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Ostern im Schaumburger Land vor 200 Jahren

Befreiung von den Befreiern!

Über die Bedeutung von Ostern als althergebrachtes Auferstehungs- und Wiedererweckungsfest und die Entwicklung des zugehörigen Brauchtums ist schon viel nachgedacht und geschrieben worden. Weniger bekannt sind die alltäglichen Begleitumstände, unter denen unsere Altvorderen den Frühlingsauftakt in früheren Jahrhunderten erlebt haben. Eine Ausnahme ist die Osterzeit 1813. Über die vor 200 Jahren (damals am 18. Und 19. April) hierzulande herrschenden Verhältnisse gibt es viele und ausführliche zeitgenössische Beschreibungen. Sie ermöglichen – über die damals höchst dramatische politische Entwicklung hinaus – einen Einblick in das Denken, Fühlen und Trachten der seinerzeit hierzulande lebenden Menschen. Nur so viel vorweg: Wetter, Festtagsessen und Feiertagsgestaltung waren kein Thema.

veröffentlicht am 30.03.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 18.04.2013 um 10:42 Uhr

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Der größte Teil Schaumburgs war – wie fast ganz Europa – von napoleonischen Truppen besetzt. Die Bevölkerung hatte sich, wenn auch nur widerwillig und mühsam, an die von den Franzosen verordnete Verwaltungs-Neuorganisation mit Departements, Distrikten, und Kantonen gewöhnt. Auch Begriffe wie (Unter-) Präfekt, Munizipalrat (Gemeinderat) oder Maire (Bürgermeister) gingen mittlerweile recht flott über die Lippen. Einige „Importe“ wurden von fortschrittlich denkenden Untertanen sogar als Bereicherung gewertet. Die Abschaffung der adligen Feudalrechte, die Beseitigung der Leibeigenschaft und die Beschneidung der Kirchenpfründe samt Enteignung der Klöster hatten einen zuvor nicht für möglich gehaltenen Modernisierungsschub gebracht. Trotzdem wuchs der Wunsch, die vor sieben Jahren aufgetauchten Besatzer endlich wieder los zu werden. Viele idealistisch denkende Deutsche dachten dabei an die Verwirklichung eines nationalen Einheitsstaates. Den abgesetzten Fürsten ging es einzig und allein um die Wiederherstellung ihrer einstigen Pracht und Herrlichkeit.

In den Tagen und Wochen vor und nach Ostern 1813 wurde der Ruf nach „Befreiung von den Befreiern“ auch im Schaumburger Land immer lauter. Anlass und Auslöser war die Russland-Katastrophe der Grand Armee. Der im Sommer 1912 gestartete Marsch Napoleons auf Moskau hatte ein schreckliches Ende genommen. Mehr als drei Viertel der auf über 450 Tausend Mann geschätzten Einheiten waren umgekommen, darunter auch mehrere Hundert, zuvor als Söldner angeworbene Männer aus der hiesigen Region.

Zu Trauer und Wut über den Größenwahn des französischen Eroberers kamen zunehmende Schikanen vor Ort. Nach dem Zusammenbruch der Ostfront waren die heimischen Straßen zu Haupt-Auf- und Durchmarschverbindungen geworden. Zwischen den Militärbastionen Hannover und Minden herrschte Hochbetrieb. Die Kommandanten der durchziehenden Trupps fackelten nicht lange. Immer öfter wurde die Forderung nach Quartier und „Fourage“ mit aufgepflanztem Bajonett vorgetragen. Dem Stadthäger Stadtkommandanten Hauptmann von Campe wurde es offenbar zu bunt. „So elend und jämmerlich sie auch sein mögen, so abscheulich führen Sie sich mitunter auf“, notierte er am 18. Februar 1813 in sein Diensttagebuch. „Ich lasse aber darauf schlagen und sie ins Cachot (Gefängnis) stecken, dass es eine Art hat.“

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  • Hessische (r.) und westfälische (l.) Soldaten von Napoleons Truppen. Darstellungen des deutschen Malers und Zeichners Richard Knötel (1857-1914) aus seiner Sammlung „Historische Uniformen“.
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  • So sah die politische Zuordnung des Schaumburger Landes während der sogenannten „Franzosenzeit“ aus. gp (4)

Noch übler als die Dreistigkeit der durchziehenden Legionäre stießen die neuerlichen, noch rücksichtsloser als bisher durchgeführten Rekrutierungsaktionen auf. Mancherorts wurden regelrechte Treibjagden auf die nachwachsenden männlichen Jugendlichen veranstaltet – nicht selten auch in Familien, deren Söhne und/oder Väter bereits unter französischem Kommando ums Leben gekommen waren. Oft blieb nur die Flucht in die Wälder. Als besonders beliebtes (weil sicheres) Versteck galten bei den Bewohnern des heimischen Wesertals die Höhenzüge zwischen Uchtdorf und Goldbeck. Nach den Recherchen des Rintelner Historikers Kurt Klaus waren dort und in anderen abgelegeneren Gegenden über Monate hinweg „Executions-Commandos“ unterwegs. Nicht selten kam es zu blutigen Zusammenstößen. Der letzte große Einsatz mit 200 aus Hameln herbeorderten Soldaten ging in den Wochen nach Ostern in den Bergen oberhalb von Rumbeck (heute Hessisch Oldendorf) über die Bühne.

Die Bürgermeister und Ortsgendarmen hatten alle Hände voll zu tun, um noch Schlimmeres zu verhindern. Nicht alle gingen dabei so forsch zur Sache wie der erwähnte Stadthäger Stadtkommandant von Campe. Der damalige, namentlich nicht genannte „Kantonsmaire“ von Rinteln setzte (vergeblich) auf Unterstützung seines Vorgesetzten. Zehn Tage vor Ostern seien „3 reitende Kaiserlich-Französische Douaniers (Zollbeamte) bei ihm erschienen, teilte er dem örtlichen Unterpräfekten mit. Die Abgesandten aus Minden hätten befohlen, „alle hier befindlichen Schiffe und Fahrzeuge entweder nach Minden zu bringen, zu versenken oder zu verbrennen“. Da er (der Bürgermeister) nicht wisse, „ob er das Verfahren zulassen oder sich dagegen widersetzen“ solle, bitte er „ihn hierüber mit einer Erhaltungsregel geneigtest zu versehen“. Die „gehorsamst“ erbetene Entscheidungshilfe kam nicht. Stattdessen wurde die komplette örtliche Weserflotte nach Minden geschafft – ein für die Rintelner Kaufmannschaft unersetzlicher und existenzgefährdender Verlust. Besser und zügiger machten es die Leute aus dem benachbarten Weserdörfchen Erder. Sie ließen ihre ebenfalls beschlagnahmten und von den Zöllnern zum Hafensammelplatz Rinteln gebrachten Kähne in einer Nacht- und Nebelaktion in heimatlichen Verstecken verschwinden.

 

VON WILHELM GERNTRUP



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