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Märchenerzähler mit Geschichten aus aller Welt zu Gast am Gymnasium Ernestinum

Blauen Stein des alten Wissens weitergeben

Rinteln (cok). Dass Schriftsteller in die Schule kommen und aus ihren Büchern lesen, haben auch manche Fünft- und Sechstklässler schon erlebt. Ein Märchenerzähler aber, der nichts weiter dabei hat außer seiner Stimme und den Geschichten in seinem Kopf, das ist selten. Eberhard Vogelwaid reist durch Kindergärten und Schulen und trug die schöne Tradition des Märchenerzählens auch ins Klassenzimmer am Ernestinum.

veröffentlicht am 23.03.2007 um 00:00 Uhr

Eberhard Vogelwaid. Foto: pr.

Eine bloße Kinderstunde war das nicht. Mit sanfter Stimme und so einigem "Wisst Ihr...?" oder "Stellt Euch vor...!" schlug ein zunächst harmlos klingendes Indianermärchen aus Kolumbien schnell ins Rätselhafte, ja Unheimliche um. Ein Häuptling tötet einen Fremden und dieser, obwohl er doch schon tot daliegt, bittet darum, ihm den Kopf abzuschneiden und ihn mitzunehmen. Dieser Kopf kann weiterhin sprechen, er begleitet den Häuptling überall hin, hilft ihm, ein großartiger Jäger zu werden und spielt mit dessen Kindern, deren Leben er rettet. Schließlich, als er endgültig sterben muss, wird er zu einem blauen Zauberstein, und als die Tochter des Häuptlings heiraten soll, da ist unter vielen Bewerbern einzig ein fremder einäugiger Knabe der richtige. Ihm wird der Stein anstelle des fehlenden Auges eingesetzt und alle Fähigkeiten des Kopfes gehen an ihn über. Während die zuhörenden Fünftklässler zu Beginn noch kichern und flüstern, sind sie wenig später still beeindruckt von der geheimnisvollen Geschichte, und was ihnen zunächst sehr eigenartig vorkam, wird durch die wenigen Erklärungen des Erzählers verständlich: Der getötete Fremde war ein Schamane, der blaue Stein das "alte Wissen" seines Volkes und die Begegnung mit dem Häuptling diente dazu, dieses "alte Wissen" an den richtigen weitergeben zu können. Eberhard Vogelwaid hat, so sagt er, an die 60 Märchen in seinem Repertoire. Nach einer schweren Krankheit hängte der gelernte Bäcker seinen angestammten Beruf an den Nagel, um die Märchen vor Ort auf Kinder wirken zu lassen, die oft genug abgeschnitten sind vom "alten Wissen". Zum Schluss gibt es die "Märchenprüfung". Kein Wort darf gesprochen werden, bevor nicht eine nächste Geschichte aus Schwaben zu Ende erzählt ist. Natürlich hat Eberhard Vogelwaid allerhand Tricks parat, um die Schüler zum Sprechen zu verlocken, und zweimal gelingt ihm das auch. Beim dritten Mal aber sind alle gewitzt genug, auch bei Provokationen zu schweigen, selbst ein Junge, der vorne eine Pantomime macht und, weil es so gut gelang, seinen Namen nennen soll. Lässig winkt er ab und die Prüfung ist bestanden.

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