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"Kultur zur Teezeit": Unterhaltsames Programm mit Eva-Maria Ortmann

"Böte, Kröte, Nöte, Röte, Flöte..." - Goethe-Parodien für Bildungsbürger

Rinteln (cok). "Auf das Bildungsbürgertum ist Verlass!", sagte, fast ohne Ironie, die schöne, große, blonde Eva-Maria Ortmann, und das war ein Lob an die vielen Besucher, die in den Prinzenhof zu einem parodistischen Goethe-Abend gekommen waren. Ein bisschen Bildung musste man nämlich schon mitbringen, um die Parodien rund um das Werk des Dichterfürsten angemessen würdigen und auch selbst das eine oder andere Zitat beitragen zu können.

veröffentlicht am 21.02.2007 um 00:00 Uhr

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Immerhin sprach und sang Eva-Maria Ortmann trotzdem meistens auch das Original, das dann aufs Korn genommen wurde, dabei humorvoll am Klavier begleitet von ihrem ehemaligen Professor, dem Weimarer Musiker und Komponisten Wolf-Günther Leidel. Die beiden wählten für ihren Vortrag aus der unüberschaubaren Menge existierender Goethe-Parodien neben vielen einfach witzigen Beispielen auch solche aus, die einen politischen oder sprachkritischen Aspekt enthielten. "Naht Ihr Euch wieder, schwankende Gestalten", das galt in einer frühen Parodie nicht dem Personal des "Faust", sondern den nicht immer ganz vertrauenswürdigen Abgeordneten des Reichstages. Erich Kästners "Kennst Du das Land, wo die Kanonen blühn" spricht kritisch von Deutschland, wo die kleine Mignon aus "Wilhelm Meisters Lehrjahre" sehnsüchtig ihr Italien besingt. Und Kurt Tucholsky macht sich im Goethejahr 1932 zynisch lustigüber die bürgerliche Goetheverehrung: "Böte, Kröte, Nöte, Röte, Flöte... / wochenlang reimt alles sich auf Goethe / Dann verstummen Prosa und Sonett / Von den deutschen Angestellten-Massen / hat man keinen weniger entlassen / Klassiker sind nur fürs Bücherbrett." Aber lustig gemacht hat man sich offensichtlich schon zu Lebzeitenüber Goethe-Texte und die damals bereits riesengroße Verehrung des Meisters. 1775 entstand die Parodie "Die Freuden des jungen Werthers". Später dann, 1875, mokiert sich ein Anonymus in einer "Rezension" über die "liederliche Schreibweise" im Erlkönig-Gedicht: "Wer ist der Vater, der da durch den Wald reitet? Wie heißt er, hat er Vermögen und hat er überhaupt Reitunterricht genossen?" Natürlich wurden oft auch einfach Witze gemacht über Texte, die so jenseits von Kritik und Veralberung zu stehen scheinen: "Was riecht so streng bei Nacht und Wind? Die Windel stinkt, vom Findelkind!" Oder, in Anspielung auf "Nähe des Geliebten" (Ich denke Dein, wenn mir der Sonne Schimmer, vom Meere strahlt) unter dem Titel "Nähe der Ehefrau": "Ich denke Dein, wenn aus den Wolken, droben der Donner kracht." Besonderen Spaß machte es an diesem Goethe-Abend, wenn Eva-Maria Ortmann sich voller Leidenschaft auf ganz verrückte Sprachkunststücke einiger Parodisten stürzte, Kurt Schwitters expressionistische Umdichtung vom "Fischer" etwa oder auch Hans Magnus Enzensbergers haarsträubendes: "Kreubst Du das Land, wo die Zertissen breun". Und dann hatte sie auch noch allerlei Preise für die Gewinner eines "bürgerlichen Gewinnspiels" im Gepäck. Astrid und Christoph Nerling waren es, die wussten, dass man sich in Weimar mit "Goethen Abend!" begrüßt und mit "Wie goeth's" nach dem Befinden fragt, welche Stadt nach Goethe benannt wurde (Göteborg) und welcher See (der Wolfgangsee). Als sie auch noch eine Stichfrage beantworten konnten, gewannen sie des Dichters berüchtigte Zahnprothese und ein winziges Stückchen Putz vom Weimarer Goethehaus. Wie immer war auch diese "Kultur zur Teezeit" organisiert vom Kulturring und gesponsert von der Sparkasse Schaumburg.



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