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Kein Behindertentaxi, kein barrierefreier Bahnhof: Es gibt viel zu tun für Rintelns Behindertenbeirat

Barrierenüberall - vor allem in den Köpfen

Rinteln (mld). Stellen Sie sich vor, Sie müssten zu einem dringenden Termin und hätten kein Auto zur Verfügung. Also bräuchten Sie ein Taxi - da erfahren Sie jedoch, dass es in Ihrer Ortschaft kein Taxi gibt, sondern es erst aus einer zwölf Kilometer entfernten Stadt geordert werden müsste. Würden Sie das nicht als Unrecht empfinden? Die 3016 Menschen mit Behinderung in Rinteln haben momentan allerdings keine andere Wahl, als dieses Unrecht hinzunehmen - in ihrer Stadt gibt es nämlich kein einziges Behindertentaxi. Das müsste aus Bückeburg bestellt werden.

veröffentlicht am 06.10.2007 um 00:00 Uhr

G. Bokeloh

"Wir sehen vieles, das falsch läuft", seufzt Gudrun Bokeloh, stellvertretende Vorsitzende des Behindertenbeirates Rinteln. Im Gespräch mit unserer Zeitung stellt sie gemeinsam mit dem Vorsitzenden Manfred Pollmann die Arbeit des Beirates vor. Eines wird dabei schnell klar: Das öffentliche Leben in Rinteln wäre ärmer ohne die Arbeit seiner sieben Mitglieder. Der Beirat, 2006 ins Leben gerufen, hat sich nichts Geringeres vorgenommen, als die Wege für ein möglichst selbstbestimmtes Leben für Menschen mit Behinderung zu ebnen. Das bedeutet viel Arbeit und noch mehr Einsatz: Es gilt nämlich auch, die Barrieren in den Köpfen nicht behinderter Menschen herunterzubrechen. "Aber ob wir das noch erleben...", sagt Bokeloh. "Es geht nur mit sehr kleinen Schritten voran." Unbestritten wird bereits einiges für barrierefreies Leben getan: Die Stadtbusse sind für Rollstühle absenkbar, der barrierefreie Tourismus kommt in Gang und auch die geplante Weserpromenade soll möglichst behindertengerecht werden. Doch es gibt noch viel zu tun für den Beirat: Zum Beispiel ist der Rintelner Bahnhof nicht barrierefrei, genauso wenig wie 60 Prozent der niedersächsischen Bahnhöfe. Dass es anders, selbstverständlicher, laufen kann, zeigt das Ausland, wo ein behindertengerechtes Stadtbild oft eine Natürlichkeit ist: Rampen zum portugiesischen Strand oder herabgesenkte Waschbecken auf isländischen Raststätten. In Deutschland sind laut Pollmann zwar einige Möglichkeiten gegeben, doch die Allgemeinheit tut zu wenig. Dabei sind es oft nur Kleinigkeiten, die das Leben eines Menschen mit Behinderung schwer machen, die aber leicht vermieden werden könnten: Vor dem behindertengerechten Fahrstuhl liegen Stufen, in ein Geschäft führt ein Absatz, die Behindertentoilette ist zugestellt. "Man steht als Behinderter draußen und fragt: ?Darf ich hier rein?'", erzählt Bokeloh. Sie selbst ist leicht gehbehindert und weiß, dass es nicht darum geht, dass Behinderte irgendwie an ihr Ziel gelangen - sondern darum, so lange wie möglich die eigene Unabhängigkeit zu bewahren. Für genau diese Probleme setzt sich der Beirat ein: Er tagt jeden zweiten Dienstag des Monats öffentlich im Rathaus; Vereine, Gruppen und Privatpersonen können sich jederzeit an ihn wenden. Der Beirat berät im Sozial-, Schul- und Bauausschuss und stößt auch bei Stadtrat und Bürgermeister immer auf offene Ohren. "Wir fühlen uns wohl!", freut sich Pollmann. Und gibt zu bedenken: "Eine Behinderung kann schneller kommen, als man denkt." Er selbst hat nie damit gerechnet, eines Tages "behindert" zu sein - bis eine Augenkrankheit sein Sehvermögen angriff. Ihm ging es wie der Mehrheit der insgesamt 8,6 Millionen Behinderten in Deutschland, die ihr Handicap erst im Laufe ihres Lebens ereilt. Umso wichtiger sei es, die Scheu vor dem Thema "Behinderung" zu verlieren. "Hier fehlt es an der Selbstverständlichkeit, dass es auch andere Menschen gibt als ,normale' Erwachsene", stimmt Bokeloh zu. Auch Senioren oder Familien mit Kinderwagen profitieren von Rampen und abgesenkten Bordsteinen. "Die Welt ist doch bunt!", bemerkt Bokeloh lächelnd.

M. Pollmann
  • M. Pollmann


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