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Fachwissen und Können gegen Mäusefraß und Zahn der Zeit: Obernkirchener Lutherbibel (fast) wieder wie neu

Bibel nachüber dreieinhalb Jahrhunderten restauriert

Röhrkasten. Der Zahn der Zeit hat an ihr unübersehbar genagt, auch Mäuse und Würmer haben ihre Fraßspuren hinterlassen. Die Heftung ist beschädigt, die Beschlagteile sind nicht vollständig, auch der Vorderdeckel ist nicht mehr vorhanden - abhanden gekommen über die Jahrhunderte, die das Buch aber immerhin überlebt hat: eine Bibel aus dem Jahre 1641, die jetzt im Staatsarchiv Bückeburg von Friederike Schmidt und Juliana Polte restauriert wurde.

veröffentlicht am 26.01.2008 um 00:00 Uhr

Juliana Polte (l.) und Friederike Schmidt haben die Bibel in vie

Autor:

Frank Westermann

Die Bibel stammt vom Meierhof Nr. 3 in Röhrkasten, der 1641 von der Familie Wilharm bewirtschaftet wurde. Dieses Haus existiert seit einiger Zeit nicht mehr. Die Leibzucht auf dem Bauernhof ist jedoch erhalten geblieben und renoviert worden. Hier wohnt Dorothea Bödecker, die die Bibel auf dem Dachboden entdeckt und ins Museum getragen hat: Sie fand im letzten Jahr über einen kleinen Umweg den Kontakt zu Historiker Rolf-Bernd de Groot, der das Buch dann an die Restaurierungswerkstatt des Staatsarchivs Bückeburg weiterleitete. Dort hat man gemeinhin keine Zeit, um nebenbei - wenn auch wertvolle - Bücher aus Obernkirchen zu restaurieren, aber wie der Zufall es so wollte, wurden im August letzten Jahres zwei Praktikantenstellen genehmigt, die Friederike Schmidt und Juliana Polte erhielten. Beide absolvieren in Bückeburg ihr Vorpraktikum für die Hochschule Hildesheim, wo sie die FachrichtungPapierrestaurierung anstreben. Vier Monate haben beide dann das Buch, dessen vollständiger Titel "Die Bibel - das ist die ganze heilige Schrift verdeutscht von d. Martin Luther" lautet, fachmännisch restauriert. Das Buch ist ein wahrhaft mächtiges Werk: fünf Kilo schwer, 38, 5 Zentimeter lang, 27,7 Zentimeter breit und zwölf Zentimeter hoch. Es umfasst insgesamt 704 Seiten. Ihm sind drei doppelseitige Kupfer- und Stahlstiche, die Karten von biblischen Schauplätzen zeigen, beigefügt. Die Bibeltexte sind mit zahlreichen Holzschnitten und ganzseitigen Stahl- oder Kupferstichen versehen. Der rein aus Hadernpapier gefertigte Buchblock ist auf fünf doppelte Bünde geheftet. Als erste Restaurierungsmaßnahme haben Schmidt und Polte den Buchblock aufgetrennt. "Die Lagen wurden mechanisch mit Rußschwamm und Radiermaschine gereinigt und ausgefegt", erzählen die beiden angehenden Papierrestauratoren. Der entfernte Schmutz, das waren vor allem Körner, gepresste Insekten, Pflanzenteile, aber auch ein paar handschriftliche Notizen, die sich ein Leser in den letzten dreieinhalb Jahrhunderte gemacht hat. Da die losen ersten und letzten Seiten durch Mäusefraß stark beschädigt waren, mussten sie "angefasert" werden: Hierfür wird ein den Originalseiten farblich angepasster Faserbrei angesetzt und mit der Anfasermaschine angefasert. Kleinere Schäden konnten durch Hinterklebungen mit Japanpapier behoben werden, erklären Schmidt und Polte. Nach der Zusammenstellung des Buchblockes haben beide ihn neu geheftet und in Form gebracht. Der fehlende Vorderdeckel wurde nach dem Vorbild des Originals aus Buchenholz angefertigt, danach wurde der Buchblock mit den Holzdeckeln wieder verbunden. Zum Schluss folgten dieÄußerlichkeiten. Zunächst wurde der schützende Ledereinband angefertigt. Er wurde aus Schweinsleder hergestellt und mit dem noch erhaltenen Leder ergänzt. Um das neue Leder optisch anzupassen, wurde es nach der Farbe des Originals eingefärbt. Anschließend wurden die fehlenden zwei Schließenund die sechs Beschläge angefertigt- aus Messing; das war echte Handarbeit, wie Schmidt und Polte erklärten. Die Beschläge wurden den noch erhaltenen Stücken nachempfunden, bei den Schließen wurde eine der damaligen Zeit entsprechenden Hakenschließe gewählt. Woher der Begriff, ein Buch aufzuschlagen, kommt, demonstrierte vorgestern bei der Vorstellung der Bibel ein Mitarbeiter des Staatsarchives: Er legte das gute Stück auf den Tisch, haute einmal kräftig mit der Faust auf die Vorderseite - und die Schließe sprang sofort auf. Die restaurierte Obernkirchener Lutherbibel kommt jetzt ins Stadt- und Bergbaumuseum, wo sie in diesem Jahr natürlich auch ausgestellt werden soll.

Dorothea Bödecker
  • Dorothea Bödecker
Zahlreiche Holzschnitte und ganzseitige Stahl- oder Kupferstiche
  • Zahlreiche Holzschnitte und ganzseitige Stahl- oder Kupferstiche sind in der Luther-Bibel aus dem Jahr 1641 enthalten, die insgesamt fünf Kilo auf die Waage bringt (unser Bild unten). Fotos: rnk
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