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Auch Staatsanwalt plädiert auf Totschlag: 14 Jahre, sieben Monate Haft gefordert / Vergewaltigung nicht nachzuweisen

Bernd S.: Von Mord spricht nur noch der Opfer-Anwalt

Rinteln/Bückeburg (ly). Im Indizienprozess gegen Bernd S. haben Staatsanwalt Frank Hirt und Verteidiger Dr. Volkmar Wissgott gestern auf Totschlag plädiert.

veröffentlicht am 18.09.2008 um 00:00 Uhr

Hirt beantragte 14 Jahre und sieben Monate Haft, Wissgott zwölf. In das Urteil des Bückeburger Schwurgerichts, das kommenden Montag um 9 Uhr verkündet wird, soll die Strafe für einen von zwei Banküberfällen in Eisbergen und Rehren einbezogen werden, die S. nicht voll verbüßt hat. Für den mutmaßlichen Totschlag allein forderte die Staatsanwaltschaft zwölf Jahre. Hirt rückte damit vom ursprünglichen Vorwurf ab, S. habe Krystyna Pagacz-Znoj (47) im November 2000 erwürgt, um eine vorausgegangene Vergewaltigung der Frau zu verdecken. Von Verdeckungsmord geht nur Rechtsanwalt Dr. Norman Inoue aus, der den Sohn des Opfers vertritt und außerdem eine Eisbergerin (66), die im September 2001 nahe Gut Dankersen fast totgeschlagen worden war. In diesem Fall beantragten Hirt und Wissgott Freisprüche, Inoue eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung. Ohneäußere Regung hat er auf der Anklagebank gesessen, sechs Prozesstage lang. Nicht nur Inoue vermisste bei Bernd S. ein Wort der Reue. Dafür hatte S. Krystyna Pagacz-Znoj als "launisch" beschrieben und sogar behauptet, es habe einmal Sex zu dritt gegeben, was Hirt sich "nicht vorstellen" kann. Erst in seinem Schlusswort sprach der Angeklagte gestern von einem "großen Fehler" und wünschte, diesen rückgängig machen zu können. "Ich möchte mich in aller Form bei Ihnen entschuldigen", sagte er zum Sohn der Toten, der daraufhin das Gesicht verzog. Nur auf den ersten Blick sah es wie ein Lächeln aus. Im Fall Pagacz-Znoj schließt Staatsanwalt Hirt aus, dass Täter und Opfer, die im selben Rintelner Mehrfamilienhaus lebten, über drei Monate eine sexuelle Beziehung hatten, wie der Angeklagte behauptet. Im Streit will Bernd S. die Nachbarin in seiner Wohnung erwürgt haben. "Kein Zeuge hat eine Beziehung oder bloß einen näheren Kontakt auch nur ansatzweise bestätigt", so Hirt. "Nicht ganz sicher nachweisen" lasse sich jedoch eine Vergewaltigung. Freiwilligen Geschlechtsverkehr hält der Ankläger also zumindest für möglich. "Es gab keine Verletzungen, die auf erzwungenen Geschlechtsverkehr hindeuten", erinnerte Verteidiger Wissgott an ein rechtsmedizinisches Gutachten. Von wem das zweite Opferüberfallen worden ist, die Eisbergerin, wird möglicherweise nie geklärt, falls das Gericht den Ausführungen von Staatsanwaltschaft und Verteidigung folgt. Als Zeugin hatte die Frau erklärt, der Täter habe eine Stirnglatze und wulstige Lippen gehabt sowie schwarze Handschuhe getragen. Wulstige Lippen hat S. nicht. "Und wenn er Handschuhe getragen hätte, dürfte man keine DNA-Spuren von ihm gefunden haben", so Hirt. Diese waren jedoch sichergestellt worden, und zwar unter den Achselhöhlen des Opfers. "Das würde zur Einlassung des Angeklagten passen." Bernd S. hatte erklärt, er habe die bereits blutende Frau gefunden und ihr aufhelfen wollen, bevor er in Panik geraten und geflüchtet sei. "Das Einzige, was gegen Herrn S. (...) spricht, sind die DNA-Spuren", sagte Wissgott. Dass ausgerechnet Bernd S. der "Ersthelfer" gewesen sein soll, hält Rechtsanwalt Inoue für mehr als unwahrscheinlich. "Keine vernünftigen Zweifel" hat er auch daran, dass S. der Mörder von Krystyna Pagacz-Znoj ist. Darauf stünde lebenslange Haft.

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