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Menschelnde Titanen im Kampf der Gefühle - Theaterspaß in Perfektion

Austern statt Allerlei: Wenn Bach und Händel gemeinsam diniert hätten...

Rinteln. In der farbigen Barock-Kulisse einer noblen Hotelsuite in Leipzig begrüßt Christian Janda als ziemlich graumäusiges Faktotum Schmidt das geneigte Publikum im gut besuchten Brückentorsaal, um ihm eine wahrhaft sensationelle Begegnung anzukündigen - die zwischen dem ortsansässigen Thomaskantor Johann Sebastian Bach und dem aktuellen Sonnenkönig der Musikwelt jener Zeit, dem Herrn Georg Friedrich Händel - dargeboten in der Komödie "Händel und Bach" von Theaterautor Paul Barz, der auch mit einer Händel-Biografie hervorgetreten ist.

veröffentlicht am 28.11.2008 um 00:00 Uhr

Bach (l.) und Händel kämpfen - wenn es sein muss - auch mit Mess

Autor:

Ulrich Reineking

Während Bach im mehrmals gewendeten und trotzdem besten und vermutlich einzigen Gehrock zu der Essenseinladung erscheint, rauscht Händel als Einladender aus dem fernen London in der sechsspännigen Kutsche voller Eleganz an - völlig indigniert, dass ihm als Ehrenmitglied der Gesellschaft der musikalischen Wissenschaften so wenig Ehrerbietung gezollt wurde bei der Feier zur Aufnahme des kleinen Thomaskantors. Entsprechend ungnädig fällt seine Reaktion auf den Dank von Bach für die Einladung aus. Während dieser beflissen stammelt "Ich bewundere Sie", gibt der weltgewandte Händel zurück: "Das ist so üblich." Sigmar Solbach verleiht seinem Händel die Züge einer maßlosen Arroganz, hinter der man aber schon die Tragik seines umtriebigen Lebens erkennt: Als Sohn eines erfolgreichen Wundarztes stand er mit seiner Entscheidung für die Musik von Anfang an unter dem Druck, auch unternehmerisch zum Erfolg verurteilt und auf äußeren Ruhmbedacht zu sein. Bach indessen, mit seinen vielen Kindern, der treu sorgenden Frau und aus einer weitverzweigten böhmischen Musikerfamilie stammend, kann sich damit begnügen, darin Erfüllung zu finden - gibt aber im wortwitzigen Duell der beiden Titanen unumwunden zu, den Engländer um dessen ökonomischen Erfolg zu beneiden - umso mehr, als er beim Austernschlürfen erkennt, dass auch er für andere Genüsse empfänglich ist als für sein täglich Leipziger Allerlei als kleiner Thomaskantor. Walter Renneisen gestaltet dieses Profil, ohne der komödiantischen Versuchung zu erliegen, aus der Figur Bachs einen schrulligen Provinzler zu machen - würde damit allerdings auch kaum der Stückvorlage nicht gerecht, die von Regisseur Barry Goldmann offenbar sehr konsequent umgesetzt wurde. In ihren pointierten Dialogen kämpfen beide durchaus nicht nur mit dem eleganten Florett, sondern hauen auch mit dem Säbel zu. Dabei entwickelt sich eine Auseinandersetzung um das Wesen von Musik und Kunst. Die Frage nach Ruhm und Nachruhm, universeller Gültigkeit und menschlichen Stärken wie Schwächen wird vor diesem Hintergrund aufgeworfen und darin zunehmend deutlich eine prinzipielle Hochachtung, die sich die Protagonisten wechselseitig entgegenbringen. Bevor die wachsende Harmonie der beiden doch schonälter gewordenen Herren nach Begründung einer Duzfreundschaft in die versöhnerische Unverbindlichkeit eines Happyend abgleitet, meldet sich erneut Faktotum Schmidt zu Wort, bevor der Vorhang fällt: "Diese Begegnung hat nie stattgefunden" - eine Art Bekenntnis zu jenem Realismus, den Brecht mit seiner Forderung "Glotzt nicht so romantisch" ins Theater gebracht hat. Lebhafter, langanhaltender Beifall für die überzeugende Leistung einer Produktion, die auf alle Manierismen des Startheaters verzichtete.



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