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Dadaistischer Sprachwitz zum Spielzeit-Auftakt im Brückentor

"Buchstabieren Sie doch mal Chuchichäschtli!"

Rinteln. Ein tiefes Loch hat im vergangenen Jahr die ziemlich experimentelle Musical-Produktion "Nervensache" in den ohnehin knapp kalkulierten Etat des fusionierten "Theaters für Niedersachsen" gerissen. So durfte man zum Saisonstart in Rinteln gespannt sein, was Intendant und Regisseur Jörg Gade geritten hatte, als er seinen Gastspielorten in diesem Jahr das Musical "Der 25. Pattenser Buchstabierwettbewerb" anbot, das ebenfalls aus der Feder von William Finn stammt und in der deutschen Fassung von Christian Gundlach adaptiert wurde.

veröffentlicht am 29.09.2008 um 00:00 Uhr

Das Moderatoren-Paar aus blondestem Blond (Maureen Wyse) und une

Autor:

Ulrich Reineking

Auf gut Amerikanisch heißt das Werk "The 25th Annual Putnam County Spelling Bee" und persifliert den vor allem an den Schulen der US-Provinz populären Spleen, alles Mögliche in Wettbewerbsform zu gießen: Das Spektrum reicht dabei von auswendig gelernten Bibelsprüchen (wir erinnern uns an Tom Sawyer!) über Geschichtsdaten bis eben hin zum Buchstabieren. Zehn Buchstabierer treten dabei an. Und wenn auch der olympische Geist beschworen wird und die angebliche Waldorf-Schulband "Die Rhythmiker" unter Leitung von Manfred Knaack immer wieder programmatische Liedchen begleitet, wonach man im Wettbewerb auch das Verlieren lernen muss, ringen die Teilnehmer mit allen erlaubten und unerlaubten Tricks um den Sieg. Natürlich bis auf die vier, die an Ort und Stelle aus dem Rintelner Publikum rekrutiert wurden und mithilfe ihrer Profikollegen einen überaus souveränen Eindruck auch im vorgegebenen Scheitern hinterließen. Wer weiß denn auch schon auf Anhieb, wie man Gnocchi buchstabiert oder gar das schwyzerdüütsche "Chuchichäschtli"? Moderiert wird im Gameshow-Stil von Anja Lisa Peretti, die von Maureen Wyse im blondesten Blond der siegesgewissen Immobilienmaklerin auf die Bühne gebracht wird, und als Spielleiter fungiert der "Vertretungsschulleiter" Michael Schlapp, der von Klaus Michalski als unerbittlicher Pedant sehr authentisch dargestellt wird. Für die Verlierer rückt Anton Perez als multikultureller "Trostberater" Wiktor Wladinowitsch mit Getto-Allüren und Caprisonne als Trostpflaster an. Und ausscheiden müssen sie bis auf den Sieger schließlich alle, nicht nur die heimischen Edelstatisten: Anne Katrin Bömkes ist das bemühte Wunderkind Marie Wald, die ihre Antworten mit ratternder Präzision abgibt und schließlich zum Befreiungsschlag gegen die eigene Überambitioniertheit mit einer Falschantwort ansetzt. Eine rührende Figur entwickelt Wiebke Wötzel mit der schüchternen Olivia Olaz, die zwar im Schlussduell gegen den pickelig-verpeilten Heinrich Cozee ("Bitte nicht Kotze sagen!") verliert, dafür aber ein bisschen allererste Liebe gewinnt. Den schrägen Herrn Cozee spielt Jens Krause mit ansteckender Freude als den ewigen Verlierer, dem der Erfolg unbedingt zu gönnen ist. Sehr viel Emotionen weckt Michaela Linck als verlorene Tochter einer Hippie-Mutter mit gleich zwei schwulen Vatergestalten von bescheidener Verlässlichkeit - und zudem auch noch mit dem durchgeknallten Namen Alannah Schwarzundgrubeniere auf den schweren Weg durchs alternative Leben geschickt. Bleiben noch zu nennen Rune Hock Möller und Fredrick Wickerts, die als Franz Tolentino und Tim Bärlein genau die Charaktere darstellen, die mit solchen "Nomen est Omen" vorgegeben sind. Das alles hat manchmal Längen, und dennoch sind die kleinen Geschichten um die Teilnehmer der linguistischen Bundesjugendspiele mit exakt jener freundlichen Bosheit erzählt, die es braucht, um eigentlich alle lieb zu gewinnen. Hinzu kommen viele auf den Punkt gebrachte Sprachwitzeleien, die deutlich machen, dass Pattensen nicht nur an der Bahnstrecke von Peine nach Paris liegt, sondern auch dicht bei Hannover, wo das Schwittern bis heute noch nicht aufgehört hat. Der Oberdada Kurt S. jedenfalls hätte wohl seine helle Freude an der Inszenierung gehabt...

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