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Brücken bauen zwischen den Kulturen

Hannelore Stephan blickt durch die Glastür hinaus auf den Schulhof der St.-Marien-Grundschule in Lügde. Weit und breit kein Kind zu sehen. „Die sechste Stunde ist doch längst vorbei…“, überlegt sie laut. Und bevor sie den Gedanken zu Ende führt, fällt ihr ein: „Ach ja, heute haben die Kinder Schwimmunterricht und werden mit dem Bus gebracht. Deswegen kommen sie etwas später!“ Die Wartezeit nutzt sie, um das Gepäck abzugeben.

veröffentlicht am 29.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 04.05.2010 um 10:58 Uhr

„Es würde enormes Potenzial verloren gehen, wenn man diese

Von Alda Maria Grüter

Hannelore Stephan blickt durch die Glastür hinaus auf den Schulhof der St.-Marien-Grundschule in Lügde. Weit und breit kein Kind zu sehen. „Die sechste Stunde ist doch längst vorbei…“, überlegt sie laut. Und bevor sie den Gedanken zu Ende führt, fällt ihr ein: „Ach ja, heute haben die Kinder Schwimmunterricht und werden mit dem Bus gebracht. Deswegen kommen sie etwas später!“ Die Wartezeit nutzt sie, um das Gepäck abzugeben. Hannelore Stephan hat alles dabei, was Erdems Eltern nicht besitzen, der Junge aber für die Übernachtung in der Schule braucht: Kissen, Matte und Schlafsack. Hannelore Stephan ist 55 Jahre alt und Geschäftsfrau aus Lügde. Ihre eigenen Kinder sind längst aus dem Haus – jetzt arbeitet sie ehrenamtlich als Integrationslotsin und kümmert sich um den kurdischen Jungen. Für diese Tätigkeit hat sie sich Anfang 2008 im Rahmen eines Lehrganges an der Volkshochschule (VHS) in Bad Pyrmont ausbilden lassen. Insgesamt zwölf Interessenten nahmen an dem Kursus teil, der ihnen in 60 Unterrichtsstunden das für die ehrenamtliche Aufgabe benötigte Basiswissen vermittelte: Die Inhalte reichen von den Formen der Zuwanderung über Gesetze, staatliche Hilfen sowie Beratungsstellen und Möglichkeiten der Sprachförderung bis zur kompetenten Gesprächsführung und Reflexion der eigenen Erfahrungen. Integrationslotsin Hannelore Stephan unterstützt Erdem und seine Familie, die zunächst in der Sammelunterkunft für Asylbewerber in Lügde-Rischenau wohnte und jetzt in Lügde lebt. Sich zurechtzufinden, fällt ihnen nach wie vor nicht immer leicht: „Erdems Mutter spricht kaum Deutsch, hat manchmal mit den einfachsten Dingen des Lebens Schwierigkeiten.“ Der Vater arbeite auswärts, komme nur am Wochenende nach Hause. Ob es um Behördenbriefe, um den Kauf von Energiesparlampen oder um den Wechsel zu günstigeren Stromtarifen gehe – Hannelore Stephan hilft, wo sie kann. Vor allem Erdem schenkt sie einen Teil ihrer Freizeit. Die Eltern kümmerten sich zwar sehr um das Kind, betont die Integrationslotsin, doch sprachliche Barrieren machten den Bemühungen oft einen Strich durch die Rechnung. Hannelore Stephan hilft Erdem, in der Schule fitter zu werden. Keine Frage, Erdem sei ein schlaues Kerlchen, findet sie. Was denn auch gleich bewiesen wird: Mit einer Horde Kinder schneit der Drittklässler herein, begrüßt freundlich Hannelore Stephan, holt gleich die Hefte aus dem akkurat gepackten Ranzen heraus, um stolz von den Einsen in Schrift und Kunst zu berichten. Früher, erzählt Hannelore Stephan, habe Erdem oft nachmittags alleine auf dem Schulhof herumgestanden. Bis sie dann Kontakt zur Offenen Ganztagsschule (OGS) aufgenommen habe: Seit einigen Wochen geht Erdem in diese Einrichtung, isst dort zu Mittag, macht die Hausaufgaben – und hat Kontakt zu Gleichaltrigen gefunden. Erdem strahlt: Das mit der OGS sei schon toll. Auch, dass Frau Stephan für ihn da sei, sagt er, bevor er beschließt, nun genug geredet zu haben. Sein Magen knurre… Hannelore Stephan sieht dem Jungen nach, wie er Richtung Essraum düst. „Es würde doch ein enormes Potenzial verloren gehen, wenn man dieses Kind nicht fördern würde.“ Und bevor sie sich verabschiedet, erklärt sie, warum sie sich als Integrationslotsin stark mache: „Die Familie meines Mannes ist aus Schlesien, meine Familie hat nach dem Krieg zwei Flüchtlingsfamilien aufgenommen und mein Lieblingsonkel ist aus Ostpreußen. Ich kenne ihre Geschichten – und das Gefühl von Ausgrenzung – sehr gut. Und dass man es zu schätzen weiß, wenn einem jemand dabei hilft, sich in einer neuen Umgebung zu orientieren.“ Genau darum geht es bei dem freiwilligen Job: Migranten zu unterstützen, dass Deutschland ihr Zuhause wird. Menschen mit eigener Zuwanderungs- und Integrationserfahrung sind besonders gefragt. „Denn sie haben aufgrund ihrer eigenen ethnischen Zugehörigkeit oftmals einen besonders guten Zugang zu anderen Zuwanderern aus den entsprechenden nationalen Gemeinschaften“, sagt Nadja Kunzmann von der Freiwilligenagentur des Paritätischen Hameln und Vernetzungsstelle für Integrationslotsen. Der Einsatz von Integrationslotsen ist in vielfältigen Formen und Bereichen möglich. Sie unterstützen hier lebende Migranten und Spätaussiedler bei der sprachlichen, schulischen, beruflichen und gesellschaftlichen Integration. Nach Auskunft von Dr. Feyzullah Gökdemir vom Integrationsbüro für Migration im Landkreis Hameln-Pyrmont beim Paritätischen sei die Nachfrage hoch: Täglich mindestens zwei bis drei Anrufe erreichen den Integrationsbeauftragten. Wenn es sich aber um niederschwellige Hilfe handelt, würden Integrationslotsen von der Freiwilligen-Agentur der Paritätischen Dienste in enger Zusammenarbeit mit dem Integrationsbeauftragten vermittelt. Soweit die Theorie. Denn so sehr die ehrenamtlichen Brückenbauer zwischen den Kulturen auch gefragt sind – im Landkreis Hameln-Pyrmont sind sie Mangelware: Von den anfangs zwölf Teilnehmern, die sich bei dem Lehrgang in Bad Pyrmont ausbilden ließen, sind danach nur acht tatsächlich aktiv. Alle weiteren Versuche, mehr Interessenten zu finden, die sich für die soziale Aufgabe ausbilden lassen, scheiterten: Für eine weitere Bildungsmaßnahme an der Volkshochschule in Hameln habe es nicht genug Anmeldungen gegeben, so Kunzmann. Die Mindestteilnehmerzahl liege bei zwölf Teilnehmern. Andernorts allerdings fährt das von der Landesregierung seit 2007 finanziell geförderte Projekt auf der Erfolgsspur, 1000 Bürger haben sich allein 2007 zum Integrationslotsen ausbilden lassen, heißt es in einer Mitteilung des niedersächsischen Innenministeriums. Im heimischen Landkreis indes klappte es nicht einmal, wenigstens zehn Teilnehmer zu finden, um mit einer Sondergenehmigung einen zweiten Kursus zustande kommen zu lassen. „Wahrscheinlich liegt es an dem Qualifizierungskonzept selber“, hat Nadja Kunzmann zunächst geglaubt. Denn etwa ein halbes Jahr dauere die Ausbildung, das sei einfach „erschreckend lang“. Außerdem müssten die angehenden Integrationslotsen auch Wochenend-Seminare besuchen. Eine qualifizierte Anleitung sei zwar erforderlich, aber nicht in dem bisher angebotenen Umfang. Kunzmann: „Wir haben dann überlegt, es mit einem kompakteren Kursus zu versuchen und uns außerdem mit verschiedenen Einrichtungen stärker zu vernetzen – doch offenbar ist auch dafür das Interesse nicht vorhanden.“ Gleichwohl: Es gibt auch Menschen, die ihr soziales Engagement nicht von dem passenden Lehrgang abhängig machen. So Claudia Guenther aus Lügde. Als im März 2003 eine Flüchtlingsfamilie aus dem Irak nach Lügde kam, klopfte sie einfach bei ihnen an der Tür an: „Die Familie war einem Krieg entkommen und ich wollte ihnen sagen, dass ich mich darüber freue, dass sie es geschafft haben und jetzt hier in Sicherheit sind“, sagt Claudia Guenther. Fortan half sie ihr bei Problemen des Alltags, begleitete sie durch den Dschungel der deutschen Bürokratie. Immer mehr Hilfesuchenden wandten sich daraufhin an die Pastorenfrau. Claudia Guenther hilft spontan und in erster Linie aus christlicher Überzeugung. Das nötige Rüstzeug, das sie im Umgang mit den Behörden zwangsläufig benötigt, eignet sie sich auf eigene Initiative und Kosten an. Dass ununterbrochen das Telefon klingelt, gehört zum Alltag der Freiwilligen. Claudia Guenther sitzt am Wohnzimmertisch, hält telefonisch Rücksprache mit Mitarbeitern vom Sozialamt und einem Sanitätshaus. Sie ist erleichtert: „Das Sauerstoff-Gerät wurde vom Sozialamt genehmigt und kann abgeholt werden!“, sagt sie – und ist auch schon wieder auf einem Sprung raus. Denn der nächste Anruf kommt vom Evangelischen Bathildiskrankenhaus in Bad Pyrmont: Jinlong Huang wird heute Mittag entlassen. Claudia Guenther ist die einzige Bezugsperson, die dem herzkranken Chinesen, der vor zwölf Jahren wegen politischer Verfolgung nach Deutschland floh, zur Seite steht. Eine Dreiviertelstunde später hat sie den 56-Jährigen vom Krankenhaus abgeholt. Später begleitet sie ihn zur Sparkasse und zum Supermarkt, holt mit ihm das dringend benötigte Atemgerät ab, ohne das er nicht schlafen darf. Sie lässt sich erklären, wie das Gerät funktioniert – „für den Fall, dass Herr Huang damit nicht klarkommt“. Am Nachmittag sitzen die beiden in der kleinen Wohnung mit den abgenutzten und bunt zusammengewürfelten Möbeln, die Herr Huang in der Sammelunterkunft für Asylbewerber in Sabbenhausen bewohnt. Claudia Guenther erläutert Herrn Huang den Inhalt des Arztbriefes, geht die Arzttermine durch. Oft wird sie ihn zum Arzt fahren, denn für den „Hochrisiko-Patienten“ seien die Busfahrten von Sabbenhausen nach Lügde kaum zumutbar – und zu teuer. Ein paar Stufen trennen die Wohnung von Herrn Huang von der einer jungen nigerianischen Frau mit einem Säugling. Auch um diese beiden kümmert sich Claudia Guenther. Die Nigerianerin zeigt ihr einen Brief, deren Inhalt sie nicht versteht. Und während Claudia Guenther ihn durchliest, sitzt die junge Mutter auf der Kante des Etagen-Bettes mit der dünnen Matratze, schaut teilnahmslos ins Leere. Es ist eng in dem kleinen Raum, den sich die junge Frau mit dem Baby obendrein noch mit einer anderen Frau teilen muss. Durch die kaputte Wohnungstür zieht der kalte Wind aus dem Treppenhaus herein. In ihren Armen hält die junge Mutter ihr Kind, das vor Freude nur so gluckst. Ihr selber aber huscht nur selten ein Lachen über das Gesicht – zu sehr drücken die Sorgen auf ihre Seele: „I am so sad about my situation…“, sagt sie ängstlich und mit gedämpfter Stimme, fügt dann lächelnd hinzu, dass sie sehr froh sei, eine herzensgute Frau wie Claudia an ihrer Seite zu haben.

Helferin in allen Lebenslagen – Claudia Guenther holt den
  • Helferin in allen Lebenslagen – Claudia Guenther holt den herzkranken Jinlong Huang vom Krankenhaus ab. Fotos: amg

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