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Professor Michael Weinrichsüber religiösen Fundamentalismus

Bibel als "Gebrauchsanweisung" für ein gottgefälliges Leben

Rinteln (cok). Religiöser Fundamentalismus ist ein Phänomen, das sich in allen großen Religionen findet und in einer unsicheren Welt absolute Gewissheiten verspricht - mit dieser Grunddefinition begann Professor Michael Weinrich seinen Vortrag, den er im Rahmen der ökumenischen "Rintelner Abendgespräche" in der reformierten Jakobikirche vor etwa 50 Zuhörern hielt.

veröffentlicht am 21.04.2006 um 00:00 Uhr

Professor Michael Weinrichs

Michael Weinrich (56), bis vor kurzem Professor für systematische Theologie in Berlin, lehrt Dogmatik und Ökumenik an der Universität Bochum und veröffentlichte zahlreiche Aufsätze speziell zum christlichen Fundamentalismus. Als er vor zwei Jahren im amerikanischen Pittsburgh eine Gastdozentur inne hatte, wurde er vom Fernsehsender CNN zum Thema interviewt und hatte bei den Amerikanern im Nu den Ruf eines radikalen europäischen Religionskritikers weg. Tatsächlich charakterisierte er den modernen christlichen Fundamentalismus als ein vorrangig amerikanisches Phänomen, in dem sich eine rigoros wörtliche Bibelauslegung eigenartig vermische mit hemmungsloser Technikfaszination. Sendesatelliten würden zu zeitgemäßen "Engeln Gottes" erklärt, die über Fernsehen und Internet jeden Haushalt erreichen können, um die Bibel als das unmittelbare Wort Gottes zu interpretieren, aus dem sich Gut, Böse, Richtig und Falsch wie eine Gebrauchsanweisung zum gottgefälligen Leben ableiten ließen. Mysterien dürfe es in diesem Zeitgeist-Fundamentalismus, der keinerlei Unwägbarkeiten ertrage, nicht geben. Das Gefühl, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, verlange naturwissenschaftliche Erklärungen für jedes Bibelwort, damit es auf allen Ebenen heißen könne: "Die Bibel hat doch Recht!" Aus dieser Gewissheit heraus dann sei es möglich, ohne Selbstzweifel den Kampf mit den "Achsen des Bösen" aufzunehmen. Auch in Deutschland, so Weinrich, gäbe es eine Tendenz zum christlichen Fundamentalismus, nämlich in den freikirchlichen Gemeinden, von denen er die "Bekenntnisbewegung ,Kein anderes Evangelium'" herausgriff, die in ihren Informationsheften den "Kampf für den Glauben" betone, die Bibel unhinterfragbar als unmittelbar von Gott inspiriert ansehe und ihren Wahrheitsanspruch mit einem absurden Rationalismus untermauere, wie etwa in der Aussage, die Erschaffung Evas aus Adams Rippe sei eine Art des "Klonens" gewesen, wie sie in Zukunft wohl auch der Mensch zustande bringen werde. Dass die Zuhörer des Vortrages eine Zuspitzung der Thesen vermissten, zeigte sich an ihren anschließenden Fragen: Wie sich die Entwicklung in den USA erkläre, wo die strikte Trennung von Staat und Kirche nicht verhindere, dass politische Entscheidungen vom religiösen Fundamentalismus geprägt seien, und ob man eine ähnliche Tendenz auch in Europa erkennen könne, so eine der Fragen. Auch einem Vergleich von christlichem Fundamentalismus einerseits, dem Fundamentalismus im Islam oder Judentum andererseits war Weinrich weitgehend ausgewichen. Er betonte allerdings, dass der Islam ebenso wie das Christentum über eine differenzierte akademische Theologie verfüge. Allerdings gehöre dem islamischen Fundamentalismus im Moment in einigen Ländern die Straße. Mehrmals kamen kritische Anmerkungen zur "Volkskirche", die fundamentalistischen Tendenzen in den freikirchlichen Gemeinden zu wenig entgegenzusetzen habe. Dass sich die biblische Umwandlung von Wasser in Wein naturwissenschaftlich als eine "Kernumwandlung" beschreiben lassen müsse, wie es die Bekenntnisbewegung vorschlägt, das wollte wohl niemand. Die Kirche müsse sich verstärkt um das Spannungsverhältnis von Wissenschaft und Glauben kümmern, wenn sie nicht weiterhin an Glaubwürdigkeit verlieren wolle.

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