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Verschwundene Werke und heftige Kunstdebatten: Hamelns Denkmale für den Rattenfänger

Brunnen erst spät als Meisterwerk erkannt

Hameln ohne Rattenfänger? Undenkbar. Im Stadtbild ist der weltberühmte Pfeifer aber noch gar nicht so lange präsent. Ein Denkmal wurde ihm nämlich erst recht spät gesetzt. 600 Jahre nach dem Auszug der Kinder errichteten im Jahr 1884 nicht etwa die Stadtväter der Sagenfigur eine Stätte der Betrachtung, es war der Unternehmer und Lohgerbereibesitzer Horst Fischer, der den ersten Rattenfängerbrunnen stiftete und auf dem Thiewall erbauen ließ. Zwar wurde der Brunnen als Rattenfängerdenkmal betrachtet, gleichwohl lautete sein Name Gertrudenbrunnen, denn die Brunnenspitze zierten die beiden der Rattenfängersage entstammenden Figuren Gertrud und der Rattenfänger Hunold, die in der Wolfschen Erzählung der Sage verewigt wurden.

veröffentlicht am 10.07.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 17.07.2009 um 17:21 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß

Obwohl Hamelns damaliger Bürgermeister Ludowieg bei der Einweihung versprach, den Brunnen unter den Schutz der Stadt zu stellen, überlebte der von vielen Fremden besuchte Bau keine 50 Jahre. Im Frühjahr 1927 wurde er „ohne ersichtlichen Grund pietätlos beseitigt und die den Brunnen krönenden Figuren Gertrud und Hunold hinter (der heute nicht mehr existierenden) Thiemühle an der Kanalböschung fast zu ebener Erde aufgestellt“, wie die Dewezet 1934 beklagte. Dem Wunsch, den Brunnen wieder zu errichten, war allerdings kein Erfolg beschieden.

Das Original des Frieses war nicht zu retten

Immerhin entstand in den 50er Jahren ein großes Rattenfängerrelief, geschaffen von dem Bildhauer Walther Ihle, das im September 1960 enthüllt wurde, bis Mitte des Jahres 1983 an der Stirnseite der damals abgerissenen Aula der Schule für Frauenberufe am Hamelner Münsterkirchhof hing und als eine der Sehenswürdigkeiten der Stadt galt. In Kisten verpackt lag es dann längere Zeit im Behördenkeller des Rathauses: Der Landkreis, Eigentümer der Schule und des Denkmals, hatte es der Stadt zum 700. Sagenjubiläum im Jahr 1984 vermacht. Zwar war es nicht das Original – das konnte beim Abriss nicht gerettet werden –, doch hatte eine Spezialfirma aus Osnabrück einen Kautschukabdruck von dem Kunstwerk hergestellt, der dann mit Kunststeinmasse ausgegossen wurde. Nach langen Debatten und der Feststellung, dass sich in Hameln kein Gebäude für das Anbringen des Reliefs eignete, einigte sich der Rat der Stadt schließlich darauf, das acht mal dreizehn Meter große Werk 1991 als Tor zum Bürgergarten aufzustellen, wo es noch heute vor allem von den vielen Bustouristen bewundert wird.

Die meiste Beachtung aber dürfte bei Touristen wie Einheimischen das Glockenspiel mit seinem Figurenumlauf zur Rattenfängersage finden. Allerdings erscheint die Figur dort nicht als Buntling mit langen Federn am Hut, sondern als Jüngling mit kurzem grünen Jäckchen inmitten seiner Rattenschar.

Denkmal auf Papier: Notgeld mit Pfeifer aus dem Jahr 1918.

Weil der Figurenumlauf sich aber nicht als Rattenfängerdenkmal eignete, entschloss sich die Stadt, einen Wettbewerb für die Darstellung der sagenhaften Figur auszuschreiben. Standort sollte nach einem Beschluss des Rates im Jahr 1968 der Pferdemarkt sein. Die Bürger spendeten fleißig Geld für das Projekt, sogar eine Lotterie wurde durchgeführt, die 120 000 Mark erbrachte. Doch kam alles ganz anders. Das aus 132 Entwürfen des Wettbewerbs ausgewählte Denkmal des Bildhauers Karl Ulrich Nuß schien zu groß für den Pferdemarkt. So wurde das künstlerisch sicher außerordentlich bemerkenswerte Denkmal am 19. September 1975 vor dem Rathaus aufgestellt. In die Altstadt hätte es nach damaliger Auffassung ohnehin nicht gepasst. Viele Hamelner Bürger sollen sich an der Modernität der Figurengruppe gestört und ihr „gespendetes“ Geld zurückverlangt haben. Inzwischen aber wird der Brunnen als Meisterwerk bewertet, weil er „genau das verkörpert, was den Rattenfänger ausmacht: Mystik“, wie der langjährige Feuilletonist der Dewezet, Richard Peter, Jahre nach der Einweihung schrieb.

Kein Problem mehr mit den Plagegeistern

Zu den von Touristen meist fotografierten Rattenfängerobjekten dürfte aber der am 23. Juni 2001 eingeweihte Rattenfängerbrunnen in der Osterstraße gehören. Zum 200. Firmenjubiläum von den Verlegern Günther und Hans Niemeyer gestiftet und von dem Bildhauer Bruno Jakobus Hoffmann gestaltet, schmückt er seither die Fußgängerzone. Drei Jahre hatte Hoffmann an dem Werk gearbeitet und einen Rattenfänger in mystischer Verklärung geschaffen. Auch der Standort hat einen echten Bezug zur Sage – der Brunnen steht in der Nähe der Bungelosenstraße. Durch die schmale Gasse sollen die Kinder im Jahr 1284 zuletzt gezogen sein, ehe sie Hameln in östlicher Richtung verließen. Auch „hinter der Maske dieses Rattenfängers lauert, was die Sage unsterblich machte: das Geheimnisvolle“, bewertete Richard Peter nach Jahren der Gewöhnung die Gestaltung der Brunnenfigur.

Spektakulär und von den Medien viel beachtet wurde der Einzug von zwei Mega-Nager-Rohlingen aus Glasfiber in die Rattenfängerstadt. Den Anstoß für diese Art von „Straßenkunst“ hatte der Mediziner Dr. Franz-Josef Vonnahme gegeben. „Nein“, schrieb am 22. Januar 2001 die Dewezet-Redakteurin Karin Rohr, „die Rattenfängerstadt hat kein Problem mehr mit den Plagegeistern von einst: Sie holt sich die Ratten jetzt zurück – als bunte, witzige Werbeträger.“ Am 2. Mai 2001 fand dann der Höhepunkt dieser Rattenkampagne statt: 70 originell und fantasievoll individuell gestaltete Riesen-Nager zogen in einem Autokorso in die Stadt ein und begeisterten die dicht an dicht stehenden Zuschauer. „Die Ratten kehren zurück in Hamelns gute Stube“, kommentierte Oberbürgermeister Klaus Arnecke das Geschehen, „Hameln feiert sie.“

Vielfach wurde bedauert, dass die bunten Figuren nur ein halbes Jahr in der Innenstadt postiert wurden und die Blicke auf sich zogen – sie wurden versteigert. Der Erlös – 66 000 Euro – ist für eine Monumentalskulptur am Weserufer bestimmt, die im Herbst dieses Jahres aufgestellt werden soll.

Rattenfänger zierte Notgeld der Stadt

In der Hamelner Marktkirche existierte im Mittelalter ein Glasfenster zum Auszug der Kinder, doch wurde es im Jahr 1660 zerstört. Bei der Erforschung der Sage spielte es mit seiner Inschrift eine wichtige Rolle. 1984, im Jahr des 700. Jubiläums, regte die Stadt an, zur Erinnerung an den alten Kirchenschmuck wieder eine Rattenfängerdarstellung in Form eines Glasfensters einzusetzen. Die Finanzierung übernahm der Rotary Club, entworfen wurde das Fenster von dem Grafiker und früheren Feuilletonredakteur der Dewezet, Klaus Zimmer.

Eine besondere Ehrung widerfuhr dem Rattenfänger im Jahr 1918. Er zierte das vom Rat beschlossene Notgeld der Stadt, das wegen heftigen Mangels an Kleingeld eingeführt worden war. Entworfen von dem Künstler Ludwig Enders, wurden die Scheine damals beim Druckhaus M. Neven Du Mont Schauberg in Köln hergestellt. Es gab 100 000 Scheine zu 50 Pfennig und 100 000 Scheine zu 25 Pfennig. Die Rückseite beider Scheine zeigte den Rattenfängerzug. Als Honorar für seine Entwürfe erhielt Enders übrigens lediglich ein Honorar von 100 Mark.

Beliebtes Fotomotiv von Touristen: Der Rattenfängerbrunnen in der Osterstraße.

Hamelns Bürger taten sich schwer, den Rattenfängerbrunnen auf dem Rathausplatz als Kunstwerk zu akzeptieren. Foto: Dana



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