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Im Dezember 1918 kehren die Überlebenden zurück

Blumen und Zigarren für die Soldaten

Im Herbst 1918 werden die Planungen für die Rückführung der Soldaten und Offiziere – die Demobilisierung – konkret. Eine eigene Verwaltungsstruktur ist dafür aufgebaut worden, die für eine möglichst reibungslose Abwicklung des höchst komplexen Unterfangens sorgen soll.

Von Dr. Gesa Snell

veröffentlicht am 11.08.2014 um 12:04 Uhr
aktualisiert am 11.08.2014 um 13:53 Uhr

Zuletzt wird sogar ein detaillierter Ausführungsplan gedruckt, der aufgrund der enormen Dynamik der Ereignisse allerdings schnell zur Makulatur wird.
Ausschlaggebend für die aufwendige Planung ist nicht nur die Tatsache, dass die Demobilmachung eine logistische Herausforderung ersten Ranges darstellt, sondern auch die Sorge vor Unruhen und Chaos. Denn es kommen demoralisierte, aufgewühlte Männer zurück: Die vollständige Niederlage lässt manchem die jahrelangen Kämpfe, die Angst und die schrecklichen Kriegserlebnisse sinnlos erscheinen.
Die so oft beschworene Heimat, in die sie zurückkehren, ist nicht die, die sie vor Jahren verlassen haben. Der Kaiser hat abgedankt, eine neue Staatsform ist dabei, sich zu etablieren. Die Gesellschaft ist im Umbruch, alles in Bewegung. Auch auf der persönlichen Ebene erwartet die zurückflutenden Männer keine sichere Perspektive. Die Verbindung zur Familie ist oft locker geworden, die Arbeitsplätze stehen nicht mehr zur Verfügung.
Der Schwerpunkt der Demobilmachung liegt daher auf der zügigen Herstellung von stabilen Zusammenhängen für die Kriegsteilnehmer, vor allem aber auf einer Eingliederung in den Arbeitsmarkt. Allerdings ist die Kriegswirtschaft gerade dabei, auf Friedensproduktion umzustellen und sich neu zu organisieren. Arbeitsplätze zu schaffen, steht dabei nicht im Vordergrund. Staatliche und kommunale Ebenen versuchen, für Entlastung zu sorgen.
Die Stadtverwaltung Hamelns zum Beispiel hat „umfangreiche Maßnahmen zur Schaffung von Arbeitsgelegenheit in Vorbereitung, nämlich Straßen- und Wegebau, Erdarbeiten und anderes.“ Während des Krieges hat sie mit hohem finanziellen Risiko ihren Grundbesitz massiv erweitert und „eine Ziegelei erworben, die bereits mehr als eine Million Bausteine auf Lager hat“. Sie sollen für gemeinnützige Gebäude genutzt werden, aber auch die Erweiterung des Hamelner Güterbahnhofs steht nun auf dem Plan. „Die gewerblichen Kreise, vor allem unsere Hameler Industrie werden in gleichem Sinne arbeiten und alles tun, um der drohenden Arbeitslosigkeit wirksam zu begegnen.“
Landrat Schäfer geht davon aus, dass die während des Krieges berufstätig gewordenen Frauen ihren Arbeitsplatz freiwillig zur Verfügung stellen. Als Alternative schwebt ihm die Rückkehr in die Familie oder bestenfalls eine Art gemeinnützige Beschäftigung vor: „Als solche ist hier in erster Linie die Erweiterung der Nähstube des Nationalen Frauendienstes in Hameln in Aussicht genommen worden, die zugleich der Knappheit an Bekleidungsgegenständen abzuhelfen geeignet erscheint.“ Ein Drama vor allem für Witwen, die mit ihrer Arbeit die Familie ernähren müssen. Der hannoversche Regierungspräsident weist denn auch auf die negativen Folgen einer solchen „Umwälzung“ des Arbeitsmarktes hin: „Die Entlassung der weiblichen Hilfskräfte, die nach den Annahmebedingungen in den meisten Fällen ohne Einhaltung einer Kündigungsfrist sofort erfolgen könnte, würde in vielen Fällen höchst bedenkliche Folgen haben.“ Er rät daher dringend, sie erst auszusprechen, wenn eine richtige Stelle angeboten werden kann.
Auch ausländische Arbeitskräfte – vor allem Kriegsgefangene und zivile Fremdarbeiter – sind in Wirtschaft und Landwirtschaft eingesetzt. Schätzungen gehen von bis zu zehn Prozent der abhängig Beschäftigten in Deutschland aus. Westeuropäische Gefangene werden schnell zurückgeführt, osteuropäische müssen oft noch lange in den Lagern ausharren.
Der zentrale Arbeiter- und Soldatenrat macht sich Sorgen um die Aufnahme der Rückkehrer von der Front. Die allgemeine Verunsicherung und die schwierige Versorgungslage haben den „engen Zusammenhang zwischen Heer und Heimat“ gelöst: „Alles kommt darauf an, in ihnen das Gefühl zu wecken, dass sie, die jahrelange Strapazen hinter sich haben, herzlich willkommen sind. Das muss sofort bei ihrem Empfang, sobald sie nur den Grund und Boden ihrer Stadt betreten haben, zum Ausdruck kommen. Die freudige Stimmung der ganzen Bevölkerung, die den heimkehrenden Soldaten entgegenschlagen muss, wird die Grundlage schaffen, dass er sich wieder zu Hause fühlen kann, dass sein Vertrauen belebt wird zum neuen Vaterlande, an dessen Aufbau mit allen Kräften zu arbeiten ihm eine schöne Aufgabe sein soll. Hoffnungsvoll wird er dann in die Zukunft blicken.“
Um einen solchen enthusiastischen Empfang zu gewährleisten, werden akribische Vorgaben gemacht. Sie reichen von einem „tadellos gesäuberten, hell zu erleuchtenden Bahnhof“, in dem die an den Krieg erinnernden Plakate abzureißen sind, bis zum Text der an die Straßen-Girlanden zu hängenden Schilder.
 Es sind wahre Menschenmassen, die im Rahmen der Demobilisierung monatelang zu Fuß unterwegs sind. In Hameln werden im Dezember 1918 mindestens 15 000 Mann erwartet, die untergebracht und verpflegt werden müssen; Truppendurchmärsche sind nur noch eine kurze Notiz wert. Einquartierungen in Massenquartiere werden in großem Umfang vorbereitet, denn: „Die Vorteile der Massenquartiere beruhen im Schutze der Heimat vor Einschleppung von Seuchen, Läusen, im Schutze vor Brandgefahr und Diebereien. Die erforderliche militärische Ordnung bis zur Entlassung ist leichter aufrecht zu erhalten.“ Ein kleines Schlaglicht fällt hier hinter die Kulissen der inszenierten Begeisterung und auf den Alltag der Demobilmachung.
Am 13. Dezember 1918 trifft das 164. Regiment endlich in Hameln ein. Die Berichterstattung der Dewezet zeigt, dass man sich in Hameln sehr eng an den behördlichen Vorgaben orientiert – von den Girlanden bis zu begeisterten Massen und Glockengeläut ist alles organisiert. „Einen Freudentag wie heute hat unsere Stadt lange nicht gesehen“, heißt es in der Zeitung. „Vom Brückentor nahmen größere Abordnungen der verschiedenen Klassen aller Schulen Aufstellung; sie waren reichlich mit Kränzen, Blumen, Lebensmitteln, Zigarren, Zigaretten bedacht worden, die sie beim Einzuge der Truppen überreichten.“
Abends werden Regimentsfeiern für die drei Bataillone durchgeführt. Bewirtet werden die Kriegsteilnehmer mit Glühwein, Kuchen und Zigarren – schnell entsteht so eine „festliche Stimmung“. Viele Reden werden gehalten, die auch immer wieder die Frage des Kriegsausgangs streifen. „Unbezwungen ist das Regiment aus dem Felde zurückgekehrt“, meint der Stadtsyndikus Sertürner. Ein Militär betont, „daß unser Heer der Uebermacht unterlegen, sei keine Schmach, wir brauchten den Kopf nicht hängen zu lassen“. Aber auch der Begriff Vergeltung fällt und Senator Müller sagt als Vertreter des Hamelner Arbeiter- und Soldatenrats, „daß kein Volk sich auf die Dauer ungestraft vergewaltigen läßt“. Die kommenden politischen Diskussionslinien deuten sich an diesem Abend also bereits an.
In den Reden wird aber auch deutlich, dass die Militärs Probleme der überwiegend traumatisierten Kämpfer vorherahnen. Major Fett dankt zum Beispiel für den Empfang durch die Stadt und „verflocht damit treffende, mahnende Worte an die Kameraden, etwaige Unsitten, die im Kriege eingerissen seien, abzulegen. Die Stadt müsse allezeit auf ihr Regiment stolz sein können“. Die Rede ist von „Schärfe, die in viele Soldaten während des Krieges gekommen ist“ und die durch Dankbarkeit der Daheimgebliebenen für deren Kampf zu mildern sei. Schon sind Polizisten mehrfach belästigt und an der Ausübung ihrer Pflicht gehindert worden. Der Wiedereinstieg in ein ziviles Leben wird manchem sehr schwer gefallen sein.
In diesen Tagen aber spielt das Theater im Hotel „Unter den Linden“ Stücke wie die Operettenposse „Püppchen“, die Kinos sind voll besetzt und Hameln versucht, sich in der neuen Welt wiederzufinden.

So titelte die Dewezet am 13. Dezember 1918: „Unsern 164ern herzlichstes Willkommen!“


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