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Martin Thumm: In Rinteln Fachwerk wie aus dem Lehrbuch für Architekten

"Betonbrutalismus" - aber auch "vieles, was das Auge erfreut!"

Rinteln (wm). Es begann mit einer Computerpanne: Die Bilder, die "Fachwerkpapst", Architekt und Diplom-Ingenieur Professor Martin Thumm in Hildesheim für seinen Vortrag in Rinteln am Mittwochabend vorbereitet hatte, steckten zwar noch auf der Festplatte des Computers an seinem Arbeitsplatz in der Universität, aber nicht auf dem Laptop, den Thumm mit nach Rinteln gebracht hatte.

veröffentlicht am 19.10.2007 um 00:00 Uhr

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Doch wie erläutert man Architektur, eigentlich nur optisch zu vermitteln, ganz ohne Bilder? Thumm gelang trotzdem das Kunststück, ohne Manuskript, ohne Bilder, eineinhalb Stunden seine Zuhörer im vollen Rathaussaal zu fesseln mit grundsätzlichen Anmerkungen zu Ästhetik, Städtebau und Zeitgeist. Dazu gehörten auch einige pointierte Sätze über Rinteln. Das erste Mal sei er in seiner Assistenzzeit nach Rinteln gekommen ("da war alles ziemlich grau"). Seit dieser Zeit habe sich Rinteln deutlich zum Positiven gewandelt ("da gibt es vieles, was das Auge erfreut"). Rinteln sei mit allen "Ausprägungen des regionalen Fachwerks" eine Stadt wie aus dem Lehrbuch für Architekten: "Sie haben alles im Angebot", also praktisch alle Konstruktionen, dazu kleine Gärten und Anbauten "wo man glaubt, hier ist die Zeit stehen geblieben". Nach so viel Lob blieb der Tadel erwartungsgemäß nicht aus, brachte jedoch keine Überraschungen. Thumms Kommentar zur Wesermühle: "Gestaffelte Schüssel, Betonbrutalismus, da hätte was Leichtes hingemusst!" Und wie in anderen Städten auch leide in Rinteln das Straßenbild unter den Sünden der Wirtschaftswunderzeit: "Alles was historischist, findet man ab dem ersten Stockwerk und höher, unten tummelt sich die Konsumwelt." Den Häusern seien praktisch "die Füße abgehackt" worden. Immerhin werde inzwischen wieder versucht, "da was zu reparieren um die gestalterischer Zusammengehörigkeit von Erd- wie Obergeschoss wieder herzustellen". Vieles sei gut, manches "nur peinlich." Gleiches gelte für die Versuche von Architekten, neben historischen Häusern "was Neues zu machen." Da gebe es in Rinteln sehr gute Ansätze wie passable Lösungen, "die nicht stören, aber auch nicht anregen" und "alles andere, aber wir wollen hier nicht mit Steinen werfen." Dann noch ein Satz zum Parkhaus an der Post: "Vielleicht verschwindetes ja mal wieder." Zum Abschluss steckte der Professor den ganz großen Rahmen ab: Wie sich das Tempo in dem wir leben, beschleunigt habe, lasse sich auch an der Architektur ablesen: "Wir bauen keine barocken Schlösser mehr, dazu sind wir zu schnell unterwegs." Viele moderne Bauten erweckten den Eindruck des Provisorischen, wie des Virtuellen, "mit Rekonstruktionen, die nur noch aus Fassaden bestehen". In der anschließenden Diskussion ging es auch um das Projekt "Kloster-Karree" in der Klosterstraße. Thumm wie die Diskussionteilnehmer betonten, das sei wünschenwert für die Fußgängerzone nur sollte die kleingliedrige Fassadengestaltung erhalten bleiben.

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