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Kirche und Kirchplatz waren lange Bestattungsorte / Später wurde der Hopfengarten zum Friedhof

Bestattungen in der Peter- und Paul-Gemeinde

Heute entscheidet sich mancher für eine Bestattung in einem Friedwald. Weitgehend naturbelassen gibt es bei Flakenholz, nahe Aerzen, schon ein solches Bestattungsfeld. Den Menschen früher wäre eine solche Bestattung kaum vorstellbar gewesen. Im Mittelalter war die Auffassung verbreitet, dass die Welt zerfallen ist: Der eine Teil der Welt galt als das Reich Gottes, der andere Teil wurde beherrscht vom Bösen, dem Teufel und seinen Helfern.

veröffentlicht am 25.05.2010 um 16:20 Uhr
aktualisiert am 26.05.2010 um 14:43 Uhr

Epitaph der Anna Catharina von Harxthausen.

VON FRITZ KOENIG

Heute entscheidet sich mancher für eine Bestattung in einem Friedwald. Weitgehend naturbelassen gibt es bei Flakenholz, nahe Aerzen, schon ein solches Bestattungsfeld. Den Menschen früher wäre eine solche Bestattung kaum vorstellbar gewesen. Im Mittelalter war die Auffassung verbreitet, dass die Welt zerfallen ist: Der eine Teil der Welt galt als das Reich Gottes, der andere Teil wurde beherrscht vom Bösen, dem Teufel und seinen Helfern. Die wesentliche Frage war, zu welchem der beiden Reiche die Seele nach dem Tode gehören würde. Alte Volksmärchen, früher keineswegs nur Unterhaltung für Kinder, sondern Spiegelbild der Kultur- und Religionsgeschichte, zeigen oft das Sterben als Moment der Entscheidung, ob auf die Seele eines Verstorbenen das ewige Leben wartet. Dafür waren nicht zuletzt die Umstände der Bestattung wichtig. Schutz vor Verdammnis konnte gefunden werden, wenn die Begräbnisse unter dem Zeichen des Heils, dem Kreuz, in Kirchen oder auf geweihten christlichen Friedhöfen unmittelbar neben einer Kirche stattfanden. Wie streng die Trennungslinien der beiden Welten im Mittelalter verliefen, zeigt, dass die Leichen von Neugeborenen ohne Taufe keinesfalls auf einem christlichen Friedhof bestattet werden durften, ebenso wenig wie die Leichen von Verbrechern. Ihre Leichen kamen auf den Schindanger. Natürlich waren die begehrten Ruhestätten im Bereich des Altars der Kirche. Sie blieben den Mächtigen, den Angehörigen der höheren Stände, vorbehalten. Davon künden in der Peter- und Paul-Kirche von Bisperode die steinernen Epitaphe verstorbener Adliger, die hinter der Altarwand aufgestellt sind. Bis heute besonders anrührend: Ein Epitaph einer ganz im Stil der Barockzeit dargestellten Frau, der Anna Catharina von Harxthausen, die 1618 verstarb. Bei kürzlichen Umbaumaßnahmen, unter Leitung des Patronatsherrn, Andreas Voß, wurde vor dem Altar ein Hohlraum entdeckt, der früher als Bestattungsgruft gedient haben wird.

Als es im 18. Jahrhundert für die adligen Stände Mode wurde, sogenannte Mausoleen zu errichten, in die man die Särge der Anverwandten brachte, erhielt auch der alte Bisperoder Kirchturm an seiner Südseite einen Fachwerkbau, der heute noch „Mausoleum“ heißt. Den Fachwerkbau ließen 1770 die adligen Herren von Hake, Diedersen, errichten, die ebenfalls der Peter- und Paul-Gemeinde angehörten. In zwei Geschossebenen standen hier lange Reihen von Särgen. Einige Särge wurden nach 1945 in die Kellergruft gebracht, wo nun heute Sarg an Sarg mehrere Generationen von Verstorbenen Diederser Adliger ruhen. Der darüberliegende Raum ist jetzt Andachtstraum geworden, nachdem er von der Familie von Hake einfühlsam renoviert worden war.

Die Masse der Bevölkerung erhielt ihre Begräbnisstätten unmittelbar neben der Kirche. Man glaubte fest, so den Toten eine vor dem Teufel sichere Grablege zu gewährleisten. Der noch heute zu hörende Ausdruck „auf Küsters Kamp kommen“ besagt, auf dem Friedhof in die Obhut des Küsters zu gelangen. Steinerne Zeugen des früheren, um die Kirche gelegenen Gräberfeldes sind die bis heute erhaltenen Grabplatten aus Sollingstein, die nach der späteren Auflassung des Friedhofes an der Kirche als Begrenzungssteine eine Weiterverwendung fanden. Einer dieser Steine informiert uns über den Tod eines Mitgliedes der alteingesessenen Familie Leyweke: „Dorothea Elisabeth Leyweke, gestorben am 14. Sept. 1748“, heißt es da. Eine weitere Spur des früheren Bestattungswesens findet man, wenn man einen Blick auf die Karte der braunschweigischen Landesaufnahme von 1758 wirft. Der Verbindungsweg von der sehr entfernt liegenden Bispe-

Grabstelle eines Arztes mit Aesculapschlange am Baumstumpf.
  • Grabstelle eines Arztes mit Aesculapschlange am Baumstumpf.
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Eine um 1900 entstandene Grabstätte mit gründerzeitlichen Stilel
  • Eine um 1900 entstandene Grabstätte mit gründerzeitlichen Stilelementen. Heute als Heinrich-Stille-Grab bekannt.

roder Wüstung „Werdihusen“

trägt die Bezeichnung „Leich(en)weg“; die Bewohner des Husen-Ortes scheuten den langen Weg nicht, um ihre Toten zur Beerdigung neben der Bisperoder Kirche zu bringen.

Eine Zäsur bildet das Jahr 1840, als der bisherige Orts-Friedhof an den Rand des Dorfes verlegt wurde. Ältere Einwohner Bisperodes kennen noch für dieses Gelände den Begriff „Hopfen-Garten“. Der Hopfen wurde im Dorf zum Bierbrauen benötigt, seine Anbaufläche war Allmende, also Gemeindeland. Als das Bierbrauen auf den Höfen zurückging, von professionellen Bierbrauern betrieben wurde, konnte man den Hopfengarten nun der Kirchengemeinde überlassen und als neuen Friedhof nutzen.

Seit alter Zeit war das Kreuz das wesentliche Schmuckelement über den Gräbern. Eine neue Art, die Grabmäler zu gestalten, ist in der Folgezeit zu beobachten. Das Grab eines unvergessenen Dorfarztes, gestorben 1868, zeigt als Grabmal einen Baumstumpf, an dem eine Aesculap-Schlange hinaufgleitet. Diese Schlange mit ihrem heilenden Gift war das Zeichen des Medizinerstandes. Bis heute hat sich dieser Trend verstärkt: Symbole verschiedener Berufe oder Tätigkeiten, die den Verstorbenen im Leben wichtig waren, ergänzen und ersetzen an den Grabmälern das christliche Kreuz. Es finden sich Hammer und Kelle für Bauberufe, aber auch aufgeschlagene Bücher. Die Sicht auf das Jenseits tritt so zurück. Dem entspricht auch die Gestaltung der Grabanlagen. Beeinflusst von der Gründerzeit vor 1900 erhielten Gräber Umfriedungen aus Schmiedeeisen und verzierte Pforten. Kiespfade führten innerhalb der Grabumfriedung zu hohen Säulen, die den eigentlichen Grabstein stützten. In letzter Zeit scheint eine Wende im Gange. Der Bisperoder Friedhof besitzt inzwischen ein Gräberfeld auf schlichter Rasenfläche. In langer Reihe liegen hier flache Gedenkplatten mit kurzen Lebensdaten. Als einziger Blumenschmuck wird manchmal eine einzelne Rose niedergelegt. Ein Zeichen dafür, dass hier der Lebensweg eines geliebten Menschen sein Ende fand.

Dem mittelalterlichen Bispe- roder Kirchturm wurde 1770

ein Fachwerkbau angefügt.



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