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„Bienen wissen nicht, wo Gentechnik drin ist“

Der Europäische Gerichtshof hat entschieden: Honig, der in den freien Handel gelangt, muss frei von Gentechnik sein. Die Imker der Region begrüßen das Urteil – bewerten das Risiko, dass die Insekten Honig auch mit genmanipulierten Pollen herstellen könnten, aber ganz unterschiedlich.

veröffentlicht am 15.09.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 16:02 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Wie absurd! Ich saß im Gefängnis, weil ich gentechnisch veränderten Mais vernichtete. Aber im Nachhinein haben wir Imker, die gegen die Gentechnik aufstehen, vom Europäischen Gerichtshof recht bekommen.“ Berufsimker Michael Grolm, gebürtiger Rintelner, der gerade wieder auf dem Ökomarkt seinen Biohonig verkaufte, sieht das neueste Urteil aus Luxemburg in Bezug auf Bienenhonig als Sieg im Kampf für gentechnikfreien Honig und gegen Firmen wie Monsanto, die überall in der Welt genetisch veränderte Nutzpflanzen verbreiten. Ab sofort darf Honig keinen Pollen mehr enthalten, der zum Beispiel vom Genmais MON 810 stammt. Imker, die solchen Honig verkaufen, machen sich nun strafbar.

Michael Grolm gehört zu den Mitbegründern der 2005 entstandenen Initiative „Gendreck weg!“. Zusammen mit anderen Aktivisten organisierte er sogenannte „Feldbefreiungen“, Aktionen, bei denen öffentlichkeitswirksam genmanipulierte Maispflanzen auf entsprechenden Versuchsfeldern zerstört wurden.

Die Konsequenz für ihn: Da er nicht bereit war, finanziellen Schadensersatz zu leisten, ging er für Wochen ins Gefängnis, in die JVA Suhl-Goldlauter, wo der wortgewandte Naturschützer sich schnell bei Mitgefangenen und der Presse den Namen „Honigmann“ eroberte. Ihm ging es darum, zu verhindern, dass Imkerhonig Gen-Pollen enthält. Nun hat der Europäische Gerichtshof in genau diesem Sinne entschieden.

Imker Michael Grolm musste wegen seiner Proteste gegen Genmais schon ins Gefängnis. Das Verbot von Honig, der Spuren von Genmais enthält, sieht er als Sieg im Kampf für gentechnikfreien Honig. Hier ist er auf dem Rintelner Ökomarktstand mit Sohn Anton.

Auch Dirk Adomat, Vorsitzender des Kreisimkervereins Hameln-Pyrmont, begrüßt die Rechtsprechung aus Luxemburg. „Was ich allerdings ziemlich verrückt finde, ist, dass der Imker Karl Heinz Bablok aus der Nähe von Augsburg seine gesamte Honigernte in der Müllverbrennung vernichtete. Ja, er wollte Aufmerksamkeit und reichte Klage ein, weil sein Honig mit Genmais-Pollen versetzt war. Trotzdem wirkt seine Aktion eher so, als sei der deutsche Honig ein irgendwie gesundheitsgefährdendes Lebensmittel. Dabei ist doch genau das Gegenteil der Fall: Honig ist ein besonders reines Produkt. Die Bienen selbst sorgen dafür, dass Giftstoffe ausgefiltert werden.“

Der süddeutsche Imker Bablok hatte seine Bienenstöcke in kurzer Entfernung zu einem Feld mit dem inzwischen deutschlandweit verbotenen Genmais MON 810 stehen, in seinem Honig ließen sich entsprechende Rückstände finden. Da er der Auffassung war, sein Honig dürfe nicht in den Verkauf gelangen, vernichtete er ihn und klagte dann auf Schadensersatz. Der MON-810-Mais hat nämlich nur eine Zulassung als Futter-, nicht als Lebensmittel.

Vor dem Urteil herrschte hier in Bezug auf den Honig Rechtsunsicherheit. Inzwischen gilt eine Null-Toleranz-Regel: Es dürfen überhaupt keine Pollen von nur als tierisches Futtermittel zugelassenen Pflanzen im Honig vorhanden sein; bei Pollen von Genpflanzen, die eine Lebensmittel-Zulassung besitzen, gilt eine Grenze von 0,9 Prozent bezogen auf den Pollenanteil im Honig.

„Es geht nicht darum, dass dieser Honig dann ,giftig‘ wäre“, meint Michael Grolm. „Es geht darum, dass die ,grüne Gentechnik‘ schlichtweg unkontrollierbar ist. Sie breitet sich auf eine Weise aus, die sich nicht beherrschen lässt, sei es, dass Samen verstreut werden, sei es, dass der Wind die Pollen weiterträgt oder Pollen eben von den Bienen eingesammelt werden. Es wird niemals möglich sein zu verhindern, dass Gentechnik im Honig landet. Die Bienen wissen nicht, wo Gentechnik drinsteckt und wo nicht.“

Jetzt sei es zumindest in Deutschland der Fall, dass Landwirte kaum noch Anreiz hätten, Gentechnik einzusetzen. Sie müssen nämlich gegebenenfalls Schadensersatz leisten, für den keine Versicherung aufkommt.

Wie sehr Imker und Landwirte aufeinander angewiesen sind, zeigt sich eindrücklich, wenn man Dirk Adomat zu seinen Bienenstöcken in Fischbeck begleitet. Viele von ihnen stehen am „Honigbrink“, oben am Hang auf einer Streuobstwiese, nahe dem Waldrand und umgeben von hügeligen Raps- und Maisfeldern. In einem Umkreis von etwa zwei Kilometern sausen die Bienen durch die wunderschöne Landschaft, es können sogar bis zu fünf Kilometer werden. „Das Weserbergland ist für Imker ein ,gelobtes Land‘!“ schwärmt Adomat und betont dann aber: „Würde hier ein Landwirt Gentechnik anpflanzen, ich wäre sofort weg. Und das wäre gar nicht gut für die Bauern.“

Wo nämlich keine Bienen sind, klappt es mit der Bestäubung nicht wie gewünscht, selbst beim Mais nicht, der eigentlich vom Wind bestäubt wird. Bienen sind „blütentreu“, sie schwärmen mit 20 000 oder mehr Arbeiterinnen aus und tun sich zuverlässig gütlich an fast jeder Pflanze, wobei sie auch den Pollen sammeln und weitertragen. Jede einzelne Pflanze wird dabei bestäubt und entwickelt sich dementsprechend prächtig.

„Ohne unsere Bienen sehen die Ernteerträge längst nicht so gut aus“, sagt der Imker. „Ganz zu schweigen von den Obstbäumen, an denen ohne Bestäubung durch Insekten gar keine Früchte wachsen würden.“

Im Kreis Hameln-Pyrmont und im Landkreis Schaumburg gibt es zurzeit keinen Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen. Trotzdem stehen Imker wie Dirk Adomat in ständigem Kontakt mit den Landwirten ringsum. Nicht nur Gentechnik sei eine Bedrohung für seinen Honig, auch Spritzmittel können den Bienen sehr gefährlich werden. Geraten die empfindlichen Tiere in eine Giftwolke, ist es schnell um sie geschehen. Diejenigen, die es zunächst überleben, werden von den Artgenossen aufgrund des veränderten Geruchs nicht mehr in den Stock eingelassen oder sogar getötet. Der Honig bleibt von dem Gift verschont, aber es können ganze Völker dezimiert werden oder zugrunde gehen.

So spricht der Imker mit den Landwirten in der Nähe zum Beispiel ab, dass sie ihre Felder in der Blütezeit nur abends spritzen, dann, wenn die Bienen nicht mehr ausfliegen. Einmal, vor Jahren, verwendete ein Bauer eine Kombination von Spritzmitteln, die einzeln zwar dem Bienenschutzgesetz genügten, zusammen aber eine tödliche Wirkung entfalteten. Den zeigte Adomat an, die Geschichte ging wie ein Lauffeuer um. Der entsprechende Landwirt hatte sich nicht genügend informiert, entschuldigte sich, zahlte den Schaden und insgesamt trug die Angelegenheit dazu bei, dass die Landwirte sich ihrer Mitverantwortung für die Bienen bewusster sind.

Auch Michael Grolm plädiert für eine verstärkte Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Imkern. Immer wenn er von seiner paradiesisch gelegenen Imkerei auf Schloss Tonndorf in Thüringen in seine Heimatstadt Rinteln zurückkehrt, befällt ihn eine gewisse Melancholie. „Maisfelder, wohin man auch sieht, überall nur Maisfelder! Es ist schrecklich, wie sehr die Monokulturen dominieren, wie die Landschaft in den letzten zwanzig Jahren verarmt ist.“

Grolm will Hecken und Obstbäume an den Feldrändern, breite, brachliegende Streifen zwischen den Feldern, wo sich Wildblumen versamen können, und eine neue Vielfalt im Anbau. „In so einer Landschaft fühlen sich die Bienen wohl, und wo sich die Bienen wohlfühlen, geht es auch dem Menschen gut.“

Dirk Adomat ist da ganz seiner Meinung. Zur Melancholie sieht er persönlich im Moment allerdings keinen Anlass. „Sehen Sie, was hier rund um Fischbeck alles wächst und den Bienen zur Verfügung steht“, sagt er und blickt sich um. Schlehe, Wildrose, Brombeeren und Himbeeren; Waldameisennester unter Bäumen, die dafür sorgen, dass die Blattläuse gedeihen und den Honigtau für den Waldhonig liefern; Wiesenstreifen an den Bachverläufen, Obstwiesen. „Damit wird ein wenig ausgeglichen, dass auch bei uns die Maisfelder für die Produktion von Biogas überhand nehmen.“

Ausgestanden ist die Sache mit der Gentechnik auf Deutschlands Felder allerdings noch nicht. Die Firma Monsanto werde alles in Bewegung setzen, damit ihr Mais eine Zulassung als Lebensmittel bekomme, da sind sich Dirk Adomat und Michael Grolm einig. Dann dürfte ein gentechnisch veränderter MON 810-Pollenanteil von bis zu 0,9 Prozent im Honig vorhanden sein. Dieser Honig müsste dann extra deklariert werden. Auf die Imker kämen immense Kontrollkosten zu und letztlich ließe sich eine Kontaminierung gar nicht vermeiden.

„Wir setzen darauf, dass die Landwirte hier auf Gentechnik verzichten“, so Grolm. „Und mein Appell an die Schaumburger Politiker: Sie sollen die ja bereits erklärte Absicht umsetzen und den Landkreis offiziell als gentechnikfreie Zone ausrufen.“



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