weather-image
13°

BI: „Die werden uns so schnell nicht los“

Obernkirchen (wer). Bis zum ersten Spatenstich für das neue Schaumburger Klinikum ist es nicht mehr weit, doch die „Bürgerinitiative gegen den Bau eines Krankenhauses in der Feldmark Vehlen“ kämpft noch immer gegen den geplanten Klinik-Standort. Dabei ist die Bürgerinitiative nur ein Teilprojekt eines neu gegründeten Vereins, der den „Freiraum in Schaumburg“ erhalten will. Mit Christina Steinmann von der Bürgerinitiative sprach Chefredakteur Frank Werner.

veröffentlicht am 13.01.2011 um 13:46 Uhr
aktualisiert am 06.12.2012 um 13:47 Uhr

270_008_6030319_lk_steinmann.jpg

Laut „Brockhaus“ wird mit „Sumpf“ ein Boden beschrieben, der „ständig stark mit Wasser durchtränkt“ wird, eine „angepaßte Vegetation“ wie „Wasserpflanzen“ besitzt, meist in „regenfeuchten Gebieten“ liegt und häufig in Moor übergeht.

Halten Sie den Begriff „Sumpfklinik“ für das neue Krankenhaus demnach für angemessen?

Ja. Mich wundert, dass im Brockhaus nichts von der Doppeldeutigkeit des Begriffs steht. Nicht nur, dass auf dem Grundstück, wo das Klinikum gebaut werden soll, tatsächlich Wasser steht und die Beschreibungen „Sumpf“ und „feuchtes Tal“ sogar im offiziellen Abwägungsverfahren verwendet werden. Zudem empfinden wir auch die Verquickungen im politischen Prozess als problematisch: Landschaftsarchitekt Georg von Luckwald zum Beispiel betreut die Planung des Projekts und ist gleichzeitig auch für dessen Überwachung zuständig.

Von politischem Sumpf zu sprechen, ist schweres Geschütz, zumal wenn man erst nachträglich ins Verfahren einsteigt. Warum hat sich der Protest gegen den Standort in Vehlen erst im vorigen Herbst entzündet, ein Jahr nach der Entscheidung, die in dieser Zeitung mehrfach veröffentlicht und von ProDiako auf einer Anwohnerversammlung vorgestellt wurde?

Ich war auch bei der Vorstellung des Projekts in Vehlen dabei und habe gleich darauf einen Leserbrief geschrieben. Ich glaube, das war der erste Leserbrief zu diesem Thema. Danach habe ich Verbündete gesucht, aber Bewusstsein und Interesse für das Thema gab es zunächst nur vereinzelt. Barbara Lohmann und Thomas Knickmeier sind dann im Frühjahr auf mich und meinen Vater zugekommen, die Bewegung hat sich nach und nach entwickelt. Das Netzwerk zu knüpfen, hat einfach so lange gedauert, und es hat gedauert, eine Kampagne auf die Beine zu stellen, unser Material zusammenzustellen und Unterschriften zu sammeln. Inzwischen dürften es über 2000 sein.

Jeder, der die Standortsuche von Anfang an verfolgt hat, weiß, dass das Grundstück in Vehlen nicht die Wunschlösung des Investors ist. Nimmt man den Raum Obernkirchen, die zentralste Lage in Schaumburg, ist es nicht die bestmögliche, sondern die einzig mögliche Variante. Akzeptieren Sie das?

Nein, das sehen wir von der Bürgerinitiative nicht so. Diese Variante ist in unseren Augen die, bei der vermeintlich schnellstmöglich gebaut werden kann. Es ist die Variante ohne Auflagen der Bundeswehr. So könnten die Fördergelder zeitnah an die Betreiber fließen. Bei den alternativen Standorten hätte man Genehmigungen der Luftfahrtbehörde einholen müssen. Stattdessen gibt es zu den alternativen Standorten noch immer keine detaillierten Unterlagen von der Luftfahrtbehörde, der Bundeswehr oder zum Bergbau.

Zudem steht in der Projektbeschreibung aus dem Jahr 2008, das Klinikum solle auf der grünen Wiese gebaut werden. Das klingt für mich nach einer Werbefloskel. Der jetzige Standort ist volks- und betriebswirtschaftlich die falsche Lösung, außerdem ist er zu nah an Minden.

Wo bleibt da die Logik? Warum sollte ein Investor eine wirtschaftlich falsche Lösung anstreben? Warum sollten Unsummen für die Verkehrsanbindung ausgegeben werden, wenn man doch so einfach an die B 65 gehen könnte?

Die Verkehrsanbindungen zahlt ja nicht ProDiako, sondern der Landkreis Schaumburg und das Land Niedersachsen. ProDiako erhält stattdessen 80 Prozent Zuschüsse vom Land für den Bau des Klinikums.

Es ist ein politisches Wagnis, sich vom Votum eines Gemeinderates abhängig zu machen. Warum sollte ein Investor so etwas tun, wenn er nicht müsste?

Wir haben mit Ahnsens Gemeindebürgermeister Heinz Grabbe gesprochen: Wenn der politische Druck zu groß wird, muss er gegen den jetzigen Standort stimmen. Bis jetzt haben wir 300 Unterschriften in Ahnsen gegen den Standort gesammelt. Das ist ein guter Erfolg.

Außerdem ist interessant, dass es zwei Flächen (bezeichnet als E und G) an der B65 in Obernkirchen gibt, bei denen es auch keine Auflagen der Bundeswehr gab. Diese schieden nur wegen angeblichen Lärms aus.

Vorausgesetzt, Sie hätten Recht und man könnte das Krankenhaus in der Einflugschneise der Heeresflieger bauen. Wollen Sie den Lärm den Patienten allen Ernstes zumuten?

Ich wohne in der Nähe, von Lärm kann man da nicht sprechen. Pro Tag gibt es in Achum doch eher wenige Flüge. Die Charité in Berlin zum Beispiel wurde an den Innenstadtring gebaut, und da beschwert sich niemand über Lärm. Das Lärm-Argument ist total schwach: Mittlerweile gibt es schalldichte Fenster. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer im neuen Klinikum wurde von ProDiako außerdem mit unter einer Woche angegeben.

Müssten Sie nicht ehrlicherweise sagen, dass Sie gegen ein neues Krankenhaus in Schaumburg sind, wenn Sie bei den Einschränkungen durch Bundeswehr und Bergbau und beim jetzigen Stand des Verfahrens den Bauplatz in Vehlen ablehnen?

Nein, ich bin nicht gegen ein neues Krankenhaus, ganz im Gegenteil: Ich bin der Überzeugung, dass Schaumburg ein Zentralklinikum braucht, angesichts des erwarteten jährlichen Defizits sogar so schnell wie möglich. Anfangs war ich ja auch noch begeistert von dem Projekt, als es hieß, das Klinikum würde sinnvollerweise an die B 65 kommen.

In ihrer Petition an den Kreistag hat die Bürgerinitiative alles und nichts gegen den Standort ins Feld geführt, die Argumente reichen von drohenden Ernährungsengpässen bis zu angeblich vermehrten Wildwechseln. Was ist ihr Motiv, warum sind Sie in der Bürgerinitiative?

Aus zwei Gründen: Naturschutz und Bürgerrecht...

…werden im Verfahren denn Bürgerrechte verletzt?

Das würde ich nicht sagen, aber ich bin der Meinung, dass dem ganzen Prozess die transparente Gestaltung fehlt. Wir als Bürgerinitiative wollen zeigen: In Schaumburg gibt es mündige Bürger, die Floskeln wie „Alternativlosigkeit“ oder „Sachzwang“ nicht einfach hinnehmen. Deswegen haben wir den Verein „Landschaftsschutz Schaumburg“ gegründet. Wir wollen politische Verantwortung übernehmen, Landschaft und Freiraum in Schaumburg erhalten.

Ich kenne das Grundstück mein Leben lang, es ist eine wahre Idylle. Dass dort, wo die Aue entlangfließt und Wildtiere bislang ungestört leben, ein Klinikum gebaut werden soll, kann und will ich nicht einfach akzeptieren.

Wie gehen Sie mit Interessenten um, die die Ziele des Vereins unterschreiben, aber das Krankenhaus in Vehlen befürworten?

Das käme auf die Beweggründe an, da würden wir von Fall zu Fall entscheiden.

Was haben sich Verein und Bürgerinitiative für 2011 vorgenommen?

Die Bürgerinitiative ist das erste Teilprojekt unseres Vereins, hier werden wir aktiv weiterarbeiten. Zudem wollen wir die Schönheit der Schaumburger Landschaft zeigen, dafür werden wir einen Fotowettbewerb ausschreiben und eine Ausstellung organisieren. Außerdem planen wir ein Konzert: „Rock am Sumpf“.

Und wenn nach dem letzten Takt der erste Spatenstich erfolgt?

Dann werden wir den Bau so lange verfolgen, wie wir es für sinnvoll erachten. Die werden uns so schnell nicht los. Aber soweit ist es ja noch nicht, aktuell laufen immer noch die Vorplanung und das Abwägungsverfahren.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt