weather-image
18°
×

Balkonblumen im Winter? „Schrecklich!“

Am Rintelner Marktplatz blühen schon jetzt ein paar bunte Blumen in den Blumenkästen, die vor den Fenstern eines Fachwerkhauses hängen. „Schrecklich!“ sagt Wolfgang Danger. „Die blühten schon zur Weihnachtszeit und werden noch im Herbst ganz genau so blühen. Es sind Kunstblumen, und das geht eigentlich gar nicht.“

veröffentlicht am 13.04.2011 um 18:21 Uhr

Autor:

Danger gehört zur Kommission des Verschönerungsvereines, die jeden Sommer aufmerksam durch die Stadt wandert, um hübsch bepflanzte Vorgärten und Balkone für die Teilnahme am Blumenschmuckwettbewerb zu entdecken. Was wünschen sich denn die Städte im Landkreis, das ihre Bürger zur Stadtverschönerung beitragen sollen?

„Nun, man kann niemanden zu etwas zwingen“, meint Wolfgang Danger. „Aber wenn die Passanten stehen bleiben und sagen: ,Das ist ja mal schön!‘, dann ist es so, wie es sein soll.“ Jedes Jahr gibt es drei Preise: für den schönsten Balkonschmuck, den schönsten Vorgarten und den ansprechendsten Gesamteindruck. Dabei geht es nicht um besonders exotische Dinge. Den ersten Preis für Balkonschmuck gewannen Blumenkästen am Marktplatz, die auf besonders harmonische Weise rotrosa Geranien und hellgrün herabrankenden Weihrauch verbanden. „Nichts gegen Geranien“, so Danger. „Es gibt sie in so vielen Farben und Formen und sie stehen auch regnerische Sommer durch. Kein Wunder, dass sie immer noch die beliebtesten Balkonpflanzen sind.“

Auch in Stadthagen gibt es so einen Wettbewerb, unter dem Motto „Stadthagen blüht auf!“ Hier ist es Thomas Gröppel, der Vorsitzende vom Verkehrsverein, der sich mit einem Team von Kollegen überall in der Stadt umsieht, wo Bürger etwas grünen und blühen lassen. Durchaus großzügige Preise werden verteilt, Geld ebenso wie Zubehör für Garten und Balkon. „Ach ja, die Preise, das freut die Gewinner natürlich. Aber der eigentliche Anreiz, Blumen zu pflanzen und sich damit Mühe zu geben, liegt wohl in der Sache selbst. Blumenschmuck, den alle bewundern können, ist nicht nur eine Freude für den Besitzer, die Leute machen ja quasi der Allgemeinheit ein Geschenk. Das macht glücklich.“

Glücklich, gewiss – wenn denn auch alles gut gelingt. Der Rintelner Stadtgärtner Ulrich Hartmann kann ein paar Tipps dafür geben, dass die Arbeit nicht umsonst sein wird. „Das Wichtigste ist: gießen, immer regelmäßig gießen“, sagt er. „Wenn die Pflanzen auch nur einmal eine Trockenphase haben, so, dass die Blätter braun werden, dann ist das wie ein Schuss ins Knie. Danach kommen sie nie wieder richtig hoch.“ Gerade Anfänger nähmen es mit dem Wässern oft nicht so ernst und sind dann schnell entmutigt, wenn die Blumenpracht in sich zusammensinkt.

Balkonpflanzen, die in der Sonne hängen, sind besonders gefährdet. Oft kommt man mit dem Gießen gar nicht hinterher, weil die Erde allzu schnell bis zum Kastenboden austrocknet. „Man sollte möglichst große Kästen wählen, auch wenn man dann viel Erde anschleppen muss“, sagt der Stadtgärtner. „Die Pflanzen können sich besser verwurzeln und auf diese Weise Wasser speichern.“

Hilfreich seien auch Blumenkästen mit einem integrierten Wasserreservoir, dann reiche es meistens aus, einmal am Tag zu gießen, eine echte Erleichterung, denn ein großer Kasten mit sechs Blumenpflanzen, der kann im Sommer locker zehn Liter pro Tag verbrauchen.

Zweiter bedeutsamer Punkt für ein blühendes Wachstum von Balkonpflanzen: Gute Blumenerde kaufen. „Mit billiger Discountererde kommt man nicht weit“, meint Hartmann. „Lieber Erde zumindest aus der mittleren Preisklasse wählen und die dann beim Einfüllen mit Langzeitdünger vermischen. Das ist besser als Düngestäbchen.“ Sinnvoll sei es auch, eine Schicht Hornspäne in die Erde einzubringen. Wenn man dann noch einmal pro Woche etwas Dünger dem Gießwasser zufügt, sollten die Blumen nichts zu klagen haben.

Über Geschmack kann man nicht sinnvoll streiten, das ist den Preisrichtern der Blumenschmuckwettbewerbe klar. „Und doch“, da sind sich Wolfgang Danger und Thomas Gröppel einig, „meistens ist weniger mehr.“ Es wirke gar nicht so schön, wenn ein Vorgarten in buntem Durcheinander überladen sei mit allem, was die Gärtnerei so hergebe. Und auch Blumenkästen an Fenstern und Balkonen wirkten viel stimmiger, wenn man nur zwei, höchstens drei unterschiedliche Pflanzen einsetze. „Ja, seltsam, wir sind so unterschiedliche Menschen, die sich den Blumenschmuck ansehen. Manche von uns wollen, dass alles Ecke auf Kante gepflanzt ist, andere bevorzugen farbenfrohe Blumenwiesen. Trotzdem können wir uns immer irgendwie einigen“, sagt Danger.

Stadtgärtner Hartmann kann auch in Sachen Ästhetik guten Rat geben. „Natürlich sind Farbkombinationen interessant. Allerdings kommen sie oft nicht richtig zur Wirkung, weil sie zu grell nebeneinander stehen. Weiß bildet da einen harmonischen Übergang und puffert zu gegensätzliche Farbwirkungen ab.“

Das gelte vor allem bei den eng gepflanzten Balkonblumen. Aber auch in Vorgärten sollte Weiß ruhig eine Rolle spielen. „Tiefrote Rosen vor einer dunklen Hauswand strahlen erst dann, wenn etwas Weißes, zum Beispiel Eisbegonien, das Rosenrot zum Leuchten bringt.“

Was den Preisrichtern in Rinteln und Stadthagen besonders am Herzen liegt: dass es kontinuierlich in Gärten, an den Fenstern und auf den Balkonen blüht. Vor allem in Stadthagen nimmt man diesen Gedanken sehr ernst. Dort gehen die Preisrichter für den Blumenschmuckwettbewerb ab Anfang Mai jeden Monat durch die Straßen der Stadt, um zu sehen, wo sich welche Bepflanzungen stetig durch die Zeit entwickeln.

In den Gärten erfreut es sie, wenn dort Frühblüher von Sommerblumen abgelöst werden und auch Büsche und Sträucher ins Gesamtbild einbezogen sind. Wo nicht viel Sonne hinkommt, macht sich das Fleißige Lieschen gut und wer selbst auf kleinstem Platz ein Blumenleben zu wecken weiß, etwa mit einer Buchsbaumkugel und ein paar Blümchen drum herum, der wird ein Lob der Kommission erhalten.

Was die Balkone und Fensterkästen betrifft, so wissen die Bewerter zu würdigen, wenn dort Weihrauch oder Hopfen ihre goldgelben und hellgrünen Ranken bilden oder auch gewagt wurde, die etwas wetteranfälligeren Petunien zu pflanzen, deren Sorte „Million Bells“ unendlich viele glockenförmige Blüten in verschiedensten Farben hervorbringt. „Eine Stadt, in der es blüht, ist nicht nur für die Bürger, sondern auch für die Touristen attraktiver“, so Thomas Gröppel. „Alles in allem können wir wirklich zufrieden sein.“

Ja, alles in allem. In den Innenstädten ist es gar nicht so leicht, einen stimmigen Blumenschmuck hervorzubringen, da dort kaum noch Privatleute leben, die sich liebevoll um ihre Bepflanzungen kümmern können, sondern Geschäfte angesiedelt sind, deren Inhaber oft die pflegeleichteste Variante wählen oder ganz auf Verschönerungen verzichten (es gibt aber auch eindrucksvolle Gegenbeispiele). Das ist einer der Gründe, warum sich der Obernkirchener Verein für Wirtschaftsförderung direkt an die Bürger der Bergstadt wendet und in einer Aktion zum Sommerbeginn am 21. Juni zum gemeinsamen Bepflanzen eines öffentlichen Beetes aufruft.

„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es eh immer dieselben Leute sind, die ihre Balkone und Gärten schön bepflanzen“, erklärt Gärtnerin und Vereinsmitglied Beate Venckus.

„Durch solche gemeinsamen Aktionen wollen wir ein allgemeines Interesse wecken, und das wird sicher funktionieren, die Obernkirchener sind ein ziemlich aufgeschlossenes Völkchen.“ In jedem Jahr soll ein weiteres Beet verschönert werden. Dabei kommt eine Idee zum Tragen, die auch in anderen Städten recht gut funktioniert: die Beetpatenschaft.

Einzelne Bürger, vor allem aber auch Geschäftsleute zeigen sich verantwortlich für Blumenbeete im Innenstadtbereich, sei es, dass sie sich ums Wässern und die Unkrautentfernung kümmern, sei es, dass sie bereit sind, eine Geldspende für die Pflege bereitzustellen. Bauhöfe und Stadtgärtnereien könnten solche Aufgaben nicht allein bewältigen. „Auch auf den Dörfern spielen solche Patenschaften für öffentliche Beete eine Rolle“, sagt Ulrich Hartmann. „Es würde die Stadt viel zu teuer zu stehen kommen, wenn wir da immer rausfahren müssten, um die Blumen zu gießen.“

Noch ist es für Blumenkästen, die keine Kunstblumen, sondern echte lebendige Pflanzen tragen sollen, zu früh, um mit der Gärtnerarbeit zu beginnen. Die gefürchteten Eisheiligen mit ihren frostigen Nächten zwischen dem 11. und dem 15. Mai sollten erst noch abgewartet werden. „In den letzten Jahren gab es zwar keine Frostnächte“, so die Rintelner Blumenhändlerin Jaqueline Müller. „Trotzdem rate ich zur Geduld, denn man weiß nie, ob die kalten Heiligen nicht doch zuschlagen – und dann muss man wieder ganz von vorn beginnen.“

Für passionierte Blumen- und Gartenliebhaber gibt es wohl fast nichts Schlimmeres als Kunstblumen. Wie gut, dass es da die alljährlichen Balkon- und Pflanzwettbewerbe gibt. Die gewinnt nicht unbedingt der exotischste Garten – auch ein Blumenkübel mit Geranien kann leicht Liebling der Jury werden.

Was hilft, um die Pflanzen schön blühen zu lassen? „Gießen“, sagt Gärtner Ulrich Hartmann. Dass zu wenig gewässert werde, sei ein typischer Anfängerfehler. Dieser Garten jedenfalls dürfte genug Wasser und auch Sonnenstrahlen abbekommen haben.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige
Anzeige