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So war man damals unterwegs

Beschwerliche Zeiten: Wie man früher gereist ist

Wie war das Leben im 19. Jahrhundert? Anders, so viel steht fest. Aber wie genau? Wer sich im 19. Jahrhundert auf Reisen begab, mußte vor allem Sitzfleisch haben: Neun oder zehn Stunden dauerte die Fahrt mit der Postkutsche von Hannover nach Hameln.

veröffentlicht am 16.03.2018 um 16:15 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Redaktionsleiterin zur Autorenseite
Das Pferdegespann war damit kaum schneller als ein rüstiger Fußwanderer. Dass Reisende, die von Hamburg kamen, nach 36 Stunden Fahrt mit der Postkutsche die weitere Strecke von Hannover nach Hameln lieber zu Fuß gingen, „zumal sie durch schöne Gegenden führte“, daran erinnert Dr. Ostermayer im Museumsjahrbuch 1965 – zugleich an das Jahr 1764, als die erste Chaussee gebaut wurde.

Dort, wo heute das Lokal „Zur alten Post“ steht, waren einst die Stallungen der Postkutschen-Pferde. Komfortabler und kraft Amtes war da schon Kaiser Wilhelm I. unterwegs: Nachdem er in Detmold das Hermannsdenkmal eingeweiht hatte, fuhr er mit der Eisenbahn zurück – und wurde im August 1875 auf dem Bahnhof von den Hamelnern begeistert begrüßt.

Nicht am Bahnhof, sondern an der Ehrenpforte Ostertorwall wurde Georg V. von den Hamelnern empfangen – er war im Manöver unterwegs und dürfte wohl per Kutsche gereist sein. Ebenso wie der Herzog von Cambridge, der 1823 und 1837 Visite hielt. Denn die Eisenbahnstrecken wurden erst Jahrzehnte später freigegeben: 1872 die Route Hannover–Altenbeken, 1875 Hildesheim–Hameln–Löhne, 1897 Hameln–Lage–Bielefeld. 1900 kam schließlich die Privatbahn Emmerthal–Vorwohle dazu.

Ob zu Fuß, mit der Kutsche oder per Bahn – nicht nur hohe Herrschaften, Privilegierte oder Geschäftsreisende sind bereits im 19. Jahrhundert zu Besuch in Hameln gewesen: Das belegt der Bericht über „Hameln aus Sicht eines Besuchers“ aus den Jahren 1839/40, den das Museum in seinem Archiv hat. Mit Sack und Pack, Kind und Kegel auf den Spuren des Rattenfängers: Freilich hat der Tourismus im eigentlichen Sinne erst sehr viel später begonnen. Dass Hameln im Tagungsgeschäft Furore machen kann, ist übrigens keine Entdeckung der Neuzeit: Im Mai 1953 gab es beispielsweise die Niefa, die Fachausstellung des Hotel- und Gaststättengewerbes. Dass aber nicht nur die Wirte, die sich erstmals 1878 im Wirteverein zusammentaten, von den Gästen profitieren, erkannten die Hamelner, als sie 1914 den ersten Verkehrsverein gründeten. Im Hamelner Tageblatt ist über die Gründungsversammlung nachzulesen: „...mit Freuden festgestellt, dass die vielfach verbreitete, irrige Ansicht, dass der Fremdenverkehr nur der Hotelindustrie zugute komme, langsam, aber sicher im Schwinden begriffen ist.“ Und Verkehrsanbindungen gehörten schon immer zu den wichtigsten Voraussetzungen für einen florierenden Fremdenverkehr.

Ausgesperrt wurden die Besucher 1972, allerdings auf charmante Art. Um den Rattenfänger-Freilichtspielen den Zug durch die damals noch befahrene Osterstraße zu ermöglichen, verbarrikadierten zehn hölzerne Rattenfänger die Zufahrt. Mit den Busfahrern gab es ein Abkommen, erzählte einst der damalige Verkehrsdirektor Eiko Hartmann: Wenn eine Besuchergruppe mit Stadtführern unterwegs war, stoppten die Fahrer ihre Busse und winkten die Gäste höflich über die Straße. Diese ungewöhnlichen Methoden wurden überflüssig, als 1975 die Fußgängerzone eingeweiht wurde. Doch sie zeigen: Wo öffentliche Gelder rar sind, ist Eigeninitiative gefragt. Intensiv gefördert wurde der Tourismus nämlich erst mit Beginn der 80er Jahre – nicht allein ein Hamelner Problem. Den Studiengang Tourismus gibt es auch erst seit dieser Zeit, den Reiseverkehrskaufmann als Berufsbild seit Anfang der 70er. So können nur per Zufall entdeckte Gästeverzeichnisse einen Eindruck vermitteln – beispielsweise von Zeiten, als die Übernachtung im Hotel „Zur Krone“ noch zwei Mark kostete. Das war 1938.



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