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Sicherer Arbeitsplatz reicht nicht mehr: Öffentlicher Dienst will sich stärker als attraktiver Arbeitgeber präsentieren

Behörden im Kampf um Azubis

Landkreis, Städte und Kommunen als Arbeitgeber bekommen nun mit Macht zu spüren, was bei zahlreichen Unternehmen längst Alltag ist: Ihm geht der Nachwuchs aus

veröffentlicht am 08.03.2018 um 14:12 Uhr
aktualisiert am 08.03.2018 um 20:17 Uhr

Die Vorstellung vom Leben zwischen Aktenordnern schreckt immer noch viele von der Arbeit im öffentlichen Dienst ab. Diesbezüglich wollen die Behörden ihr Image bei jungen Leuten aufpolieren.
Joachim Zieseniß

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Joachim Zieseniß Reporter Bodenwerder zur Autorenseite
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. Im Wettbewerb mit der Wirtschaft werden sich die Kommunen in Zukunft mächtig nach der Decke strecken müssen, um die öffentliche Daseinsvorsorge sicherstellen zu können. Während Politiker seit Jahren vor den Gefahren der Demografie für Wirtschaft und Sozialstaat warnen, wurden die Folgen für den öffentlichen Dienst offenbar lange unterschätzt.

Hintergrund dieser aktuellen Entwicklung: Dem öffentlichen Dienst droht die Überalterung.. So weiß Andreas Pachnicke, Chef des Dezernats für Personal und Organisation beim Landkreis, dass bis zum Jahr 2035 die Hälfte der derzeitigen Belegschaft der Kreisverwaltung – und das sind derzeit um die 650 Mitarbeiter – in Ruhestand gegangen sein wird. Die Altersstrukturen im Kreishaus und in den Rathäusern spiegelt im Grunde die allgemeine demografischen Entwicklung wieder: Der sogenannte Babyboomer-Jahrgang geht in absehbarer Zeit in Rente und Pension. Dazu kommt der Umstand, dass das Jobangebot im öffentlichen Dienst derzeit so gut wie nie ist: Behörden-Mitarbeiter sind heute hart umworben, können problemlos den Arbeitgeber wechseln. Sogar von Abwerbungen ist die Rede.

Der Öffentliche Dienst muss also im Kampf um Azubis schnellstens in den Konkurrenzkampf mit der freien Wirtschaft treten. Und dazu meint Christian Kamlage, Leiter der Personalorganisation im Kreishaus: „Früher hat der Hinweis auf einen sicheren Arbeitsplatz ausgereicht, um Angestellten- und Beamten-Nachwuchs zu bekommen.“ Die derzeitige gute wirtschaftliche Situation, zurückgehende Arbeitslosenzahlen und Aufgaben-Zuwachs in der Verwaltung durch Fallzahlensteigerungen, Zunahme von Überwachungspflichten, Gesetzesänderungen durch EU-Vorgaben und notwendigen Ausbau der Digitalisierung machten es für den öffentlichen Dienst derzeit zum unbedingten Muss, Nachwuchs zu rekrutieren, so Kamlage.

Für eine effektivere Nachwuchsgewinnung haben sich Städte, Gemeinden und die Kreisverwaltung zu einem kommunalen Ausbildungswerk namens „Be-Ha-Py“ zusammengeschlossen. Foto: dana
  • Für eine effektivere Nachwuchsgewinnung haben sich Städte, Gemeinden und die Kreisverwaltung zu einem kommunalen Ausbildungswerk namens „Be-Ha-Py“ zusammengeschlossen. Foto: dana

Das zu schaffen, muss die öffentliche Hand deutliche Maßnahmen einleiten und sich als attraktiver Arbeitgeber präsentieren. Denn bei tariflich festgelegten Löhnen und Gehältern kann in Kreis-und Rathäusern nicht mit Geldscheinen gewinkt werden. Und die derzeitigen Streiks im öffentlchen Dienst sprechen hier eine deutliche Sprache.

Information

Beamtenbund fordert mehr Personal

Der Beamtenbund dbb pocht auf mehr Personal und mehr Geld für den öffentlichen Dienst. Der Beamtenbund fordert das Schließen wachsender Personallücken. „Es fällt schwer, einen Staat als funktionierend zu bezeichnen, in dem Bürgeramtstermine meistbietend versteigert werden und Ehen nicht geschlossen werden können, weil das Standesamt aus allen Nähten platzt“, sagt Verbandschef Ulrich Silberbach. Dem öffentlichen Dienst fehlten mehr als 200 000 Beschäftigte. Aufholen müsse Deutschland laut Silberbach auch bei der Digitalisierung der Verwaltung. Alle wollten, „dass die Bürger rund um die Uhr vor den virtuellen Schalter treten können“. Nötig sei ein Pakt für Digitalisierung. Für Hardware, Software und Qualifizierung müssten mittelfristig zweistellige Milliardenbeträge investiert werden. Silberbach ruft zudem dazu auf, „den desaströsen Besoldungswettbewerb unter den Ländern einzudämmen“. Manche Bundesländer wollten die Grenzen der Bezahlung der Beamten nach unten austesten. dpa

Im Hameln-Pyrmonts Kreishaus findet daher derzeit ein Umdenken statt – weg von reiner Personalverwaltung hin zum Personalmanagement. Und das will nicht allein mit finanziellen, sondern mit den „weichen“ Argumenten um Zuwachs in den Reihen des öffentlichen Dienstes punkten. Der Landkreis Hameln-Pyrmont steht vor der Herausforderung, sich als „attraktiver Arbeitgeber“ zu empfehlen, und hat das zu einem Hauptziel für 2018 erklärt.

So soll eine eigene Arbeitgeber-Hompage die Vorzüge des Landkreises als Arbeitgeber herausstellen und potenzielle Mitarbeiter-Verstärkung anwerben. Neben den Themen „sicherer Arbeitsplatz“ und Arbeitszufriedenheit durch Gemeinwohlorientierung werden hier die Angebote in den Aufstiegsmöglichkeiten, im Gesundheitsmanagement für die Mitarbeiter sowie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf aufgezeigt.

Für eine effektivere Nachwuchsgewinnung haben sich Städte, Gemeinden und die Kreisverwaltung zu einem kommunalen Ausbildungswerk namens „Be-Ha-Py“ zusammengeschlossen. Im Rahmen dieses Zusammenschlusses werden Werbemaßnahmen und gemeinsam Aktionen zur Azubi-Gewinnung gestartet. Andreas Pachnicke nennt hier als eines der schlagenden Argumente für eine Lehre bei der Kreisverwaltung, dass Azubis, deren Leistung stimmt, pauschal eine Übernahmegarantie gegeben werden kann.

Denn der Landkreis, der seit 2017 die Anzahl seiner Auszubildenden erhöht hat, möchte den selbst herangezogenen Nachwuchs ans Haus binden. Dem dient auch der Umstand, dass die Kreisverwaltung ab diesem Jahr auch das duale Studium für die Bereiche Soziale Arbeit und Verwaltungsinformatik sowie die Ausbildung zum Bauzeichner anbietet; alles Sparten, in denen derzeit absoluter Mangel für Verwaltungen besteht. Für die Betreuung von Schul-Praktikanten – jährlich werden 70 davon im Kreishaus begrüßt – wurde eigens die Azubi-Firma „Juniors“ gegründet.

Keine Rede also mehr im Kreishaus von Stellen-Stopp und Deckelung des Personaletats, wie sie noch vor Jahren als Schuldenbremse die politische Diskussion über die Personaletats bestimmte. Anstatt auf bittere Sparrunden und Streichkonzerte mit Arbeitsverdichtung und Burnout in den Amtsstuben konzentriert man sich jetzt an der Süntelstraße auf das Thema „zukunftsfähige Unternehmenskultur“: Ab diesem Jahr soll im Kreishaus an einer Auszeichnung für das INQU-Audit, initiiert von der Bertelsmannstiftung, gearbeitet werden; der Audit, der auch in der freien Wirtschaft erworben wird und als Logo für das Mitarbeiter-Marketing genutzt werden kann, attestiert mitarbeiterorientiertes Personalmanagemet. Hierzu läuft derzeit eine Befragung unter Verwaltungsführung und Mitarbeitenden. Daraus soll anschließend eine Optimierung der Arbeitsbedingungen beim Arbeitgeber Landkreis entwickelt werden.

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