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Überleben mit Hartz IV: Haareschneiden gegen Rasenmähen, Wändestreichen gegen Autoreparatur

Beim "Tauschring" zahlt man mit "Talenten"

Rinteln (cok). Einen ganzen Monat lang haben jetzt die Teilnehmer am Fastenzeit-Planspiel der evangelischen Landeskirche "Sieben Wochen mit Hartz IV" ausprobiert, wie es sich mit dem Regelsatz des "Arbeitslosengeld II" lebt. Für manche war es leichter, für andere viel, viel schwerer als gedacht. Die wirklich Betroffenen sagen: "Das Schlimmste ist nicht die Geldfrage, sondern die Veränderung des sozialen Status."

veröffentlicht am 26.03.2007 um 00:00 Uhr

Gerda Rudolph

Beim dritten Treffen der "Hartz-IV-Empfänger auf Zeit" im Rintelner "Haus der Diakonie" waren auch diesmal zwei "echte" Hartz-IV-Empfänger dabei. Und während die einen gerade gemerkt hatten, dass der Friseurbesuch oder das Musikkonzert, der TÜV fürs Auto oder ein Ausflug zum Frühlingsmarkt in die nächste Stadt eindeutig das Budget von 345 Euro pro Monat sprengen und man auf jeden Fall auf die gewohnte gute Flasche Wein oder den Zigarettenkonsum verzichten müsste, hatten die anderen bereits einschneidende und wirklich deprimierende Erfahrungen gemacht. Dabei ging es nicht nur um Chancenlosigkeit beim "Job-Center" oder den häufigen Begegnungen mit Leuten, die so nebenbei sagen: "Ich habe ja nichts gegen Hartz-IVler, aber...". Eine Tierärztin zum Beispiel, die ihre Praxis aufgeben musste, hatte bis dahin immer eine kleine Gruppe altersschwacher Tiere durchgebracht, denen sie nun das Gnadenbrot nicht mehr bieten konnte. Teils aus finanziellen Gründen, teils deshalb, weil in ihrer neuen kleineren Wohnung keine Tierhaltung erlaubtist, musste sie die Tiere abgeben und erlebte dabei, was auch für andere Hartz-IV-Empfänger ein Problem ist: Wer Hund oder Katze ins Tierheim bringen will, muss dafür bezahlen. "Das ist dann nicht nur eine Aufnahmegebühr zwischen 30 und 60 Euro pro Tier, sondern die Tiere müssen auch kastriert, entwurmt und geimpft sein", meinte die Tierärztin. Genau diese Tierarztkosten aber, die unvermeidlich anfallen und zusammen mit den Futterkosten und Hundesteuer durchschnittlich etwa 40 Euro monatlich betragen, sind für viele Hartz-IV-Empfänger der Grund, warum sie ihr Tier (meistens sehr schweren Herzens) abgeben. "Kein Wunder, wenn immer mehr Katzen und Hunde ausgesetzt werden", sagte sie. "Nur Fundtiere kommen kostenlos ins Tierheim." Sie erzählte auch von ihrem alten Auto, das sie sich bisher noch leistet, weil sie mit Kindern auf dem Dorf wohnt, das aber nur wenig Chancen hat, noch durch den TÜV zu kommen. "Es ist so schon fast eine Überwindung, überhaupt noch aus dem Haus und unter Menschen zu gehen, weil man ständig mit seinemgesunkenen sozialen Status konfrontiert wird", meinte sie. "Ich weiß nicht, wie das ohne Auto werden wird." Wie man manche Alltagsprobleme auch ohne Geld lösen kann, darüber berichtete Gerda Rudolph als Mitglied im Schaumburger "Tauschring". Dieser Verein mit Ansprechpartnern in Rinteln, Obernkirchen und Stadthagen setzt auf das Tauschen von Dienstleistungen unter Privatpersonen. Haareschneiden, Rasenmähen, Babysitten, Wändestreichen und vielleicht ja sogar Autoreparieren, das alles sind "Talente", die man anderen anbieten kann, um dann selbst aus einer langen Liste etwas Benötigtes auswählen zu dürfen. 5 Euro kostet die Jahresgebühr - das ist alles. Unter den Selbstversuch-Teilnehmern war auch ein Paar, das den ersten Hartz-IV-Monat sogar mit einem Plus von zusammen 120 Euro absolviert hatte, also mit etwas mehr als der geforderten "Sparquote" von 14 Prozent des Bezugssatzes. "Ja, vier Wochen kann man wohl mit dem Satz auskommen", sagte eine Frau dazu. "Was aber ist mit den nächsten vier Wochen? Was, wenn es um den ganzen Rest des Leben geht?"

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