weather-image
22°
700 Jahre Rolfshagen / Gestern Auftakt zur Jubiläumsfeier / Ein historischen Rückblick

Beim Festakt ein "Hoch auf tapferes Rolfshagen"

Rolfshagen (rnk). Man könne dieses Dorf nur bewundern, das die Größe aufbringe, sich in diesen Notzeiten der Fremdherrschaft auf die eigene Geschichte zu besinnen. Dieses mutige Dorf, das einfach seine 700-jährige Existenz feiere, im Angesicht des gallischen Unruhestifters, der wieder einmal sein wahres Gesicht zeige. Dieses friedliche Dorf, das den großmäuligen Versprechungen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit von vorneherein misstraut habe und dafür von den marodierenden Froschfressern schon seit Wochen terrorisiert werde. Und er sei sich sicher, dass die stolzen und freiheitsliebenden Rolfshäger Söhne und Töchter eines nicht zu fernen Tages aufstehen werden, wie ein Mann, um den frechen Thronräuber zu verjagen. Genauso energisch zupackend, wie einst die Vorväter als freie Häger vor rund siebenhundert Jahren begonnen hätten, Lebensraum für sich und ihre Familien in den Wald zu roden.

veröffentlicht am 16.06.2007 um 00:00 Uhr

Rolf-Bernd de Groot warf gestern Abend einen Blick auf die Rolfs

Markig begann Historiker Rolf Bernd de Groot gestern Abend seinen Festvortrag zur 700-Jahr-Feier Rolfshagens. Aber danach den "geneigten Zuhörer am historischen Nasenring durch die Jahrhunderte zu geleiten", das wolle er nicht - denn da gebe es ja schon den feinen Jubiläumsband "Ein Dorf erinnert sich", "der das viel besser rüberbringt, als ich das könnte", meinte de Groot. Dass der Beginn der Rodungstätigkeit der herrschaftlichen Brüder Rolf und Dietrich vom Hof auf dem hohen Felde vor rund 700 Jahren der Startschuss für die Besiedlung des westlichen Auetals unter dem Namen Rolfshagen war, werde niemand ernsthaft bestreiten können - zu genau sei die Urkundenlage. Aber es gebe auch ein anderes Geschichtsgedächtnis, das sich beispielsweise in Flurnamen, Bezeichnungen für Gewässer, Hofstellen und Pflanzen ausdrücke, oder Geschichtsereignisse die einfach im Kollektivgedächtnis des Dorfes verankert geblieben seien - und alle zwei Jahre zur Gefangennahme von Napoleon führten. De Groot erinnerte an Ereignisse, die 200 Jahre zurückliegen und die im Leben der Rolfshäger immer noch eine Rolle spielen würden. Denn fast auf den Tag genau vor 200 Jahren, im Sommer 1807, stand Napoleon Bonaparte auf dem Höhepunkt seiner Macht. Österreich und Preußen waren besiegt, der hessische Kurfürst Wilhelm I. wurde von französischen Truppen bedrängt und davon gejagt. Fast nebenbei besetzte Frankreich Hessen und "hessisch Sibirien", wie die weit von Kassel entfernte Grafschaft Schaumburg genannt wurde. Nach den militärischen Erfolgen begann Napoleon seine Herrschaftsabsicherung mit einer sorgfältig geplanten, moralischen Eroberung. Aus Hessen, dem Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel, den südlichen Teilen Hannovers sowie den Bistümern Hildesheim, Paderborn und Osnabrück formte er das "Königreich Westphalen" mit der Hauptstadt Kassel. Aus hessischen Rolfshägern wurden Westphalen und spätestens seit 1810, nach der Eingliederung ins französische Kaiserreich, sogar richtige Franzosen. Rolfshagen gehörte zum Weserdepartment, Distrikt Rinteln, und mit zehn anderen Gemeinden zum Kanton Obernkirchen, sagte De Groot. Das Königreich Westphalen wurde mit einer modernen Verfassung ausgestattet, die ihren Bürgern über ein einheitliches Rechtssystem Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit garantierte. Die Bauern konnten sich von ihren feudalen Lasten befreien, die Handwerker genossen Gewerbefreiheit durch die Abschaffung des Zunftzwanges, Kirche und Staat wurden getrennt, jeder konnte seine Religion frei praktizieren, Juden bekamen das volle Bürgerrecht: "Die Bevölkerung sollte unter dem neuen Regime in Freiheit, Gerechtigkeit und Wohlstand leben." Aber es kam anders, führte de Groot aus. Dass die verlockenden Ideen von Freiheit und Liberalität letztlich keinen Fuß fassten, hätte mehrere Gründe. Von dem Wohlstand, den Napoleon verheißen hatte, sei nichts zu spüren gewesen: "Im Gegenteil, durch immer neue Steuern und Kontributionen zur Finanzierung der kriegerischen Unternehmungen verarmten weite Teile der Bevölkerung, wie die Rolfshäger lebten damals rund 90 Prozent der Bevölkerung von der agrarischen Basis, von und in der Landwirtschaft." De Groot: "Doch was hatten Henrich Buchmeier und die anderen zehntpflichtigen Rolfshäger Höfe davon, wenn sie die gesetzlich verbriefte Möglichkeit hatten, sich von den Feudallasten für das Stift Obernkirchen zu befreien, aber nicht das notwendige Geld zur Ablösung besaßen?" Oder: "Was hatten die Rolfshäger Glasarbeiter und Korbflechter, die in der neuen Stormschen Glashütte in Obernkirchen Arbeit gefunden hatten, von weggefallenen Zollgrenzen und Gewerbefreiheit, wenn wegen der Kontinentalsperre die Absatzmärkte für Flaschen verloren gingen und die Hütte wieder schließen musste?" Drittens: "Was hatte der Rolfshäger Daniel Remmert davon, dass er 1807 mit 25 000 anderen zur Westphälischen Armee eingezogen wurde und für Frankreich gegen die aufständischen Spanier kämpfen musste, wo ihm 1808 in Figueras eine feindliche Kugel das Lebenslicht ausblies?" Als 1813 russische und preußische Truppen in Kassel einmarschierten, hätte kein Rolfshäger Bauer, Handwerker, Steinbrucharbeiter, Bergmann oder Tagelöhner dem westphälischen Modellstaat eine Träne nachgeweint. Ausgezehrt von den Jahren der Entbehrung, verwirrt von den sich ständig ändernden Anordnungen der Besatzer, habe in der Bevölkerung nur noch der Wunsch nach Ruhe und Ordnung geherrscht. "Die Politik der moralischen Eroberung war gescheitert", erklärte de Groot. Aktiv an den Befreiungskriegen waren auch Rolfshäger beteiligt, wie etwa Ernst Rösemeier, Heinrich Steinmann oder Wilhelm Spier. Die Erinnerung an diese Zeit spiegelt sich in den Ritualen und der Choreographie der Napoleonsschlacht wieder, sowohl die Enttäuschung über nicht eingehaltenen Versprechungen der westphälischen Zeit, wie auch der spätere Sieg in der Schlacht von Sedan und die Gefangennahme Napoleons III. In der deutschen Geschichtsschreibung und in den Rolfshäger Napoleonspielen wurde die kurze Geschichte des Königreiches Westphalen bisher lediglich als Episode der Fremdherrschaft behandelt. Die in der Franzosenzeit begonnenen Reformen hätten sich jedoch auf Dauer durchgesetzt, den Weg zum heutigen, modernen Verfassungsstaat geebnet. De Groot: Darin- und nicht in der Fremdherrschaft - liege die eigentliche historische Bedeutung des Königreichs Westphalens für die deutsche Geschichte. "Rolfshagen aktiv" habe dagegen alles richtig gemacht - habe es verstanden, dieses Ortsjubiläum zu einem Volksfest für ganz Rolfshagen zu machen, wieder einmal die Bürger mitzunehmen. Ganz nebenbei unterstütze "Rolfshagen aktiv" klammheimlich den korsischen Unterdrücker: "Durch den Bau einer Boulebahn in Rolfshagen macht man auch hier das Lieblingsspiel der Franzosen populär." "Hoch lebe das tapfere Rolfshagen", rief de Groot am Schluss. Und: "Für unsere französischen Freunde im Zelt .Vive l' Empereur'". Aber nicht mehr lange.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare