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Der Prozess gegen die Eilser Demonstranten vor 85 Jahren / Arbeiterführer halten „fanatische Reden“

Backpfeife im feudalen Fürstenhof

Eine Ohrfeige erhitzte vor 85 Jahren über Monate und Jahre hinweg – weit über Schaumburgs Grenzen hinaus – die Gemüter. Opfer des Handstreichs war der schaumburg-lippische Landtagspräsident und Landrat des Kreises Bückeburg, Erwin Loitsch (SPD), Ort des Geschehens das feudale Fürstenhof-Hotel in Bad Eilsen. Als Ausführender der Attacke gab sich ein Kurgast aus Herford namens Dr. Kirchfeldt zu erkennen.

veröffentlicht am 10.04.2009 um 23:00 Uhr

Autor:

Wilhelm Gerntrup

Der Tathergang ist schnell erzählt: Am 25. August 1923, einem Samstag, ging in Bad Eilsen ein Konzert der Bückeburger Garnisonskapelle mit anschließendem Tanzvergnügen über die Bühne. Irgendwann hatte sich auch Loitsch zur überwiegend illustren und festlich gekleideten Gästeschar gesellt. Der Mann habe wegen seiner ausgebeulten Cordhosen von Anfang an das Missfallen der Anwesenden erregt, erinnerte sich später ein Teilnehmer.

Während einer Tanzpause kam es zum Eklat. Eine Herrenrunde forderte zum Spielen und Mitsingen der Nationalhymne auf – eine damals gern und oft gepflegte Zeremonie, um auf diese Weise an die Größe des im Ersten Weltkrieg zu Unrecht gedemütigten Vaterlands zu erinnern und darüber hinaus Solidarität und Anteilnahme mit den unterjochten Brüdern und Schwestern im Ruhrgebiet zu bekunden. Das Industriezentrum des Reichs war Anfang 1923 wegen vermeintlich verzögerter Reparationszahlungen von den Franzosen besetzt und „in Geiselhaft“ genommen worden. Wie immer bei solchen, mit viel Pathos zelebrierten Gedenkritualen erhoben sich auch in Eilsen alle von ihren Stühlen und stimmten voller Inbrunst „Deutschland, Deutschland über alles“ an. Nur Loitsch und ein befreundeter Tischnachbar blieben sitzen. Die Festgesellschaft reagierte empört. Smokingträger Kirchfeldt verpasste Loitsch – unter dem lebhaften Beifall der meisten übrigen Anwesenden – eine Backpfeife.

Attacke löst politisches Erdbeben aus

Die Attacke löste ein heftiges, reichsweit spürbares politisches Erdbeben aus. Für die Nationalkonservativen war das Verhalten des damals zu den ranghöchsten heimischen Sozialdemokraten zählenden Arbeiterführers ein neuerlicher Beweis für die vaterlandslose Gesinnung der SPD. Und in deren Lager war man sich einig, dass die Ohrfeige weniger der Person Loitschs, als viel mehr der linken Bewegung insgesamt gegolten habe. Immer lauter war der Ruf nach Vergeltung vernehmbar. Man müsse dem Fürstenbesitz Bad Eilsen als Hort überkommener Feudalherrschaft und vor allem der „Prasser- und Bonzenhochburg“ Fürstenhof und der sich dort tummelnden Bourgeoisie einen Denkzettel verpassen, war zu hören. „Es war schon genug Ungeheuerliches von Eilsen zu hören, wo man während des Krieges die Schweine mit Fleisch gefüttert hat, während andere Leute vor Hunger nicht in den Schlaf finden konnten“, heizte der Bergmann und SPD-Landtagsabgeordnete Heinrich Kapmeier aus dem damals zu Schaumburg-Lippe gehörenden Dorf Beeke bei Obernkirchen die Stimmung zusätzlich an.

Fünf Tage nach dem Ohrfeigen-Vorfall war es soweit. Am Nachmittag des 30. August 1923 machte sich ein Demonstrationszug mit etwa 2000 Teilnehmern in Richtung Bad Eilsen auf den Weg. Den Kerntrupp der am Treffpunkt Vehlen aus allen heimischen Industriestandorten zusammen gekommenen Männer bildeten die Bergleute des Georgschachts bei Stadthagen.

Ein weiteres Großaufgebot stellten die Steinhauer und Glasmacher aus Obernkirchen und Rinteln. An der Spitze der Menge marschierten – die alte Revolutions- und Freiheitsfahne Schwarz-Rot-Gold schwenkend und die „Internationale“ singend – der Gewerkschaftsfunktionär und Georgschacht-Betriebsobmann Wilhelm Lenz, die SPD-Landtags- und Kreistagsabgeordneten Karl Abelmann, Karl Krömer, Karl Hofmeister und der bereits erwähnte Heinrich Kapmeier. Auch mehrere KPD-Anhänger aus Obernkirchen und Stadthagen unter Leitung des Bergarbeiters Karl Abel hatten sich dem Zug angeschlossen.

Zunächst ging alles recht friedlich zu. Doch dann, nach dem Erreichen des Fürstenhofes, eskalierte die Situation. Der Zug löste sich in mehrere, mehr oder weniger besonnen und/oder gewaltbereit vorgehende Einzelgruppen auf. Die oberen Stockwerke und der Vorratskeller des feudalen Gebäudes wurden „besetzt“, nach Aussage des verängstigten Hotelpersonals zudem Gäste angepöbelt, Weinvorräte geplündert und verschiedene kostbare Gemälde, darunter das Portrait des Bauherrn Fürst Adolf, aus dem Fenster geworfen. Einige Arbeiterführer hielten – auf den Tischen stehend – „fanatische Reden“. KPD-Aktivist Abel forderte, im Fürstenhof statt der „Bonzen“ vier Wochen lang Kriegsinvaliden und Arbeiterwitwen einzuquartieren und zu beköstigen.

Bürgermeister herangeschleppt

Kurdirektor Nievert und Hotelchef Sonderhof mussten sich vor versammelter Mannschaft ganz offiziell wegen des Ohrfeigen-Vorfalls entschuldigen. Bevor Lenz und Abelmann die Leute schließlich zum Rückzug überreden konnten, wurden Rufe nach einer „intensiven Belehrung“ des Eilser Gemeindevorstehers Prasuhn laut. Der als national-konservativer Hardliner bekannte Landwirt hatte die Loitsch-Backpfeife mit den Worten „der rote Landrat muß noch viel mehr aufs Fell kriegen“ kommentiert. Tatsächlich machte sich sofort eine Gruppe der Demonstranten zum nahe gelegenen Hof Prasuhns auf den Weg und schleppte den Bürgermeister unter Drohungen heran. Vom Balkon des Hotels aus musste Prasuhn unter dem Gejohle der Anwesenden die schwarz-rot-goldene Fahne schwenken und eine Art Ehrenerklärung für Loitsch abgeben.

In ähnlicher Weise rechneten die Demonstranten auf dem Rückmarsch mit den ebenfalls als Preistreiber und „Arbeiterschinder“ bekannten Hofbesitzern Piel und Möller in Vehlen ab. Dabei soll es zu heftigen Beschimpfungen und auch Schlägen gekommen sein.

Die Berichte und Kommentare über die Vorfälle versetzten die hiesige Region monatelang in Aufruhr und Empörung. Auch im Schaumburg-Lippischen Landtag ging es hoch her. Die dabei ausgefochtenen ideologischen Grabenkämpfe und persönlichen Diffamierungen prägten das geistig-politische Klima und das Miteinander der Parteien bis zum Ende der Weimarer Republik. Als Wortführer der Nationalkonservativen tat sich vor allem der Landgerichtspräsident und damalige DVP-Abgeordnete Dr. Heinrich Zwitzers hervor.

Der juristische Schlussstrich wurde im November 1924, also gut ein Jahr nach den „Eilser Demonstrationsvorgängen“, vor dem Bückeburger Amtsgericht gezogen. Das Verfahren darf getrost als „Jahrhundertprozess“ bezeichnet werden. Angeklagt waren 41 Personen. Die Verhandlungen gingen über fast 14 Tage. Das Interesse übertraf alles bisher in heimischen Gerichtssälen Dagewesene. 24 der Angeklagten wurden zu jeweils mehrmonatigen Haftstrafen verteilt. Am härtesten traf es – mit einem Jahr Gefängnis – den Bergmann Ernst Möller aus Kirchhorsten, der nach den Feststellungen des Gerichts durch besonders provozierendes und gewaltbereites Verhalten beim Hausfriedensbruch im Fürstenhof aus dem Rahmen gefallen war.



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