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Neujahrskonzert in der Nikolaikirche mit den Göttinger Symphonie-Orchester

Beethovens Neunte - wirklich mehr als nur ein "Song of Joy"

Rinteln. Die tatkräftige Unterstützung des Kulturrings und die großzügige Förderung durch die Volksbank machte es möglich, dem diesjährigen Rintelner Neujahrskonzert mit der Aufführung von Beethovens Sinfonie Nr. 9 einen ganz besonderen Rahmen zu geben: Schließlich musste Wolfgang Westphal als musikalischerLeiter dafür nicht nur das Göttinger Symphonie-Orchester in großer Besetzung verpflichten, sondern auch um Gesangssolisten bemüht sein und den Schaumburger Oratorienchor und den Jugendchor der ev. Singschuleüber Wochen und Monate hinweg auf ihre Mitwirkung vorbereiten.

veröffentlicht am 22.01.2008 um 00:00 Uhr

Das große Aufgebot der Mitwirkenden schränkt in der Nikolaikirch

Autor:

Ulrich Reineking

Schon das große Aufgebot der Mitwirkenden schränkte das Platzangebot in der Nikolaikirche gegenüber den Konzerten im Brückentorsaal zusätzlich ein und so gab es im Vorfeld Klagen von Musikfreunden, die im Vorverkauf leer ausgegangen waren. Nicht einmal engsten Angehörigen der Choristen konnten Karten reserviert werden. Dies alles aber war vergessen, als Westphal im festlich erleuchteten Kirchenschiff den Taktstock zum ersten Satz erhob, der in seinem Verzicht auf durchgehende Melodien auch dann als eine wenig kulinarische Klangsuppe empfunden werden mag, wenn so brillante Instrumentalisten wie die Göttinger seine schroffe Schönheit interpretieren. Gerade das Donnergrollen der Pauken wird dabei so nachdrücklich betont, dass sich im Hörer Schreckensvisionen von eindringlicher Schärfe aufbauen, die in der trauernden Marschrhythmik der letzten Takte noch ihre Bestätigung finden. Im zweiten Satz unterstreicht diese Aufführung die Monotonie des Gehetzten, signalisiert dem Publikum aber im Mittelteil des Scherzo durch das ungewöhnlich betonte Zitieren der "Freudenmelodie" bereits die Hoffnung, dass es einen Weg aus der Getriebenheit geben mag, die in den Schlusstakten von Beethoven noch durch eine Serie dramatischer Oktavsprünge unterstrichen wird. Für den dritten Satz hatte der Dirigent in seinen erläuternden Eingangsworten eine Art "Wellness-Programm" zur musikalisch-emotionalen Wiederaufrichtung versprochen und dementsprechend sanft und getragen wird das Orchester zunächst geführt. Was ja ohnehin vom Komponisten schon angelegt ist in der Vorgabe, dass die Instrumente durchweg nacheinander in diesen Satz einsteigen. Fagott folgt auf Fagott und Klarinette, bevor die Streicher einstimmen, wobei erst dann die erste Geige das Thema vorgibt und damit den Weg zu instrumentaler Schwelgerei eröffnet. "Schließen Sie ruhig die Augen" , hatte Westphals Einladung geheißen und nach den Herausforderungen des ersten und zweiten Satzes machte so manche und mancher für einige Takte Gebrauch davon. Während von der Uraufführung in Wien immerhin bezeugt ist, dass es sogar schon inmitten des zweiten Aktes nach dem Scherzo Ovationen gab, übte sich die Zuhörerschaft in Rinteln auch nach dem dritten Satz noch in Geduld, obwohl die konzentrierte Aufmerksamkeit schon tiefe Anteilnahme verriet. Der vierte Satz in seiner komplexen Maßlosigkeit an Zeit, Gefühl und Melodienreichtum verliert seinen hymnischen Charakter auch dort nicht, wo die Bläser eingangs noch in dissonanten Akzenten die Verzweiflung an dieser Welt aufgreifen. Wunderbar, wie dann zunächst nur Fagott und Bratsche in den Freudengesang einstimmen und dann nach und nach die übrigen Instrumente dazu treten, bevor dann alles wieder in die Dissonanz zurückfällt - bis hin zu jedem finalen Wendepunkt, wo es im Rezitativ heißt " O Freunde, nicht diese Töne" und alles dem Appell folgt, angenehmere, harmonische und freudenvollere anzustimmen und die musikalische Allversöhnung beginnen kann. Tenor Michael Pflumm, Bassist Manfred Bittner Eva Schneidereit (Alt) und Ina Westphal (Sopran) liefern sich dabei ein vokales Wechselspiel von betörender Innerlichkeit und intensiver Kraft. Erzeugen so einen vergeistigten Jubel, dem der Schaumburger Oratorienchor und der Jugendchor der Singschule mit engagierter Präzision noch zusätzliche Wucht und Intensität verleihen, aufgehend im Zusammenwirken mit den Symphonikern. Mit der Prägnanz dieses Konzerts wurde die Neunte zugleich vor der Gefahr gerettet, auf Klingelton- und Festtags-Beliebigkeit des "Song of Joy" reduziert werden und entsprechend nachhaltig der Beifall eines rundum begeisterten Publikums. Die ersehnte Zugabe konnte es danach wirklich nicht geben - ein singuläres "Freude schöner Götterfunke" wäre da nur beliebig gewesen.

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