es geht nicht nur um "Hartz IV"-Empfänger, sondern gerade auch um viele Senioren mit sehr geringen Renten. Das Problem kann aber letztlich nicht die Landwirtschaft lösen, das muss unser Sozialsystem regeln. Stichwort Gentechnik. Wünschen Sie sich eine stärkere Bereitschaft hiesiger Landwirte, darauf einzugehen? Im Moment haben wir dafür nicht unbedingt einen erhöhten Bedarf. Aber richtig ist auch, das wir den Anschluss an den Zug der internationalen Genforschung nicht verpennen dürfen. Ein Nutzen für den Verbraucher würde allerdings erst in einer zweiten Generation gentechnisch veränderter Pflanzen zu sehen sein. Ich lasse mal meine Phantasie spielen: Wenn es mal ein Fett gäbe, das nicht dick macht - was man sich durchaus vorstellen kann -, oder das Ausschalten allergischer Reaktionen auf Getreidearten, das könnten solche Vorteile sein. Sie wollen Gammelfleisch durch eine Färbung von Fleischabfällen bekämpfen. Wie weit sind Sie damit? Unser Vorbild ist die Schweiz, die sowas seit Jahren macht. Alles was zur Verbrennung im Hochofen landet, stellt kein Problem dar. Schwierig ist die Kategorie von Abfällen, die als Tierfutter verwendet werden. Denn wir müssen aus Gründen des Absatzes eine Färbung finden, die möglichst unauffällig ist. Denn kein Herrchen kauft blaues Hundefutter. Ich hoffe, dass wir die Färbetechnik Anfang kommenden Jahres beherrschen. Dann müssen allerdings erst noch Praxistets erfolgen.

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