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Vor Gericht: Milde für Frau, die ihren Mann erschossen hat - wegen Waffenbesitzes verurteilt

Bluttat aus Angst vor einer Vergewaltigung

Bückeburg (ly). Den Kopf hält sie gesenkt, die Augen geschlossen. Und immer wieder fließen Tränen. "Diese Frau ist durch die Hölle gegangen", sagt Verteidiger Dr. Dieter Wissgott und macht eine Bewegung, als wolle er seine Mandantin in den Arm nehmen. "Sie ist ein Häufchen Elend." Gegen Ende der Verhandlung vor dem Amtsgericht hält es die Angeklagte fast nicht mehr aus. "Wann hört das endlich auf?", fragt sie mit tonloser Stimme.

veröffentlicht am 12.09.2007 um 00:00 Uhr

Vielleicht nie. Vielleicht wird jene Tat die 37-Jährige, eine Bückeburgerin türkischer Abstammung, bis an ihr Lebensende verfolgen. Jener Vormittag des 31. Juli 2005, an dem sie ihren Mann im Flur mit mindestens sechs Schüssen aus einer halbautomatischen Pistole vom Kaliber 9 Millimeter getötet hat. Auf jeden Fall bietet das Urteil von Richter Armin Böhm nun so etwas wie eine Perspektive. Wegen unerlaubten Waffenbesitzes verhängte Böhm eine Verwarnung mit Strafvorbehalt, die denkbar mildeste Sanktion, quasi eine Geldstrafe auf Bewährung. Für die eigentliche Tat, den gewaltsamen Tod des Ehemannes (41), kann die Frau strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen werden. Ein psychiatrischer Gutachter hatte ihr Schuldunfähigkeit attestiert, einen Aussetzer als Folge eines anhaltenden Ehe-Martyriums. Das Hauptverfahren wegen Totschlags war daraufhin eingestellt worden. Warum die Bückeburgerin ihren getrennt lebenden Mann erschossen hat, als dieser sie wieder zu sich holen wollte, erscheint mehr als zwei Jahre nach dem verhängnisvollen Sonntag klarer: Auslöser könnte Angst vor einer Vergewaltigung gewesen sein. Bereits beim Betreten des Hauses an der Bahnhofstraße soll das spätere Opfer gedroht haben, der Frau sexuelle Gewalt antun zu wollen, wie es vor Gericht hieß. In dem Moment, als sie abdrückte, will die Bückeburgerin das Bild einer Vergewaltigung vor Augen gehabt haben. Es wäre offenbar nicht der erste Übergriff dieser Art gewesen. "Jahrelang wurde die Frau geschlagen, gedemütigt und vergewaltigt", so Verteidiger Wissgott. Staatsanwalt Frank Hirt sprach von einem schicksalhaften Verhältnis zu ihrem kurdischen Ehemann, unter dem die Angeklagte so stark gelitten habe, dass sie weder ein noch aus wusste. Eine Sachverständige hält die 37-Jährige für "schwerst traumatisiert". Einen Ausweg gab es für die Frau nicht aus dieser Ehehölle, höchstens zwei Lösungen: "Sie hatte die Vorstellung, die Waffe entweder gegen sich selbst zu richten oder gegen ihren Ehemann", erklärte Staatsanwalt Hirt. Selbstmord sei dabei "der erste Ansatz" gewesen, so Richter Böhm. Jedenfalls lag die Pistole stetsgeladen unter dem Kopfkissen, ein Messer gleich daneben. Gut möglich, dass die Frau nach der Bluttat auch ihrem eigenen Leben ein Ende setzen wollte, doch das Magazin war leer. Die Leiche hatte außerdem eine Stichverletzung am Hals, die 37-Jährige beim Eintreffen der Polizei ein mit Blut verschmiertes Messer in der Hand. Um die Bluttat ging es im Prozess nicht mehr. Und den Waffenbesitz sah Richter Böhm "in mildem Licht". Er erkannte auf einen minder schweren Fall. Ursprünglich hatte die Angeklagte einen Strafbefehl über ein Jahr Freiheitsstrafe mit Bewährung bekommen, dagegen aber Einspruch eingelegt, weil sie um ihren Arbeitsplatz fürchtete. Staatsanwalt Hirt hatte sich "gewünscht, dass dieses Verfahren geräuschlos abgewickelt wird". Dagegen meinte Verteidiger Wissgott, es hätte der Anklagebehörde "gut zu Gesicht gestanden, diese Sache einzustellen". Sie sei "überflüssig wie ein Kropf".



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