weather-image
20°
Berauschendes Ende der Niedersächsischen Musiktage mit NDR-Chor und Klavierduo

Brahms-Kleinodien betörend umgesetzt

Bückeburg. Über die herrlich colorierten Liebeslieder-Walzer op 52 und op. 65 für Gesang und Klavier zu vier Händen von Brahms lässt sich trefflich spekulieren. Sie wecken magische, kosmische, ja sogar therapeutische Gefühle und ergreifen ganz wohlig den Herzbereich. Das spürten die vielen Zuhörer im Rathaussaal, als die empfindsamen Kleinodien Dank der Künste des NDR-Chores und des pianistischen Einfühlungsvermögens des exzellenten Klavierduos Genova& Dimitrov zum Abschluss der 20. Niedersächsischen Musiktage wunderbar licht und präzise zu neuem Leben erwachten.

veröffentlicht am 02.10.2006 um 00:00 Uhr

Das Duo Aglika Genova (l.) und Liuben Dimitrov, dahinter Dirigen

Autor:

Dietlind Beinßen

Ein solches Werk, in dem sich derart prächtig schwelgen lässt, das voller Inbrunst und Lebensfreude steckt, bildete eine Steilvorlage für die engagierten Sängerinnen und Sänger aus Hannover, die jede Gefühlsregung auskosteten. Der Schönklang entfaltete sich makellos, rührte an oder inspirierte, besonders, wenn man an die Strophevon dem kleinen hübschen Vogel denkt oder an das provozierende Bekenntnis "Nein, es ist nicht auszukommen", die das Team in ungemein lebendiger Leseweise vorführte. Dirigent Robin Gritton trug das Seine zum Gelingen bei: Er suchte die große dynamische Spannbreite, forderte extrem leise, weiche Töne und vergaß in lauteren Parts nicht, zielgerichtet und klar zu phrasieren. Nachdrücklich bekräftigt wurde diese Leistung von dem phänomenal aufeinander eingespielten, feinfühligst differenzierenden Pianistenpaar. Das heimliche Schwärmen für Clara Schumanns Tochter Julie soll Brahms übrigens zum Komponieren seiner Walzerserie beflügelt haben. Völlig andere, wahnsinnig schwierige Tonarten von l'amour galt es für die Vokalisten zwischendurch zu buchstabieren, als "Car nos vignes sont en fleur" für zwölfstimmigen gemischten Chor von 1981 des Niederländers und Messiaen-Schülers Ton de Leeuw auf dem Programm stand. Die Idee sublimierter, himmlischer Liebe soll den Meister ebenso inspiriert haben wie seinen Lehrer. Für de Leeuws Dickicht aus Sphärischem, Tempo- und Rhythmusexoten - sich Fetzendem und wieder Annäherdem - benötigte jedes Mitglied der Crew eine Stimmgabel, um diesem Klangmix beizukommen. Auch in Messiaens vom Tristan-Mythos inspirierten surrealistisch-poetischen Liebesgesang "Cinq rechants für zwölf Singstimmen" von 1948 in der imaginären "Pseudo-Hindi-Sprache" ging der Sound ständig wechselnde, schwierige Verbindungen ein. Beiden sehr eigenwilligen Seelenbekenntnissen wurden die Ensembles und Solisten aus der Landeshauptstadt imponierend gerecht. Hinterher gab's - genau wie nach Brahms - langen, anerkennenden Applaus, der zu einer Wiederholung des zierlichen "Vogel-Liedes" führte.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare